Hier kommt der einzige Newsletter, der für gute Laune und Sehnsucht zuständig ist. Daher habe ich lange überlegt, ob ich noch einmal über die ertrunkene Vierjährige berichten soll. Aber vielleicht kann der Eintrag vom Mittwoch mitsamt der Insider-Information eines Rettungssanitäters doch etwas nützen und künftig die eine oder andere brenzlige Situation verhindern. Wenn es in der kommenden Saison nur eine einzige Schrecksekunde weniger gäbe, dann wäre das Ziel mehr als erfüllt.
Vorab: Morgen kommt Folge 10 meines Podcasts »Radio Adria« raus. Danke für eure Unterstützung und eure vielen netten Nachrichten! Ihr könnt hier auf Podigee oder hier auf Spotify alle Folgen hören, aber zum Beispiel auch bei Apple Podcasts oder RTL+, natürlich überall kostenlos. Dieses Mal geht es ums Essen und Trinken. Apropos:


Auch der neue Feinschmecker findet, dass ihr mal reinhören solltet.
Und als Letztes: Der Starkregen hat uns diese Woche ordentlich erwischt. Auf meinem Instagram-Kanal @buch_und_wein habe ich ein paar Filme dazu hochgeladen.

Montag, 8. September
Schöner Saisonauftakt für Gradese Calcio: Die Roten haben in der ersten Runde des Regionalpokals das Team von Mladost mit 8:1 aus dem Stadion geschossen. Es hätte leicht zweistellig werden können, denn es gab noch drei Pfostentreffer und einen vergebenen Elfmeter.

An der Qualität des Stadionbrötchens samt zugehöriger Bratwurst hat sich dagegen nichts geändert und treibt meinem Kumpel und Bratwurstexperten aus Thüringen, dem ich Fotos schickte, nach wie vor dicke Tränen aus den geschockten Augen.

Dienstag, 9. September
Insulaner sind ein eigenes Volk. Und deswegen nehmen sie es sehr genau, wer nun zu ihnen gehört und wer nicht. Alle, die auf dem Festland geboren wurden, sind schon mal draußen, egal, wie lange sie schon auf der Insel leben, wie sehr sie sich den Sitten und Gebräuchen angepasst haben und wie kennerhaft sie den Inseldialekt sprechen. Die Auswärtigen werden gern Forestieri genannt, Waldmenschen. Ich hatte schon vor einiger Zeit gelernt, dass es eine feine Unterscheidung zwischen Gradesi und Graisani gibt. Gradesi sind in Grado geboren, aber ein Elternteil oder gar beide Eltern kommen vom Festland. Sie zählen zum niederen Blaublut – so wie der deutsche »Bahnsteigadel«, also all jene, die von Kaiser Wilhelm II. beim Abdanken kurz vorm Einstieg in den Zug noch schnell mit einem Titel bedacht wurden. Graisani sind dagegen »echte« Gradeser, nämlich mit Eltern und Großeltern, die ebenfalls aus Grado stammen.
Aber, kaum zu glauben, es gibt noch eine Stufe darüber, wie mir der Künstler Dino Facchinetti in seinem Atelier in der Altstadt stolz berichtet. Er sei nämlich ein »Patoco«, das ist ein Dialektwort, das in keinem Wörterbuch steht. Man könnte es frei übersetzen mit »Original« oder auch »Grundpfeiler«. Ein »Patoco« ist ein Gradeser, der seine Ahnen auf der Insel seit fünf-, sechshundert Jahren nachweisen kann. Viele von ihnen gibt es nicht, aber Dino gehört dazu: Bei ihm sind es sogar 650 Jahre, mindestens.

