Der einsame Rufer, die Rückkehr der Flieger, der viel zu lahme Schulbus: Mediterrane Wochenschau CCXXXIII

Hier kommt der einzige Newsletter, der sich so langsam auf den Saisonbeginn einstellt! Ich weiß, es ist noch viel zu früh, aber überall wird gehämmert, gestrichen und gewerkelt. Ich mag diese optimistische Zeit, die Aufbruchsstimmung überall. Nur in Pinos Enoteca geht es gemächlicher voran: Dort hängt immer noch der Weihnachtsschmuck.

Sonntag, 19. Januar

Nieselregen, sieben Grad, aber Lagunenblick: So macht ein Fußballsonntag in der untersten Liga Spaß. Die gute Nachricht: Gradese Calcio hat mit dem neuen – argentinischen! – Trainer 4:0 gewonnen. 

Der einzige Fan der Gegenseite. Der aber so laut schimpfte wie eine ganze Kurve.

Am kommenden Sonntag geht es allerdings zum Auswärtsspiel beim Tabellenführer. Das wird hart – ich werde berichten.

Montag, 20. Januar

Gerade veröffentlichte die Gemeinde die neuen Einwohnerzahlen, und Grado schrumpft weiter. Im Jahr 2024 lebten auf der Insel 7540 Menschen, 96 weniger als 2023 und 176 weniger als noch im Jahr 2022. Auch die Zahl der Ausländer sinkt: 553 statt 589 wie noch 2023, ein Anteil von jeweils rund 7 Prozent. Auf Platz 1 liegen die Bangladescher mit 135 Personen, es folgen Rumänen mit 74 und Ukrainer mit 48 Personen. Dahinter kommen schon die Österreicher mit 34 Personen, einer weniger als noch im Jahr zuvor. Dann: Marokkaner, Ungarn, Nordmazedonier, Kroaten, Serben und Polen, schließlich die Deutschen mit 16 gemeldeten Personen.

Der Bevölkerungsrückgang hat zwei Gründe: Zum einen schrumpft Italien generell, es ist seit Jahren das Land mit einer der niedrigsten Geburtenraten Europas. 2024 kamen in Grado 30 Kinder zur Welt, 29 davon im Krankenhaus von Monfalcone und eines als Hausgeburt im Ort selbst – ein einziger waschechter Insulaner.

Zusammenhangloses Wohlfühlfoto: kurz nach Sonnenuntergang, Fabelsicht bis Lignano.

Zum anderen ist Wohnraum sauteuer geworden; die Gradeser müssen mit finanzstarken Österreichern und Deutschen konkurrieren. Besonders nach Covid sind die Preise für Eigentumswohnungen dramatisch gestiegen, und ein Mietmarkt ist ohnehin, wie in ganz Italien, kaum vorhanden. Und die wenigen Vermieter scheuen sich vor ganzjährigen Mietern, sondern vermieten lieber in der Saison zu extrem hohen Preisen. Wer eine Wohnung kaufen will, muss in guter Lage mit bis zu zehntausend Euro pro Quadratmeter rechnen. Das bedeutet, dass viele Gradeser zwangsläufig ins Umland ausweichen und dort mit ihrem Wohnsitz gemeldet sind, etwa in Fiumicello, Aquileia oder Cervignano. Der Bevölkerungs-Höchststand war übrigens im Jahr 1970: Da hatte Grado 10.135 Einwohner.

Dienstag, 21. Januar

Gute Nachricht aus der Luft: Die Frecce Tricolori kommen nach einem Jahr Pause wieder nach Grado. Am 25. Mai zeigen sie ihre Kunststücke. Im letzten Jahr hatte die Staffel aussetzen müssen, weil die Piloten auf einer sommerlichen US-Tournee waren, und ein Ersatztermin im Herbst war den Verantwortlichen in Grado zu spät.

Immer wieder beeindruckend: die Frecce über der Adria.

Wem der Grado-Termin in diesem Jahr zu früh ist: Am 6. Juli gastieren die Fliegerasse in Lignano.

Mittwoch, 22. Januar

Morgen ist wieder Recruiting Day der Strandverwaltung. Achtzig Bewerber haben sich für die zwanzig offenen Stellen gemeldet, gesucht werden Rettungsschwimmer, Masseurinnen, Barleute, Bedienungen, Kassenpersonal und Reinigungskräfte. Ich bekomme schon wieder richtig Lust auf den Strand!

Donnerstag, 23. Januar

Eltern beschweren sich, dass der Schulbus, der die Schüler von der Ganztags-Grundschule in Fossalon zurück nach Grado bringt, viel zu lange braucht, denn als erstes liefert er die Fossalon-Kinder vor der Haustür ab – und Fossalon ist großflächig. Erst 45 Minuten später kommt er in Grado an. Warum, so die Eltern, die sogar beim Bürgermeister vorgesprochen haben, müssten die Gradeser Kinder so lange unterwegs sein und über Feldwege gurken, wenn doch in jeder Klasse nur ein, zwei Kinder aus Fossalon sind? Die Eltern drohten sogar, ihre Kinder in der Grundschule in Aquileia anzumelden, von wo aus der Schulbus angeblich schneller in Grado sei.

Als Vater, dessen Kinder ebenfalls in Fossalon zur Schule gingen, kann ich in Anlehnung an Bertolt Brecht nur sagen: Glücklich der Ort, der solche Probleme hat.

Ich wünsche euch allen ein wunderbares Wochenende.

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Zur letzten Wochenschau mit dem aufgeschobenen Strandproblem und dem mächtigen Kaffeeschaum geht es hier entlang.

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Den großen Jahresrückblick auf 2024 in Grado in zwei Teilen lest ihr hier und hier.

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Die nächsten Lesungen
10. April: München, Buchhandlung Singer (Aperitivo mit dem Autor und Geplauder im Garten)
11. April: Klagenfurt, Buchhandlung Heyn
21. April (Ostermontag): Grado, Aperitivo mit dem Autor bei Pino
14. Mai: Coburg, Buchhandlung Riemann
22. Mai: Sankt Veit, Buchhandlung Besold
23. & 24. Mai: Bad Radkersburg