Hier kommt der große Jahresrückblick, Teil 2: Juli bis Dezember. Genießt die Lektüre. Zu Teil 1 geht es hier entlang.
Vorab ein aktueller Einschub: Heute eröffnet die weihnachtlich geschmückte Strandbar Numero Uno. Glühwein und Kekse im Sand, noch bis zum 6. Januar – das hat was.
Und wer lieber Bewegtbilder will, findet bei Instagram (@buch_und_wein) ein paar aktuelle Filme.
Sonntag, 7. Juli
Es ist der Höhepunkt des Jahres: die Schiffsprozession »Perdón di Barbana«, die seit fast 800 Jahren am ersten Julisonntag stattfindet, sowie der »Sabo Grando« (Inseldialekt für »großer Samstag«) zuvor mit Musik bis spät in die Nacht. Wer an diesem Wochenende in Grado Ruhe und Erholung gesucht hat, wird wenig Glück gehabt haben.
Monatelang wird sogar über die Reihenfolge der Schiffe debattiert, die das Inselkloster ansteuern, und für Gradeser ist es eine große Ehre, auf einem der prächtig geschmückten Schiffe mitfahren zu dürfen. Die bange Frage lautet wie jedes Jahr: Wird die Überfahrt gelingen? Denn die drei Lagunenkilometer sind von zwei Hindernissen verstellt. Als erstes wartet die altersschwache Drehbrücke, die eine Durchfahrt zwischen Hafen und Lagune ermöglicht – oder das zumindest tun sollte. Im Frühjahr, bei einer kleineren Prozession, streikte der Mechanismus, alle Würdenträger mussten unwürdig in den Hafen zurückkehren, zu Fuß zur Anlegestelle in der Nähe des großen Kreisverkehrs laufen und dort Taxiboote betreten.

Als zweites ist die Fahrrinne bis Barbana bedenklich knapp bemessen. Mehr als eine Handbreit Wasser ist nicht unterm Kiel, was immer wieder für blockierte Boote sorgt, besonders dann, wenn sie mit ein paar Dutzend wohlbeleibter Honoratioren in Ausgehuniform bestückt sind und noch ein paar Zentimeter tiefer liegen.
Aber zum Glück ging alles gut.
Zu den Zeiten, als man noch mit Wind und Muskelkraft navigieren musste, ruderten die Gradeser übrigens – mit reichlich Wein an Bord – schon am Samstag in Richtung Barbana, stießen dort an, legten sich im Freien zum Schlafen nieder und feierten am nächsten Tag die Messe.
Montag, 8. Juli
Grado ist eine Woche lang Mittelpunkt der italienischen Fußballwelt! Denn die beliebte Sky-Show »Calciomercato« sendet jeden Abend ab 23 Uhr live vom Kirchplatz. Eine Expertenrunde – darunter Walter Zenga, Nationaltorwart bei der WM 1990 – redet eine Stunde lang über den Calciomercato, also den An- und Verkauf von Spielern und Trainern und was das für die taktische Formationen der Mannschaften bedeutet.

In einer Stunde geht’s los.
Es ist ein hochspekulatives, beinahe sinnfreies Gebrabbel, aber Italiener mögen das, weil man jeden Spielertransfer mit kleinen und großen Verschwörungstheorien würzen kann. Ein Beispiel: Riccardo Calafiori, der einzige EM-Lichtblick der Italiener, sollte eigentlich von Bologna zu Juve wechseln, aber weil der Bologna-Boss sauer auf seinen Ex-Trainer Thiago Motta sei, der trotz Zusage, bei Bologna zu bleiben, ebenfalls zu Juve wechselt, habe er angeblich gesagt: Calafiori kriegt ihr nur über meine Leiche, ihr schwarzweiß gestreiften Mistkerle, und nun sieht es so aus, als wechsle Calafiori zu Arsenal London. Ich schaue die Show zuhause, weil man dabei auch gut einschläft.
Montag, 15. Juli
Und dann ging nix mehr: Ein Stromausfall legte gestern von 16.30 Uhr bis 22.30 Uhr halb Grado lahm. Betroffen waren Città Giardino, Pineta, Valle Goppion und die Campingplätze, mithin laut der örtlichen Presse 6000 Menschen (eine Schätzung, die ich für zu niedrig halte). Restaurants konnten nicht arbeiten, Klimaanlagen und Aufzüge funktionierten nicht, und auch die Übertragung des EM-Finals scheiterte in den betroffenen Ortsteilen; erst kurz vorm Schlusspfiff war wieder Strom da.
