Hier kommt der einzige Newsletter, der von seinem Friseur daran gehindert wurde, den Strand zu betreten! (Jedenfalls beinahe.) Denn ich verbrachte die glühendheiße Mittagszeit in der schattigen Wohnung. Gegen 15.45 Uhr machte ich mich dann auf den Weg ans Meer für meine tägliche Taufe. Doch mein Friseur kam mir mit rudernden Armen entgegen und wollte mich am Weitergehen hindern. Das sei doch noch viel zu früh, insistierte er, erst ab 17 Uhr dürfe man wieder in die Sonne. Nun müsst ihr wissen, dass er aus Kampanien stammt, und dort ticken die Uhren noch mal ganz anders.
Vorab: Morgen kommt Folge 5 von »Radio Adria« raus, hört rein! Ich erzähle euch, was die Italiener wirklich über die Touristen denken, und es geht um das Reizthema Hunde (vor allem in Restaurants). Nach Venedig reisen wir auch kurz – jetzt, wo die ganzen reichen Leute weg sind. Und: Wo könnt ihr in Grado gut essen, wenn ihr nicht so gern Fisch mögt?
Und: Die Sache mit den E-Rollern schlägt auch in dieser Woche richtig hohe Wellen, viele Leserinnen und Leser haben mir geschrieben, und die Opposition hat eine Sondersitzung verlangt. Ich werde nächste Woche ausführlich berichten.
Montag, 30. Juni
Seit einem Jahr ist der neue Bürgermeister im Amt, und die Bilanz fällt gemischt aus, wie er selbst zugibt. An den Fahrradwegen sei viel passiert, doch fehle immer noch ein Radweg an der Brücke am Ortseingang, der schon längst gebaut werden sollte. Auch die immer noch fehlende Schiffsverbindung nach Triest schmerzt – allerdings ist das nicht Schuld des Bürgermeisters, sondern der Transportbehörde der Provinz Gorizia.
Interessant: Als nächste größere Verkehrsprojekte stehen die Neugestaltung der gefährlichen Kurve vor dem Campingplatz Europa sowie der ebenfalls unfallträchtigen, allzu scharfen Abzweigung nach Fossalon an. Auch soll es einen durchgehenden Radweg vom alten Strand bis Grado Pineta geben, was für viel Aufruhr gesorgt hat, als die ersten Pläne publik wurden – soll ein Teil der Strecke tatsächlich an der retrospiaggia verlaufen, also am Fußweg am Strand entlang, genau dort, wo bislang Rad- und Rollerfahren streng verboten ist?

Die Zusammenlegung der Schulverwaltung mit dem Festland war »traumatisch« (O-Ton Bürgermeister), dafür freue er sich aber sehr, nach vierzig Jahren endlich das Meeresmuseum eröffnen zu dürfen. »Ende 2025, spätestens aber Anfang 2026« soll es soweit sein. Na, abwarten – darauf hatten in den letzten Jahren schon viele Bürgermeister vergeblich hingefiebert. Und schon die wankelmütige Zeitangabe lässt die ersten Alarmglocken sanft anschwingen.
Dienstag, 1. Juli
Nun hat sich auch der letzte Geheimtipp erledigt: Seit heute ist das Parken auf der großen Freifläche in der Viale Italia kostenpflichtig. Die rund 360 Plätze kosten 1,80 Euro pro Stunde und 7 Euro für den ganzen Tag. Nachdem schon die Parkgebühren in der Innenstadt erhöht wurden, macht sich die Stadt damit wenig Freunde. Besonders aus dem Umland hagelt es Beschwerden, denn viele Besucher von der terraferma haben dort gern tagesweise geparkt, um mal schnell ein paar Stunden Sonne zu tanken, während die meisten Touristen aus Österreich oder Deutschland in den Hotels und Apartmentanlagen mit Parkplätzen einigermaßen versorgt sind.

