Der übermotivierte Retter, der Triest-Boom und das Fest, das keines war: Mediterrane Wochenschau CCXIII

Hier kommt der einzige Newsletter, der es ja selbst in »Meine Bar in Italien« geschrieben hat: no hurry, no pause – keinen Stress, sondern immer schön gleichmäßig weitermachen. Deswegen geht die »Mediterrane Wochenschau« auch nicht in die Sommerpause. Denn gerade jetzt in der Hochsaison ist Grado voller Geschichten.

Montag, 5. August

Au weia, das gab Ärger, und es wird auch in den nächsten Tagen noch reichlich Ärger geben: Die Sardelada, das stimmungsvolle Grillfest der Fischerkooperative am Hafen, fand in diesem Jahr nicht statt, weder am letzten noch an diesem Wochenende – dabei war es in den Broschüren groß angekündigt. Die Touristen strömten voller Vorfreude an den Riva Dandolo und wunderten sich: keine Buden, kein Weinausschank, kein Duft nach frittierten Sardinen. Nichts. (Auch bei Gradesern ist das Fest beliebt, weil man guten, preiswerten, gegrillten Fisch genießen kann, ohne die eigene Wohnung einzunebeln.) 

Sonntagabend, Riva Dandolo: dörfliche Idylle statt fauchendes Frittierfett.

Warum das Fest in diesem Jahr ausfiel? Eine offizielle Stellungnahme fehlt, überall wird gemunkelt. Einerseits soll es an Personal gemangelt haben, andererseits machen die Fischer mehr Geld, wenn sie ihren Fang nicht preiswert über den Tresen geben, sondern in ihrem eigenen Restaurant »Zero Miglia«, der Haupteinnahmequelle der Kooperative, verkaufen. Das alles wird sicher noch ein Nachspiel haben – vor allem, weil die Kommunikation von allen Seiten desaströs war.

Dienstag, 6. August

Gut gemeint ist fast immer das Gegenteil von gut, wie auch der tapfere Tourist aus Cervignano erfahren musste, der im Meer nicht weit vom alten Strand zwei Mädchen bemerkte, die erkennbar Schwierigkeiten hatten, es zurück zum Ufer zu schaffen – die Strömungen an der dortigen Mole können tückisch sein. Der Italiener warf sich in die Fluten, um die Mädchen zu retten. Bloß war er selbst bereits 82 Jahre alt und geriet ebenfalls in Not. »Aus einem doppelten Problem wurde ein dreifaches Problem«, kommentierte die örtliche Tageszeitung mit etwas eigenwilligem Humor. (Aber schmunzeln musste ich doch.)

Jetzt hast du dich endlich mal nützlich gemacht.

Alles ging gut aus, Rettungsschwimmer und Boote waren rasch vor Ort, der 82-Jährige wurde zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht. Die famiglia wünscht gute Besserung.

Mittwoch, 7. August

Das Jahr ist halb vorbei, die Verantwortlichen ziehen eine Zwischenbilanz, und der große Gewinner des Tourismus heißt nicht Grado oder Lignano, sondern Triest: ein Plus von unglaublichen 14,6 Prozent von Januar bis Juli 2024 im Vergleich zum ersten Halbjahr 2023. Warum? Weil der Kreuzfahrttourismus boomt und immer mehr Schiffe Triest ansteuern. Was in Venedig umstritten ist (um es mal vorsichtig zu formulieren), ist in Triest hochwillkommen. Dort gibt es ja auch keine Wackel-Palazzi auf zierlichen Säulen, sondern Habsburger Wuchtbauten, die sich von den Vibrationen der Dieselmotoren nicht beeindrucken lassen.

Auch Grado freut sich über ein Anwesenheitsplus, aber pure Präsenzen sagen ja nichts über das Geld aus, das im Ort gelassen wird, und da scheint es in in diesem Jahr doch etwas zu ruckeln. Genaue Zahlen sind nicht zu bekommen – auch weil, machen wir uns nichts vor, Gastronomen und Beachclubbesitzer immer ein bisschen was inoffiziell kassieren, ob in Italien oder anderswo –, aber in diesem Sommer sieht es in den Restaurants düsterer aus. Im Post-Corona-Boom haben es die Urlauber krachen lassen, jetzt wird wieder aufs Geld geachtet. Es ist zwar voll, aber Tische sind fast überall noch zu bekommen. Und auf jenen Tischen sieht man wieder die Karaffen mit preiswertem Hauswein statt teurer Flaschen. Auch die Schlangen vor den Pizzerien waren in den letzten Jahren länger. Dazu kamen mehrere Abende, an denen Wetterkapriolen die Einnahmen verhagelten. Klar, die Trattorien haben auch innen ein paar Tische. Aber die Geschäfte werden draußen gemacht. 