Dass in der Hochsaison die Versorgung mal für ein paar Minuten schlapp macht, ist nicht ungewöhnlich, aber eine so lange Durststrecke ist schon seltsam. Klar, dass wieder einmal der neue Bürgermeister in Erklärungsnot war und nach dem Schiffsunglück und dem Brand im Spaßbad erneut eine Krise managen – oder zumindest erklären – musste.
Samstag, 20. Juli
Ja, was war denn das für ein Sturm? Ein heftiges, geradezu tropisches Gewitter mit Orkanböen und Hagel peitschte die Insel von Freitagabend bis Samstagmorgen so richtig durch.
Das Unwetter brach just zur movida um 21 Uhr los, als die Stadt voll war. Bloß gut, dass niemand von umherfliegenden Ästen oder Kaminabdeckungen getroffen wurde.

Der Hagel ging nicht über der Altstadt nieder, wohl aber über den Ortsteilen Boscat und Fossalon. Dort wurden Obst- und Gemüsegärten sowie Weinreben beschädigt.

Im Golf Club Grado riss der Sturm die Driving-Range auseinander.

Auch die Straße zwischen Aquileia und Grado war von umgestürzten Ästen übersät: Am nächsten Morgen wurde der Verkehr für die Aufräumarbeiten »wechselweise angehalten«, wie es in der Poesie der Verkehrsnachrichten heißt.
Montag, 22. Juli
Nochmal zurück zum neuen Bürgermeister, mit dem man in den ersten Wochen seiner Amtszeit wirklich nicht tauschen wollte: Nun muss er die »Tari« erhöhen, und das betrifft alle Zweitwohnungsbesitzer in Grado. Die »Tari« ist eine dieser vielen italienischen Steuern, die irgendwie einen niedlichen Namen haben (mein Liebling: »Imu«, Gemeindesteuer), dahinter verbergen sich die Tariffe Rifiuti, also die Abfallgebühren. Die werden nun für private Haushalte um flotte 8 Prozent angehoben, weil es, so der Bürgermeister, wegen der vielen Umweltschutzauflagen wie beispielsweise der Mülltrennung nicht anders gehe. Die Opposition tobt, denn der Bürgermeister, so die Opposition, habe bislang zwei Beschlüsse gefasst – eine Erhöhung der Bezüge für sich und sein Team sowie die Tari-Erhöhung. Die Diätenerhöhung ist allerdings eine Direktive der Region, und auch die Mitglieder der Opposition hätten im Falle eines Wahlsiegs zugeschlagen, aber zugegeben: Gut sieht das nicht aus. Andererseits ist das ja das berühmte machiavellistische Prinzip: Ein Regent soll die Grausamkeiten sofort nach Amtsantritt und alle auf einmal begehen, die Wohltaten aber über die Zeit streuen.
Montag, 29. Juli
Ein Grado-Bericht des ORF sorgt für Aufregung und war tagelang das Gesprächsthema in der deutschsprachigen Grado-Gemeinde. Auf Facebook schimpften viele Grado-Fans darüber, für so einen »Müll« Rundfunkgebühren zahlen zu müssen.
Zwei kurze Dinge zur Verteidigung, bevor wir den Beitrag zerpflücken. Klar, der Bericht »Mare & Amore: Paare, die nach Italien ziehen« war keine Werbung für Grado (oder Lignano). Aber das wollte er ja auch nicht sein. Viele der interviewten Personen kamen im Schlussbeitrag dann gar nicht mehr vor, was offenbar ebenfalls für Verstimmung sorgte, doch auch das ist Medienalltag.
Jetzt aber ans Eingemachte: Ob die Personen gut ausgewählt wurden? Die Dame aus Lignano jedenfalls ist im wahren Leben bestimmt ein Sonnenschein, aber bei ihren Lachanfällen aus dem Nichts hat es mich jedes Mal mehrere Zentimeter aus dem Sessel gehoben. Außerdem ist die Dame ja kein Paar gewesen, das nach Italien gezogen ist, sondern sie hat ihre große Liebe, einen Italiener, in Lignano kennengelernt und ist dageblieben. Die Protagonistin mit der meisten Sendezeit hat also den Titel der Sendung – »Paare, die nach Italien ziehen« – völlig verfehlt. Hat das der Journalist oder irgendjemand in der Redaktion gemerkt, oder waren alle schon im Geiste mit der Urlaubsplanung beschäftigt? Gab es in ganz Lignano kein einziges österreichisches Paar mit Zweitwohnsitz, das vor die Kamera wollte? Schwer vorstellbar.
Viele Szenen wirkten furchtbar gestellt, und in Lignano war am Drehtag auch noch das Wetter schlecht. (Und seien wir ehrlich: Lignano ist schon bei gutem Wetter nicht sehr fotogen.)
