Das höfliche Hochwasser, der schrumpfende Ort, der gemeldete Müll: Mediterrane Wochenschau CCXXIV

Hier kommt der Newsletter, der die Gummistiefel wieder zurück in den Schrank stellt: Das für Freitag um elf Uhr angekündigte Hochwasser kam zwar, hielt sich aber vornehm zurück, schwappte nur am Hafen etwas über und verschwand, ohne Schäden zu hinterlassen. Sehr brav!

Und dann wurde es sogar ein richtig schönes Wochenende, endlich.

Strandspaziergang am Abend: Die Natur liefert die passenden Skulpturen.

Montag, 21. Oktober

Das bedeutendste Gesprächsthema der Woche ist aber ein ganz anderes: Möglicherweise wird Grado sehr bald deutlich kleiner. Denn der Ortsteil Fossalon mit seinen siebenhundert Einwohnern hat echte Sezessionsbestrebungen und will sich von Grado lossagen. Viele Menschen dort fühlen sich alleingelassen, haben schon Arztpraxis, Postamt und Bank, fast alle Einkaufsmöglichkeiten und wohl bald auch die Grundschule verloren und wären lieber Teil von Fiumicello-Villa Vicentina – ein legitimer Wunsch, denn Grado und Fossalon haben ja nun wirklich wenig miteinander zu tun, während das Gebiet rund um Fiumicello genau so landwirtschaftlich geprägt ist wie Fossalon selbst.

Ein Beispiel, das für Missstimmung sorgt, ist der Ponte Cucchini, die extrem enge Brücke Richtung Fiumicello, die von landwirtschaftlichen Fahrzeugen nicht überquert werden kann, was für gewaltige Umwege sorgt – dass Grado diesbezüglich mit Fiumicello keine Lösung gefunden hat, kreiden manche den Insel-Gradesern an, die nichts von den Prioritäten der Fossalonesi verstünden oder sich eben nicht dafür interessierten. 

Pech hatten die beiden Bauern aus Fossalon, die von der örtlichen Tageszeitung in einem Symbolbild zu den Sezessionsbestrebungen bei der Feldarbeit abgebildet wurden. Sie seien aber, ließen sie die Redakteure wissen, keineswegs Teil der Abspaltergruppe und baten um eine Richtigstellung, was die Tageszeitung ein paar Tage später auch tat.

Der Bürgermeister von Grado hat jedenfalls reagiert und will sich mit den Abspaltungswilligen zusammensetzen, »um eine gemeinsame, dauerhafte Lösung der Probleme zu finden«. Was soll er auch sonst sagen? Ciao ciao?

Dienstag, 22. Oktober

Eine löbliche Initiative ist die Einrichtung einer kostenlosen Telefon-Hotline, bei der Gradeser und natürlich auch Touristen illegal liegengelassenen Müll melden können. Der wird dann rasch entsorgt. Die Nummer ist, deo volente, an Wochentagen von 8 bis 20 Uhr besetzt und Samstags bis 13 Uhr. Sie lautet 800 844 644 und ist vorerst nur aus dem italienischen Telefonnetz wählbar. Aber wollen wir mal nicht kleinlich sein, wenn das alles funktionieren sollte, wäre das ein großer Fortschritt, insbesondere in der Hauptsaison.

Mittwoch, 23. Oktober

Ihr habt es ja mitbekommen: Auf Instagram stelle ich seit zwei Wochen kleine Filme aus meinem italienischen Leben vor, die bei euch sehr gut ankommen. Danke für die vielen netten Mails und Kommentare!

Ihr findet mich unter @buch_und_wein, und letzte Woche habe ich eine Umfrage gemacht, welches meiner Italien-Cover euch am besten gefällt. 

Da stehen die Hübschen!

Eure Favoriten waren »Lezioni Italiane« und »Meine Bar in Italien«. Es sind auch meine Lieblinge, aber es gibt einen kleinen Unterschied: Zwar ist »Lezioni Italiane« das bessere Bild, ich glaube aber, dass »Meine Bar in Italien« das bessere Buchcover ist, weil es sehr, sehr gut den Inhalt darstellt. Übrigens – ich habe es schon auf einigen meiner Lesungen erzählt: Ursprünglich sollte das Buch »Pino schenkt nach« heißen, aber war uns dann doch zu alkoholisch. Es wäre natürlich ein guter Titel für einen möglichen Nachfolgeband …

In dieser Woche habe ich zwei Filme über meine Woche in Mailand geteilt. Es gibt jede Menge Köstlichkeiten, schaut vorbei.

Spaghetti »arm und reich« von Antonio Lebano: mit Brotkrumen und Kaviar.
Baccalà mit Karotte und Estragonpulver.

Donnerstag, 24. Oktober

Übermorgen, am Samstag, steigt das Sangesfestival, das, wie jeder Gradeser praktisch automatisch hinzufügt, »älter ist als das von San Remo«. Neun Gruppen treten beim 56. »Festival della Canzone Gradese« an, außerdem drei Jugend-Bands, alle aus Grado oder den umliegenden Orten. Das Festival ist eine große Sache für die Insulaner, denn fast jeder hat einen zumindest entfernten Verwandten auf der Bühne. Es braucht schon jede Menge Schneid, vor dem versammelten Ort eigens komponierte Stücke zu singen und zu spielen, Respekt dafür.

Es gab sogar mal ein Filmfestival in Grado, zu dem Pier Paolo Pasolini und Maria Callas sowie die Mailänder Modewelt auf die Insel kamen, und man würde zu gern, wenn es noch biologisch möglich wäre, mit den damaligen Verantwortlichen ein paar Hühnchen rupfen, um sie zu fragen, wie sie so etwas Tolles einfach versanden lassen konnten.

Wer am Wochenende kommt, kann am Sonntag außerdem die Ruderregatta Vogadalonga mit siebzig Booten bewundern. Das Wetter soll auch wieder mitspielen.

Noch zwei Leserzuschriften. Martina und Erich R. entdeckten diese Bar in Fano in den Marken:

Und Petra B. lässt es sich in der Abendstimmung Grados gut gehen.

Ich wünsche euch allen ein wunderbares Wochenende.

Die Mediterrane Wochenschau von letzter Woche mit neuen Erkenntnissen zum Reifenschlitzer lest ihr hier.

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Auf Instagram findet ihr mich unter @buch_und_wein.

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