Das muss heute zum Abendessen reichen.

Gastronomen jammern immer, aber dieses Mal klingt es glaubwürdiger als sonst. Im ersten halben Jahr hat ja auch das Wetter wirklich nicht mitgespielt: Die beliebten Brückentage im Mai, für Grado eine ganz wichtige Einnahmequelle, waren allesamt verregnet. Aber wer weiß? Mit einem goldenen Herbst könnte im zweiten Halbjahr noch viel aufgeholt werden. Und vielleicht erbarmen sich die Fischer ja und holen die Sardelada im September oder Oktober nach – was nach Meinung vieler ohnehin sinnvoller wäre, denn im August ist Grado ja von ganz allein voll und braucht keine weiteren Attraktionen.

Donnerstag, 8. August

Eine Service-Mitteilung aus eurem Verkehrsstudio: An diesem Sonntag und am Ferragosto-Donnerstag wird die Innenstadt für Autos gesperrt, und zwar von 9 bis 13 Uhr. Hotelgäste und Anwohner dürfen passieren, aber der ewige und ziemlich sinnlose Parkplatzsuchverkehr (schönes deutsches Wortungetüm) soll vermieden werden. Solltet ihr an diesen Tagen an- oder abreisen, habt am besten irgendeine Bestätigung vom Hotel wie die Rechnung oder einen Anwohnernachweis dabei, wobei ein österreichisches oder deutsches Kennzeichen meist schon ausreicht. Der Zugang zur Innenstadt wird über die Piazza Carpaccio geregelt werden, aber die Sperren sind deutlich ausgeschildert, und die Vigili stehen auch überall herum.

Und gerade kam die Meldung, dass unser Fußballverein Gradese Calcio wohl doch gerettet ist – mehr dazu nächste Woche. Hier lest ihr von den Turbulenzen des Traditionsvereins.

Mein nächstes Italien-Buch erscheint am 4. April 2025. Worum es geht? Das darf ich erst im Herbst verraten, aber versprochen – hier lest ihr es zuerst. Das Cover sieht jedenfalls toll aus.

Zuvor erscheint Teil 3 der Porzellanmanufaktur, auch mit ganz viel Italien – Luca Esposito, der Sohn des »Bella Venezia«-Wirts, wird zum entscheidenden Protagonisten, der Jana Thalmeyer aus übler Gesellschaft rettet. Der offizielle Termin ist der 6. Oktober, die Buchhandlungen bekommen es schon ein paar Tage früher, und die Buchhandlung Graff hat eine Signieraktion organisiert: Ihr bekommt die Bücher mit meiner Unterschrift und auf Wunsch auch mit einem Text eurer Wahl (»Liebe Tante Techtel, viel Vergnügen bei der Lektüre & denk an mich, wenn du dein Testament aufsetzt«). Dann bekommt ihr das Buch kurz vor dem Erscheinungsdatum geliefert, deutschlandweit ohne zusätzliche Kosten.

Ich wünsche euch allen ein wunderbares Wochenende.

Weil jetzt viele von euch im Auto unterwegs sind: Die Hörbücher Das Italien-Prinzip, Meine Bar in Italien und Die Spaghetti-vongole Tagebücher verkürzen jede Hin- oder Rückfahrt. 

Meine Bücherseite habe ich (einigermaßen) aktualisiert, schaut doch mal vorbei.

Die Mediterrane Wochenschau von vorletzter Woche mit Bildern der Hagelschäden, Bud Spencer und Odysseus lest ihr hier.

Die Mediterrane Wochenschau von letzter Woche mit dem umstrittenen ORF-Bericht lest ihr hier – übrigens die meistgelesene Wochenschau des Jahres.

Auf Instagram findet ihr mich unter @buch_und_wein. In der Story poste ich jeden Tag eine Kleinigkeit aus Grado (oder von dort, wo ich gerade unterwegs bin).

Zurück zur Startseite mit allen Wochenschauen? Hier entlang.

Lesetermine
19. September: Westerwälder Literaturtage, Birkenhof-Brennerei, Nistertal
20. September: Bremen, Buchhandlung Lesumer Lesezeit
21. September: Osnabrück, Altstädter Bücherstuben
27. September: Klagenfurt, Buchhandlung Heyn – mit kulinarischer Begleitung
Ende November: Innsbruck, Einzelheiten folgen

2 Kommentare

Kommentare sind geschlossen.