Dann gab es handwerkliche Fehler. Ein Beispiel: Die Dame aus Lignano erzählt (lachend), dass der Italiener mit ihr per WhatsApp und Google Translate kommuniziert habe und dass dabei immer lustige Übersetzungsfehler passiert seien.
Der Reporter fragt: »Zum Beispiel?«
Die Dame aus Lignano (lachend): »Ich weiß es nicht mehr.«
Wenn eine Rückfrage so brutal ins Nichts plumpst, dann schneidet man entweder die Rückfrage oder am besten noch die ganze Sequenz raus, bevor man wertvolle Sendezeit verschwendet.
Ja, das war alles ein bisschen lieblos und zudem ohne roten Faden, denn plötzlich ging es auch noch um die Wohnungsnot in Grado, und der einzige Satz, mit dem der arme neue Bürgermeister (was hatte der überhaupt mit dem Thema zu tun?) zu Wort kam, lautete, dass es Pläne gebe, Areale in der Nähe von Monfalcone aufzukaufen, um dort günstige Wohnungen für die Gradeser zu bauen. Ein sehr, sehr unglückliches Statement, das beinahe nach Zwangsumsiedlung klang. Dann kroch eine Schildkröte durchs Bild, und das war’s. Sagen wir mal so: Da wäre mehr drin gewesen.
Aber was Grado angeht, habt ihr ja mich.
Dienstag, 30. Juli
Der beliebte »Pennello«, der steinerne Steg zwischen Hauptstrand und Uferpromenade, ist seit dem November-Hochwasser nicht mehr zugänglich. Warum eigentlich nicht?

Weil es ein Problem der Zuständigkeiten (und damit der Geldtöpfe) gibt. »Nodo competenze« nennt sich das in Italien sehr anschaulich – Kompetenzknoten. Es fehlt zum Beispiel immer noch der Experte, der sich alles genauer anschaut und entscheidet, ob die Schäden nur oberflächlich oder doch strukturell sind. Einst war der Pennello der trubelige Mittelpunkt des Strandlebens, denn von hier legten die Wasserskifahrer ab; unter ihnen soll sich einmal auch Alain Delon befunden haben, wobei die Quellenlage da sehr dünn ist. (Sicher ist, dass Fürst Rainier von Monaco einmal die casoni in der Lagune besucht hat, um seine Ruhe zu haben, aber das ist eine andere Geschichte.)
Montag, 5. August
Die Sardelada, das stimmungsvolle Grillfest der Fischerkooperative am Hafen, fand in diesem Jahr nicht statt, weder am letzten noch an diesem Wochenende – dabei war es in den Broschüren groß angekündigt. Die Touristen strömten voller Vorfreude an den Riva Dandolo und wunderten sich: keine Buden, kein Weinausschank, kein Duft nach frittierten Sardinen. Nichts. Auch bei Gradesern ist das Fest beliebt, weil man guten, preiswerten, gegrillten Fisch genießen kann, ohne die eigene Wohnung einzunebeln.

Warum das Fest in diesem Jahr ausfiel? Eine offizielle Stellungnahme fehlt, überall wird gemunkelt. Einerseits soll es an Personal gemangelt haben, andererseits machen die Fischer mehr Geld, wenn sie ihren Fang nicht preiswert über den Tresen geben, sondern in ihrem eigenen Restaurant »Zero Miglia«, der Haupteinnahmequelle der Kooperative, verkaufen.
Dienstag, 6. August
Gut gemeint ist fast immer das Gegenteil von gut, wie auch der tapfere Tourist aus Cervignano erfahren musste, der im Meer nicht weit vom alten Strand zwei Mädchen bemerkte, die erkennbar Schwierigkeiten hatten, es zurück zum Ufer zu schaffen – die Strömungen an der dortigen Mole können tückisch sein. Der Italiener warf sich in die Fluten, um die Mädchen zu retten. Bloß war er selbst bereits 82 Jahre alt und geriet ebenfalls in Not. »Aus einem doppelten Problem wurde ein dreifaches Problem«, kommentierte die örtliche Tageszeitung mit etwas eigenwilligem Humor. (Aber schmunzeln musste ich doch.)
