Das gewaltige Projekt, das verschwundene Wasser, Netflix gegen Grado: Mediterrane Wochenschau CCLXXXVIII

Hier kommt der einzige Newsletter, der immer noch den dicken Mantel trägt! Denn erstens ist es ein ziemlich kalter März. Zweitens bin ich als Neu-Podcaster (hier geht’s zur aktuellen Folge über Italiens interessantesten Ort) immer in Sorge, mich zu verkühlen und die Stimme zu verlieren. Also mache ich es inzwischen wie die Italiener und trage die Winterjacke bis 20 Grad.

Nach den beiden Sonder-Newslettern über alle wichtigen Veranstaltungen in Grado in dieser Saison und meinen 57 Lieblingsorten geht es dieses Mal wieder mittenrein ins Geschehen. 

Die wichtigsten Themen: 

  • das größte Bauvorhaben in Grado seit Jahrzehnten
  • wie Netflix den Grundschulen schadet
  • ein heftiger Streit um Laternenpfähle
  • und wo im Winter das ganze Wasser ist

Vorab die allerwichtigste Nachricht: Eisweltmeister Antoniazzi ist wieder offen, meine Tochter kann ihr Glück nicht fassen. 

Die kleinen Glücksmomente des Lebens.

Wir haben viel vor – andiamo!

Montag, 16. März

Beginnen wir mit einer Leserfrage, die mir häufig gestellt wird: Warum herrscht im Winter so oft Niedrigwasser? Das Meer zieht sich gefühlt kilometerweit zurück, und in der Lagune wirkt es so, als könne man trockenen Fußes bis nach Aquileia spazieren. Auch in Venedig sinkt der Wasserstand in den Kanälen – ein typisches Phänomen der oberen Adria.

Was macht das Wasser im Winter? Sitzt es beim Weißwein in Pinos Bar?

Dafür gibt es mehrere Gründe. 

Erstens: Im Winter liegen oft stabile Hochdruckgebiete über der Adria. Der hohe Luftdruck wirkt tatsächlich wie ein Gewicht und drückt die Wasseroberfläche nach unten. Ein Hochdruckgebiet kann den Wasserspiegel um zwanzig bis dreißig Zentimeter absinken lassen – und in flachen Gewässern ergeben solche vermeintlichen Kleinigkeiten ganz viel Trockenfläche.

Zweitens und noch wichtiger: Die Bora, die vor allem im Winter dominiert, bläst vom Land aufs Meer hinaus und schiebt das Wasser Richtung Süden.

Drittens noch ein kleiner, aber messbarer Effekt: Die Flüsse führen kein Schmelzwasser in die Adria, auch ihre Pegel sind im Winter niedriger.

Wieder was gelernt!

Dienstag, 17. März

Hochwasser bleibt aber eine reale Bedrohung, deswegen nimmt das Projekt »Mini-Mose« Form an: Grados Hafeneinfahrt soll bei drohendem acqua alta mit Fluttoren verschlossen werden, so wie in Venedig. In den nächsten sechs Monaten wird an genaueren Plänen gearbeitet. Die geschätzten Kosten liegen bei zehn bis fünfzehn Millionen Euro, was eine gewaltige Investition ist. Zwei Jahre werden die Bauarbeiten dauern.

Das Thema wird uns noch lange beschäftigen. Hoffen wir, dass es in Grado gesitteter zugeht als in Venedig, wo rund um den Milliardenbau mehr als 100 Personen wegen Korruption angeklagt und 35 Personen verhaftet wurden, darunter der Bürgermeister der Stadt, zwei Minister und weitere hochrangige Beamte.

Mittwoch, 18. März

Scharfer Protest – gegen Laternenpfähle? Ja, gegen Laternenpfähle. Und der Ton ist rau, aber das ist er ja immer in den sozialen Netzwerken. Worum genau geht‘s?

Der fünf Kilometer lange Damm, der Grado mit dem Festland verbindet, zaubert uns allen schon bei der Überfahrt ein Lächeln ins Gesicht. Manche von uns lassen gar die Fensterscheiben runtersurren, um die salzige, feuchtwarme Meeresluft einzuatmen – ein sicheres Zeichen, dass der Urlaub in diesem Augenblick begonnen hat.

Die schönste Urlaubsanfahrt! (Foto: Max Tassotto.)

Nun sollen dort über die gesamte Strecke vier Meter hohe Laternenpfähle installiert werden, um die Sicherheit der Radfahrer zu erhöhen. Und das schmeckt den Gradesern nicht, denn es raubt ein wenig von der Faszination des Damms, der auf der Insel lo stradone genannt wird – die große Straße. Irgendwie poetisch. Und so hohe Lichtmasten würden dem Damm viel Charme und Poesie nehmen. Der Architekt aus Cervignano, der sich seit 1992 (!) mit dem Projekt Radweg befasst, glaubt sogar, dass jede Art von Licht überflüssig sei. Erstens sei es ja gesetzlich vorgeschrieben, dass Räder mit Vorder- und Rücklicht ausgestattet sein müssen. Wer sich darüber hinwegsetze, sei selbst schuld. Er erklärt weiter, dass der Lagunenabschnitt der einzige Ort sei, von dem aus man gleichzeitig die Lagune, das Kloster von Barbana, den Himmel und die Sterne sowie die Skyline von Grado sehen kann. »Mit den Laternen würden wir die Dunkelheit verlieren, die hier etwas Positives ist.« Schön gesagt.