Ach, es wird einfach alles teurer. Aber das ist eine Klage, die so alt ist wie der Tourismus selbst. Erwartete Mehreinnahmen für die Gemeinde: 150.000 Euro pro Jahr.
Mittwoch, 2. Juli
Mehrere Leser haben mich gefragt: Gibt es in Grado keine Katzen? »Wir sehen nie welche auf der Straße, haben die etwa Inselverbot?«, wundert sich Erich W.
Keine Sorge, es gibt reichlich Katzen. Sie leben aber ganz italienisch in größeren Gemeinschaften, statt als Einzelgänger durch die Gegend zu stromern. Es gibt regelrechte Katzen-Hotspots, darunter das leerstehende Hotel in der Via Roma, wo sich ein Dutzend Katzen aufhält und von den Anwohnern gefüttert wird, aber auch auf der Insel Schiusa sowie in der Nähe vom Camping Al Bosco, wo sich ebenfalls Katzenfans um die Fütterungen kümmern. Vermutlich gehen zudem gerade in der Saison viele Katzen auf Tauchstation, weil es ja viele Hunde in Grado gibt (ganz viele Touristen nehmen den Hund mit in den Urlaub – ein Thema in der neuen Podcast-Folge). Und Valentina, die ihr aus dem Buch »Mein Leben am Strand« kennt, hält sieben oder acht Katzen in ihrer Wohnung.
Donnerstag, 3. Juli
Wenn ihr an diesem Wochenende kommt, freut euch auf den Sabo Grando, das wichtigste Fest in Grado. Der »große Samstag« ist der abendliche Auftakt zur prächtigen Bootsprozession zum Lagunenkloster am Sonntagmorgen, dem Perdón di Barbana. Die Prozession, immer am ersten Julisonntag, gibt es seit dem Jahr 1237; sie ist damit wahrscheinlich die älteste in ganz Italien, die durchgehend zelebriert wurde. Beim Sabo Grando wird bis tief in die Nacht gesungen und gefeiert, und wenn am Morgen die Honoratioren in ihren Uniformen und Schärpen auf die Schiffe steigen, ist bei einigen von ihnen der Gang noch leicht schwankend. Was nicht am sanften Wellengang der Adria liegt.

Und als Letztes noch eine Zuschrift von Uschi aus Mailand:
Auch wenn die Fotoaktion zum aktuellen Buch läuft, möchte ich gerne meine Bilder und Erfahrungen des Vorgängers mit dir teilen. Ich war gerade ein paar Tage in Mailand und habe es dort endlich geschafft, dein Buch »Meine Bar in Italien« zu lesen. Und das, wie sollte es anders sein: in MEINER Bar in Mailand. Nicht zum ersten Mal erlebe ich auch bei nur einer Woche Aufenthalt Ähnliches wie du es beschreibst. Ich finde meine Bar in der Nähe, mit gutem Kaffee und unglaublich leckeren gefüllten Cornetti, und schon am zweiten Morgen werde ich begrüßt wie ein Stammgast. Immer mit einem Lächeln, Komplimenten des Barista und dem Gefühl, willkommen zu sein und dazu zu gehören. Man kommt gerne wieder, wird sofort erkannt und der Barista weiß sofort, was du möchtest. Ich trinke dort meinen Café am Morgen und auch meinen Aperitivo am Abend. Und es ist nach wenigen Tagen fast wie nach Hause kommen. Schade, dass es so was in Deutschland nicht gibt. Das kann wohl nur Italien! Auch deshalb fahr ich wohl so gern wieder hin… Vielen Dank für die spannenden und lustigen Eindrücke aus deiner Bar. Ich bin schon gespannt auf das neue Buch, das ich dann wohl am besten am Strand lesen werde. 😉

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Ich wünsche euch allen ein wunderbares, sonniges, entspanntes Wochenende.
Meine 53 persönlichen Tipps zu Grado lest ihr hier.
Die letzte Wochenschau mit dem harten Leben der Fischer lest ihr hier.
Alles über meine Bücher lest ihr hier. Und mehr Bilder aus Italien gibt es auf Instagram unter @buch_und_wein.