Dienstag, 13. August
Unser Fußballclub ist gerettet! Wie berichtet, musste sich der Traditionsverein Gradese Calcio (in den österreichischen Farben rot und weiß, wie das Stadtwappen) vom Spielbetrieb abmelden, denn es fehlte an allen Ecken und Enden, vor allem aber an Spielern, was natürlich ein ganz entscheidendes Problem darstellte. Jetzt geht es doch weiter. »Ich habe immer an ein Wunder geglaubt, und jetzt ist es eingetreten«, freut sich Präsident Raul Julian Scachinke. Das Wunder spielte sich folgendermaßen ab: Die Vereine des Umlandes entschlossen sich zu einer Hilfsaktion und liehen Spieler aus, jedenfalls für diese Saison. Und damit tritt Gradese Calcio wieder an, wenn auch in der untersten Kategorie. Und die Gemeinde hat sich bereiterklärt, endlich in Sachen Stadionneubau auf die Tube zu drücken. Denn das Stadion liegt zwar malerisch an der Lagune, der Zustand ist dagegen bedenklich – wenn mehr als drei Fans zugleich klatschen, vibrieren die Tribünen. Es gibt Pläne für einen Neubau zwischen Città Giardino und Grado Pineta, und mal sehen, ob sich im nächsten Vierteljahrhundert was bewegt.
Montag, 26. August
Der »Räuberteller vom Wörthersee« (klingt fast wie ein Edgar-Wallace-Roman) hat es bis in die Bildzeitung geschafft. Wer es nicht mitbekommen hat: Ein dortiger Wirt hat einem Gast acht Euro berechnet, der einen Extrateller zum Teilen des Gerichts haben wollte. Aber schnallt euch an, denn Grado bietet einen noch größeren Skandal: Ein Tourist aus Linz beschwerte sich, dass die Halbliterflasche Coca-Cola im Supermarkt 1,98 Euro kostet. »Wucher«, befand er und war darüber so aufgebracht, dass er die Journalisten von heute.at alarmierte, die auch prompt darüber berichteten – ja, das Sommerloch ist tief und dunkel. Der Mann war erst wieder mit der Welt versöhnt, als er entdeckte, dass eine Flasche Pepsi-Cola gleicher Größe für 1,09 Euro zu haben war.
Ich habe ein gewisses (jedoch nicht überbordendes) Verständnis dafür, dass sich über einen leeren Teller für acht Euro aufgeregt wird. Aber über neunundachtzig Cent für eine Colaflasche aus dem Supermarkt?
Donnerstag, 29. August
Die Gehaltserhöhung für den Bürgermeister ist durch, er verdient ab sofort 6723 Euro brutto pro Monat. Laut den Wirtschaftsfachleuten in Pinos Bar sind das etwa 5000 Euro netto, und damit kann man in Grado ganz ausgezeichnet leben. Dafür könnte sich der Bürgermeister zum Beispiel 2646 Halbliterflaschen Coca-Cola aus dem Supermarkt kaufen.
Dienstag, 17. September
Grado ist in einer schweren Sinnkrise, und daran sind die Schulen schuld. Denn Grados Grund- und Mittelschulen werden mit jenen des Festlandsorts San Canzian d’Isonzo zusammengelegt, obwohl eine Kampagne in Grado 1620 Unterschriften gegen diese Entscheidung sammelte, eine stattliche Zahl für einen Ort mit 7600 Einwohnern; das wäre so, als würden mehr als zwei Millionen Österreicher eine Petition unterschreiben.
Wo ist das Problem? Die komplette Schulverwaltung zieht nach San Canzian d’Isonzo um, nur die Klassenräume bleiben in Grado, und die Insel, fürchtet man, muss erneut ein Stück Bedeutung ans Festland abgeben. »Bye-bye, identità« kommentierte jemand im Netz.

Grado und die terraferma, das ist nun mal keine Liebesbeziehung und war es auch nie. Grado ist stolz auf sein Inseldasein und fühlt sich, wenn überhaupt, eher Venedig verbunden als dem Friaul. Die Gradeser pflegen ihre eigene Kultur und ihren eigenen Dialekt, der mit der friulanischen Sprache überhaupt nichts zu tun hat (und tatsächlich dem Venezianischen ähnelt) – kurzum: Ein Gradeser würde sich niemals als Friulaner bezeichnen.
Wie so oft in Italien sieht man das sehr schön beim Fußball, denn nur ganz wenige Gradeser halten zu dem Fußballverein Udinese Calcio, dabei ist der doch der einzige weit und breit, der seit Jahren in der Serie A spielt (und der beim Schreiben dieser Zeilen sogar auf Platz 1 der Tabelle steht!) und es drei Mal in die Champions League schaffte. Und wenn der Ortsverein Gradese Calcio gegen Aquileia antritt, dann herrscht Derbystimmung.
San Canzian d’Isonzo also. Ein Ort, der auch noch weniger Einwohner hat als Grado. Was hat sich die Region bloß dabei gedacht? Natürlich stand dahinter die Idee, Bürokratie und Verwaltung zu verschlanken, was ja erstmal gut gedacht ist. Aber wie so oft ist gut gedacht selten gut. Die Gradeser sind sauer.
Besonders bizarr, auch wenn es die Schulkinder freuen wird: Grado erbt gewissermaßen nun auch die Madonna della Salute, die Schutzpatronin San Canzians; die Kleinen werden also am 21. November schulfrei haben.