Mittwoch, 10. September
Reden wir noch einmal über das entsetzliche Unglück von letzter Woche. In Pinos Bar sind sich alle einig: Wo waren bloß die Eltern, als die Vierjährige im Meer ertrank? Ohne die Eltern in Schutz nehmen zu wollen, aber wohl jeder, der Kinder hat, hat schon einmal erlebt, dass die Kleinen sich, wenn man kurz nicht hinschaut, mit Lichtgeschwindigkeit von einem Ort zum anderen bewegen. Dennoch: Wo waren die Eltern? Diesen anklagenden Vorwurf werden sie sich wohl selbst den Rest ihres Lebens machen. Aber wo war die Badeaufsicht, der Bagnino und der Salvataggio, und wo waren die vielen Badegäste an dem Strandabschnitt, auf den Liegen und im Wasser? Ist niemandem aufgefallen, dass da eine Vierjährige allein quer über den Strand in Richtung Meer stapft, dass sie sogar ins Wasser geht, dass sie stürzt, dass sie um ihr Leben kämpft? Da müssen sehr viele unglückliche Zufälle zusammengekommen sein, dass nicht eine einzige Person irgendetwas bemerkt oder genauer hingeschaut hat.
Und warum hat es in diesem Jahr so viele dieser Unglücksfälle gegeben – so viele Kleinkinder, die unbeaufsichtigt in Lebensgefahr geraten oder gar umkommen? Das fragte ich einen befreundeten Rettungssanitäter. Der antwortete mit einer vielsagenden Geste: Er griff in seine Gesäßtasche und zog ein Handy hervor.
Und tatsächlich ist ja nun die erste Elterngeneration am Zug, die mit Smartphones und sozialen Medien aufgewachsen ist. Eine Generation, die stundenlang durch Instagram scrollt und die Welt um sich herum vergisst. Der Rettungssanitäter berichtet von haarsträubenden Erlebnissen, etwa von jungen Müttern und auch Vätern, die Fotos auf Instagram anschauen oder Selfies machen, während neben ihnen unbemerkt die Kleine von der Luftmatratze rutscht oder auf die Straße läuft.
Hier kommt keine Moralpredigt, nur ein Appell, gerade an die jungen Eltern am Strand: Ja, die Adria ist flach und sicher. Aber nicht so sicher, dass die Kinder allein gelassen werden dürfen. Schon gar nicht, wenn sie noch nicht schwimmen können. Was für die Adria gilt, gilt auch für den Pool und den Badesee: Bitte das Handy öfter mal beiseite legen, vielleicht sogar gleich im Hotel lassen. Versprochen: Den eigenen Kindern beim Spielen zuzusehen und im wahren Leben zu verweilen ist ohnehin viel besser als alles, was euch die sozialen Medien virtuell bieten.
Donnerstag, 11. September
Was für eine wunderbare Mail, danke!
Ich lese eigentlich, obwohl Vielleser, nie ein Buch zweimal. Mit Ausnahme Ihres Buches »Mein Leben am Strand«, das ich voriges Jahr bereits gelesen hatte und heuer erneut am Strand als Leselektüre mitnahm. Ohne Schmeichelei: Gerade beimzweitenmal Lesen hatte ich noch mehr Lesegenuss und verschlang geradezu jede einzelne Zeile. Beim Kapitel »Der Muschelphilosoph« musste ich, selbst am Strand befindlich, laut auflachen ob Ihrer feinen Ironie und Formulierungskunst. So wie Sie Ihre einzelnen Protagonisten beschreiben, bekommt man das Gefühl, die eine oder andere Person ebenso kennenzulernen. Ich selbst war lange mit einer Italienerin verheiratet, meine Kinder sind zweisprachig aufgewachsen, daher sind Ihr letztes Buch, aber auch die anderen zuvor für mich eine liebe Reminiszenz an die Strandurlaube mit meinen beiden Kindern in Italien.
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Noch 13 Tage, dann ist es soweit. Ich freue mich sehr, und die ersten Leserinnen und Leser sind begeistert.

Bestellt es rasch vor, zum Beispiel bei Amazon, Thalia oder Hugendubel, aber sehr gern auch in eurer örtlichen Buchhandlung.
Hier kommen die aktuellen Lesungstermine.
Mittwoch, 1.10.: Wien, Thalia Mitte
Donnerstag, 2.10.: Wien, Weingut & Heuriger Karl Lentner
Freitag, 3.10.: Graz, Buchhandlung Büchersegler
Samstag, 4.10: Bad Tatzmannsdorf, Reiters Supreme
Montag, 6.10.: Linz, Thalia
Donnerstag, 16.10.: München, Bar Primo Piano im Hotel Rotkreuzplatz
Freitag, 17.10.: Großkarolinenfeld, Voglbuch/Pfarrstadl
Dienstag, 21.10., St. Veit, Buchhandlung Besold
Montag, 11.5.2026 (!): München, Buchhandlung Singer – Aperitivo, Autorenhuldigung & Gartenparty
Alles über meine Bücher lest ihr hier.
Die letzte Wochenschau mit allerlei Baufälligem lest ihr hier.
Die Wochenschau mit den faszinierenden Fotos von Grado aus dem Jahr 1909 lest ihr hier.
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Jetzt wünsche ich euch ein wunderbares Wochenende.