Was die Gradeser auch ein wenig fuchsig macht: Bis vor etwa zwölf Jahren – manche von euch werden sich erinnern – war die Backbordseite des Damms, von Aquileia kommend, von riesigen Strommasten flankiert, die längst unnütz geworden waren, und es dauerte Jahre, bis sie endlich abgerissen wurden. »Und nun bauen wir solche Monstren wieder auf?«, beschwert sich eine Userin auf Facebook.

Dann die Entwarnung: Der Damm wird nun doch nicht mit Straßenlaternen zugepflastert. Das hat der Bürgermeister entschieden, und die meisten Gradeser freuen sich darüber. Die Laternenpfähle, die probeweise auf einer Strecke von etwa zweihundert Metern installiert wurden, werden demnächst abgebaut. Und uns bleibt weiterhin freie Sicht auf die Lagune, das Kloster Barbana und den Sternenhimmel.

Es gibt ein Nachspiel: Die Straßenverwaltung würde die Laternen trotzdem gern verbauen, denn nur noch bis zum Ende des Jahres liegen eine Million Euro in der Region bereit. Wenn bis dahin nichts passiert, wird das Geld einem anderen Projekt zugeschoben. Der Bürgermeister von Aquileia hätte gern auf seinem Abschnitt des Radwegs mehr Licht und hat um die Laternen gebeten. Und so könnten am Ende alle glücklich sein. 

Apropos Glück:

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Donnerstag, 19. März

Wo sind bloß die Kinder? Seit vielen Jahren gibt es hier zwei Grundschulen, eine Halbtagsschule in Grado (auf der Isola della Schiusa) und eine Ganztagsschule in Fossalon. Was sich schon andeutete, wird nun zur schmerzlichen Wirklichkeit – für die kommende erste Klasse in Fossalon nach den Sommerferien wurden nur neun Kinder angemeldet; es ist unklar, ob die Klasse eröffnet wird oder ob die neun Kinder notgedrungen auf die Halbtagsschule geschickt werden. Was für die berufstätigen Eltern echte Probleme birgt.

Dann der Schock: Auch für die Halbtagsschule stehen nur zwölf Kinder bereit. Das ist so wenig, dass schon das Schreckgespenst einer Schulschließung herumspukt. Und das würde bedeuten, dass alle Grundschulkinder irgendwohin aufs Festland geschickt werden müssen. 

Schon 2024 gab es ja den Affront, dass die Schulverwaltung nach San Canzian d’Isonzo abgezogen wurde; der Ort liegt zwischen Grado und Monfalcone. Wird nun bald auch dort unterrichtet? Grado hat verständlicherweise Angst um die eigene Identität.

Was tun? Die Gradeser machen einfach zu wenige Kinder, da kann auch die Politik wenig tun. Der Bürgermeister, den ich im Fahrstuhl traf und darauf ansprach, breitete nur die Arme aus: »Alle schauen zu viel Fernsehen!«

Netflix sorgt also für eine schwere Identitätskrise. Allerdings betrifft das ganz Italien – es ist das Land mit einer der niedrigsten Geburtenraten in Europa.

Freitag, 20. März

In acht Wochen erscheint »Espresso unter Sternen«, aber in dieser Woche ist ein ganz feiner Bildband erschienen, den ich zusammen mit dem Designer Wolfgang Seidl erstellt habe: Es geht um die Rallye Mille Miglia und eine muntere Reise durch Italien und seine Geschichte. Eine geniale Geschenkidee – versprochen!

Jetzt wünsche ich euch ein wunderbares Wochenende!

Zu allen Podcast-Folgen geht es hier entlang.

Und hier kommen die aktualisierten Lesetermine.

Freitag, 10. April: Klagenfurt, Podcast-Festival
Samstag, 11. April: Wien, Wiener Ball der Bücher, Palais Niederösterreich
Montag, 11. Mai: München, Buchhandlung Singer
Dienstag, 12. Mai: Coburg, Buchhandlung Riemann
Mittwoch, 13. Mai: Großkarolinenfeld, Voglbuch 
Montag, 18. Mai: Klagenfurt, Buchhandlung Heyn
Dienstag, 19. Mai: Wien, Konzertcafé Schmid Hansl
Mittwoch, 20. Mai: Graz, Buchhandlung Büchersegler
Mittwoch, 10. Juni: Hart, Stadtbibliothek
Donnerstag, 11. Juni: Gleisdorf, Buchhandlung Plautz
Freitag, 12. Juni: Steyr, Casinosäle
Freitag, 19. Juni: Wien, Thalia Mitte
Ende September: Salzburg! (Wir sind gerade am Organisieren)