Wie wird die Zusammenlegung praktisch aussehen? Müssen die Mütter und Väter jetzt für jedes Attest, jede Entschuldigung, jedes Gespräch mit der Schulleiterin nach San Canzian d’Isonzo fahren?
Mittwoch, 18. September
Reden wir über den Lärm. Auf den Social-Media-Kanälen wurde heftig diskutiert, und auch mich erreichten viele Zuschriften von Leserinnen und Lesern.
Denn es gab in diesem Jahr jede Menge Konzerte in Grado, viele davon im Parco delle Rose, dazu kamen der Sommerkarneval und natürlich die langen Nächte in den Beach Clubs. »Will Grado etwa das neue Lignano werden?«, fragte ein Leser.
Ihr kennt mich inzwischen: Ich bin ebenfalls ein Mann der Stille. Ich sitze in Trattorien im Sommertrubel am liebsten innen und in der Ecke, und ich würde lieber ein Riedel-Rotweinglas zerkauen, bevor ich beim Sommerkarneval mittanze.
Aber: Viele Gradeser schätzen die Konzerte, und manche Touristen eben auch. Gradeser sind sogar stolz auf so manchen großen Namen, und Ruhe haben sie in der Nebensaison genug. Die Touristik-Verantwortlichen wollen junge Reisende nach Grado locken, denn die sind nun mal die Grado-Fans von morgen.; sie wollen, dass Grado lebendig bleibt und den Gästen etwas bietet. Und die Gradeser Eltern wollen, dass ihre Kinder nicht am Wochenende nach Lignano oder Jesolo fahren müssen. Ich bin ja selbst Vater; meine Töchter freuen sich ebenfalls über so manche kleine TV-Berühmtheit, die nach Grado kommt.
Es ist also, wie so oft im Leben, ein komplexes Thema.
Aber es gibt für alles eine Lösung, auch für komplexe Themen. Denn eines stimmt: Der Parco delle Rose ist für Konzerte einfach ungeeignet. Die Veranstaltungsbühne steht fünfzig Meter Luftlinie von mehreren Hotels entfernt, das ist tatsächlich viel zu nah, und ich kann jeden Gast verstehen, der nachts im Zimmer verzweifelt die Decke anstarrt.
Früher kamen ja die Superstars nach Grado, etwa Eros Ramazzotti. Viele von ihnen spielten in Grado ihr sogenanntes »nulltes Konzert« – eine Art Testlauf vor dem eigentlichen Beginn der Tournee, wo Dinge geprobt und Abläufe einstudiert werden. Das war immer ein großes Erlebnis. Und das Wichtigste: Diese Konzerte fanden im Fußballstadion auf der Isola della Schiusa statt, ein perfekt geeigneter Ort.

Das Problem ist, dass das Stadion baufällig ist. Hier ist ganz konkret die Politik gefordert: Richtet endlich das Stadion wieder her oder baut, wie geplant, ein neues Stadion in Grado Pineta, auf dem riesigen Parkareal neben der Sporthalle. Fußballstadien sind auf der ganzen Welt perfekt für Konzerte geeignet. Das wäre ein idealer Kompromiss, um beide Seiten, die Event-Fans und die Stille-Fans, glücklich zu machen.
Montag, 30. September
Zwei Leser hatten mich in den letzten Wochen gefragt, ob es denn in Grado einen Geheimtipp gäbe – ein Lokal, das nur von Einheimischen besucht wird?
Also: Wenn es hier Trattorien gäbe, die nur oder fast nur von Einheimischen frequentiert wären, wären sie schnell pleite. Die Gastronomie ist nahezu komplett auf die Touristen ausgelegt.
Und selbst wenn es solche Trattorien gäbe – was wollen die Leser dort? Was versprechen sie sich von einem Besuch? Glauben sie, sie würden mit offenen Armen empfangen werden, würden sofort an einen Tisch gebeten werden, wären sofort Teil der Dorfgemeinschaft? So funktioniert Italien nur im Film.
Dazu kommt: Wenn die Leser das Lokal betreten, zerstören sie ja genau das, was sie gesucht haben – das Lokal ist dann eben nicht mehr nur von Einheimischen frequentiert. Das ist das touristische Paradox.
Wenn es von Einheimischen frequentierte Bars und Trattorien gäbe, dann ja gerade deswegen, um Ruhe zu haben. Denn wir alle – auch ich, nach zwanzig Jahren! – sind letztlich nur: Touristen, Gäste, bestenfalls Zugereiste. Lassen wir den Einheimischen ihre Rückzugsorte.
Mittwoch, 2. Oktober
Grado Pineta versucht, sich für den Tourismus aufzuhübschen. Aber schon am Eingang steht dieses horrende verlassene Gebäude, das seit Jahren vor sich hin verfällt. Die einstige Diskothek Gradualis war im Disko-Boom der 1980er-Jahre gut besucht, aber der Disko-Boom hat sich ebenso erledigt wie das Gebäude selbst. Nun haben die Anwohner 225 Unterschriften gesammelt und dem Bürgermeister übergeben, um das Gebäude entweder in Schuss zu bringen oder, besser noch, abzureißen.

Uns Grado-Kennern fallen sicher noch drei, vier weitere Gebäude ein, die eine gut platzierte Sprengladung verdient hätten.
(Aktualisierung 20. Dezember: Ich habe auf Instagram die vier hässlichsten Gebäude vorgestellt.)
Die Unterschriftenaktion schließt auch das ehemalige Hotel Plaza ein, das in Pineta seit dem Großbrand im Januar 2018 vor sich hin verfällt. Was bei den Gradesern eine alte Wunde aufreißt, denn dem Ort fehlt die Feuerwehr. Nur im Juli und August sind ein paar Fahrzeuge in Grado stationiert. Bei Bränden außerhalb der Saison ist Grado, wie 2018 zeigte, auf sich allein gestellt, die Feuerwehr musste aus Monfalcone heranrücken, was im Fall des Hotels Plaza 45 Minuten dauerte – zu spät, um die Struktur zu retten.
Mittwoch, 9. Oktober
Die drei Fragezeichen, TKKG oder Fünf Freunde: Welche Detektive waren eure Lieblinge? Nun ist euer Ermittlerauge gefragt: Gestern Nacht zerstach ein Unbekannter an 56 Autos 99 Reifen – völlig verrückter Vandalismus und offenbar genau geplant, denn der Täter schlug dort zu, wo es wenige Überwachungskameras gibt. Nur einmal ist er für ein paar Sekunden kurz im Bild, hier ist das Video.
Die meisten Autos traf es rund um den Campo San Rocco, aber als Letztes schlug der Täter gegen 4:30 Uhr an der Piazza Carpaccio zu; die Carabinieri vermuten, dass er dann von dort mit einem der ersten Busse die Insel verlassen hat – eine bequeme These, die bedeutet, dass es kein Einheimischer war.
Ich hatte ja schon ein paar Mal geschrieben, dass in Grado Kriminalität beinahe unbekannt ist (Insellage, hohe soziale Kontrolle, keine Fluchtwege für Profidiebe), daher ist so ein unvermittelter Akt schon ein kleiner Schock.
Montag, 21. Oktober
Möglicherweise wird Grado bald kleiner. Denn der Ortsteil Fossalon mit seinen siebenhundert Einwohnern hat echte Sezessionsbestrebungen und will sich von Grado lossagen. Viele Menschen dort fühlen sich alleingelassen, haben schon Arztpraxis, Postamt und Bank, fast alle Einkaufsmöglichkeiten und wohl bald auch die Grundschule verloren und wären lieber Teil von Fiumicello-Villa Vicentina – ein legitimer Wunsch, denn Grado und Fossalon haben ja nun wirklich wenig miteinander zu tun, während das Gebiet rund um Fiumicello genau so landwirtschaftlich geprägt ist wie Fossalon selbst.
Ein Beispiel, das für Missstimmung sorgt, ist der Ponte Cucchini, die extrem enge Brücke Richtung Fiumicello, die von landwirtschaftlichen Fahrzeugen nicht überquert werden kann, was für gewaltige Umwege sorgt – dass Grado diesbezüglich mit Fiumicello keine Lösung gefunden hat, kreiden manche den Insel-Gradesern an, die nichts von den Prioritäten der Fossalonesi verstünden oder sich eben nicht dafür interessierten.
Pech hatten die beiden Bauern aus Fossalon, die von der örtlichen Tageszeitung in einem Symbolbild zu den Sezessionsbestrebungen bei der Feldarbeit abgebildet wurden. Sie seien aber, ließen sie die Redakteure wissen, keineswegs Teil der Abspaltergruppe und baten um eine Richtigstellung, was die Tageszeitung ein paar Tage später auch tat.
Der Bürgermeister von Grado hat jedenfalls reagiert und will sich mit den Abspaltungswilligen zusammensetzen, »um eine gemeinsame, dauerhafte Lösung der Probleme zu finden«. Was soll er auch sonst sagen? Ciao ciao?
Donnerstag, 24. Oktober
Übermorgen, am Samstag, steigt das Sangesfestival, das, wie jeder Gradeser automatisch hinzufügt, »älter ist als das von San Remo«. Neun Gruppen treten beim 56. »Festival della Canzone Gradese« an, außerdem drei Jugend-Bands, alle aus Grado oder den umliegenden Orten. Das Festival ist eine große Sache für die Insulaner, denn fast jeder hat einen zumindest entfernten Verwandten auf der Bühne. Es braucht schon jede Menge Schneid, vor dem versammelten Ort eigens komponierte Stücke zu singen und zu spielen, Respekt dafür.
Es gab sogar mal ein Filmfestival in Grado, zu dem Pier Paolo Pasolini und Maria Callas sowie die Mailänder Modewelt auf die Insel kamen, und man würde zu gern, wenn es noch biologisch möglich wäre, mit den damaligen Verantwortlichen ein paar Hühnchen rupfen, um sie zu fragen, wie sie so etwas Tolles einfach versanden lassen konnten.
Montag, 28. Oktober
Es gibt keinen wirklich passenden Ort, um einen Herzinfarkt zu bekommen. Aber wenn man es sich aussuchen könnte, dann sollte man es so machen wie der 79-jährige Gradeser, der im Wartezimmer seines Arztes umkippte. Er konnte gerettet werden und ist wohlauf.
Dienstag, 5. November
Größer ist nicht immer besser, aber bei Naturschutzgebieten sind wir uns wohl alle einig, dass die gar nicht groß genug sein können. Nun kaufte die Gemeinde Staranzano mit Hilfe von Geldern aus der Region zehn Hektar zum Naturschutzgebiet Isola della Cona unmittelbar im Nordosten von Grado hinzu, so dass die area protetta, die von unserer Insel bequem mit dem Fahrrad zu erreichen ist, auf insgesamt sechzig Hektar anwächst. Außerdem ist ein neuer Aussichtsturm geplant, um die dreihundert Vogelarten zu beobachten.
Auch Flamingos schauen gern vorbei, und mit ihrem rosa Gefieder sind sie ein exotischer, faszinierender Anblick. Aber schwärmt, wenn ihr in den Bars von Grado auf Einheimische trefft, nicht allzu laut von den stelzenbeinigen Gästen.
Denn sie ernähren sich von kleinen Krebsen und Muscheln sowie Samen von Wasserpflanzen. Und das ist zufälligerweise genau die Nahrung der Fische in der Lagune, vor allem der hochgeschätzten orate (Goldbrassen). Darunter leiden Fischer wie Zuchtbetriebe gleichermaßen; die orate bleiben klein und dünn und brauchen vier statt zwei Jahre, um auszuwachsen.

Klingt wie eine Bagatelle, aber die Fischerei ist neben dem Tourismus nun einmal eine ganz wichtige Einnahmequelle in Grado, etwa hundert Familien leben noch davon. Lasst euch doch mal zwanzig Prozent eurer monatlichen Nettoeinnahmen von irgend einem süßen Tierchen wegknabbern – dann findet ihr das Tierchen bestimmt nicht mehr so süß. Klar, dass die Flamingos nicht vertrieben oder gar geschossen werden dürfen. Die Touristen und Vogelkundler freut’s, die Fischer eher nicht.
Montag, 11. November
Gute Nachrichten aus der Gemeinde: Das jährliche Silvesterfeuerwerk wird durch ein Drohnenspektakel ersetzt. Das finden die meisten Gradeser und auch die Urlauber sehr erfreulich, und Hundebesitzer applaudieren am lautesten. Insgesamt gibt der Ort 190.000 Euro für die Feierlichkeiten von Weihnachten und Neujahr aus. Krippen werden aufgebaut, Schulklassen schmücken Weihnachtsbäume, Weihnachtslichter werden an Laternen angebracht oder spannen sich über die Straßen, aus Lautsprechern schallen Weihnachtslieder. Ich bin ein großer Fan von Weihnachten, werfe Ironie und Skepsis über Bord und freue mich auf schöne Tage. Den Veranstaltungskalender für das winterliche Grado (auch auf Deutsch) findet ihr hier.
Mittwoch, 13. November
Die Abspaltung Fossalons beschäftigt weiterhin den Ort. »Es ist nur eine Provokation, wir wollen einfach mehr Aufmerksamkeit«, erklären die Initiatoren nun. Das ist ihnen gelungen. Die Unterschriften zur Abspaltung sind zwar gesammelt, aber noch nicht in der Region eingereicht. Die Initiatoren hoffen darauf, dass Fossalon »respektiert« wird, dass etwa die Straßen ebenso sorgfältig ausgebessert werden wie in Grado selbst – und dass endlich die enge Brücke Ponte Cucchini erweitert wird, die für landwirtschaftliche Fahrzeuge unpassierbar ist. Angeblich ist das Projekt seit 2017 bewilligt, sei aber »vergessen« worden.
Dienstag, 19. November
Es ist doch gut, liebe Kollegen zu haben. Kollegen, die einem, wenn man auf der Baustelle von der Leiter fällt, aufsammeln – und die einen dann nicht ins Krankenhaus verfrachten, sondern an einer Tankstelle aus dem Transporter schmeißen und flüchten. So erging es einem 53-jährigen Ägypter, der mit seinen Verletzungen einfach vor den Zapfsäulen der Sia-Tankstelle in Grado liegengelassen wurde.

Was war da los? Der Ort rätselt, die Carabinieri ermitteln. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine illegale Baustelle und um Arbeiter ohne Aufenthaltsgenehmigung, wobei der Ägypter selbst eine solche Genehmigung offenbar besaß.
Der Ägypter wurde mit dem Rettungshubschrauber nach Udine transportiert, doch nach zwei Tagen konnte er das Krankenhaus wohlauf verlassen, die Verletzungen erwiesen sich glücklicherweise als weniger schwer als gedacht.
Montag, 25. November
Dicke Luft in Grado! Das Consorzio Grado Turismo, eine Vereinigung, die im Wesentlichen aus den Hoteliers von Grado besteht, will einen Teil des Hauptstrandes in Eigenregie übernehmen und ihn nicht mehr der bisherigen Strandverwaltung Grado Impianti Turistici (GIT) überlassen. Das Manöver überraschte alle und ist keine Kleinigkeit, immerhin ist der Strand die wichtigste Attraktion. Die Hoteliers wollen sich zudem das Filetstück ganz vorn schnappen, also ab Kabinennummer 1, denn sie sind offenbar damit unzufrieden, dass ihre festen Kontingente an Sonnenschirmen versetzt wurden und ihre Gäste daher weitere Wege zurücklegen mussten, außerdem beklagen sie sich über höhere Kosten, weil es für sie nicht mehr so viel Rabatt gibt wie einst. Und ganz bestimmt spielen, wie immer in der Politik, auch persönliche Gründe eine Rolle. Der GIT-Direktor heißt die ungeahnte Konkurrenz »willkommen«, jedenfalls behauptete er das gegenüber der Presse. Um zwei Tage später zu erklären, dass alle Projekte fürs neue Jahr erst einmal ruhen, bis die Kommune entschieden hat, wie es weitergeht; sie hat dafür 60 Tage Zeit. Einerseits verständlich. Andererseits insgesamt eine unschöne Situation.

Befeuert wird die Angelegenheit von einem komplizierten Streit zwischen Italien und der EU: Die Gesetzgeber in Brüssel wollen nämlich Strandmonopole einschränken. Wer in Italien einen Strandabschnitt mit einem Beachclub besetzt, hat allzu viele Privilegien und ist praktisch nicht mehr zu vertreiben, was dem EU-Prinzip des freien Wettbewerbs widerspricht.
Montag, 2. Dezember
Nun hat die GIT mit einer Gegenattacke reagiert. Sie will offenbar den freien Strand (für Ortskundige: vom Beach Club Bora Bora bis zum Campingplatz Al Bosco) übernehmen, auch ein Angebot für die komplette Übernahme des alten Strandes mit seinen vier Beach Clubs soll vorliegen.
»Le bocche sono cucite«, schreibt die örtliche Presse – alle Münder sind zugenäht. Denn niemand will die Einzelheiten seiner Angebote öffentlich machen, um der Konkurrenz keinen Vorteil zu ermöglichen. Und die Gemeinde hat sechzig Tage Zeit, um zu entscheiden. Da bis dahin viele Arbeiten ruhen werden, hoffen wir darauf, dass die Frist nicht bis zum letzten Tag ausgeschöpft wird.
Samstag, 7. Dezember
Ein wirklich großer Tag für den Ort: Grados Krippe wurde auf dem Petersplatz in Rom eingeweiht, alle Nachrichtensendungen berichteten darüber.

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Ich wünsche euch allen ein wunderbares Wochenende sowie ein friedliches, besinnliches Weihnachtsfest, einen guten Rutsch ins neue Jahr und ganz viele Gelegenheiten, nach Grado zu kommen. Bestimmt werde ich einige von euch über die Feiertage sehen.
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Die nächsten Lesungen
23. Januar: Bad Kleinkirchheim, »Impuls am Berg«
10. April: München, Buchhandlung Singer
11. April: Klagenfurt, Buchhandlung Heyn
21. April (Ostermontag): Grado, Aperitivo mit dem Autor – Vorstellung des neuen Buches mit viel Prosecco (die ersten sechs Flaschen gehen auf mich) bei Pino
[…] Den großen Jahresrückblick auf 2024 in Grado in zwei Teilen lest ihr hier und hier. […]
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