Hier kommt der einzige Newsletter, der sich den Papphut aufsetzt und kräftig in die Tröte bläst: Auf vielfachen Wunsch bekommt ihr Einzelheiten zum Karneval in Grado und Umgebung (ist ja dieses Jahr alles so früh), außerdem besuchen uns der Papst und einige Dinosaurier, und Italien hat einen neuen Superhelden. Und: Am Ende dieses Beitrags habe ich 20 Fakten versammelt, die ihr noch nicht über Venedigs Karneval wusstet. Gehen wir’s an.

Montag, 29. Januar
Weil ich so oft gefragt wurde: Der Karneval ist im Friaul zwar ein großes Thema, in Grado findet der große Umzug aber im Sommer statt, was immer ganz stimmungsvoll ist – in diesem Jahr am 20. Juli. Aber in der Umgebung wird gefeiert, darunter am 3. Februar in Cervignano und am 13. Februar in Monfalcone. Besonders spektakulär versprechen die Umzugswagen des Vereins »Compagnia del Carro« zu werden, von denen die Zeitungen schon vorab berichtet haben: Sie lassen die Dinosaurier wiederauferstehen, darunter – natürlich – den Tyrannosaurus Rex, während die Vereinsmitglieder als »Archäologen« verkleidet mitlaufen; gemeint sind vermutlich Paläontologen, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein.

Dafür geht es in Venedig rund. Dass die Menschen, die spektakulär kostümiert über den Markusplatz flanieren, keine Venezianer sind, hat sich ja inzwischen herumgesprochen. Es sind sehr oft Deutsche oder Franzosen. Und die Venezianer? Feiern in ihren Palazzi hinter verschlossenen Türen, und wer wo eingeladen ist und wer seinen Gästen was bietet (vom Sternekoch bis zum Kammerorchester), ist unter Venezianern ein beliebtes Klatsch- und Tratschthema.

Dienstag, 30. Januar
Der Papst kommt nach Triest, und Grado ist verzweifelt! Warum? Der Besuch fällt ausgerechnet auf den 7. Juli, den Tag des Perdòn de Barbana, der Schiffsprozession zur Klosterinsel und Grados wichtigstem religiösen Fest. Was werden die örtlichen Honoratioren tun, vom Bürgermeister bis zum Priester? Zum Papst fahren und die einmalige Gelegenheit nutzen, ihm die Hand zu schütteln – oder brav im Ort bleiben und beim Perdòn Präsenz zeigen? Gradeser hoffen zumindest auf einen Hubschrauberüberflug des päpstlichen Helikopters und eine Segnung von oben.
Mittwoch, 31. Januar
Die enge Brücke am Ortseingang ist gerade für Radfahrer eine heikle Sache. Seit Jahren ist ein Radweg geplant, der einfach links und rechts angebaut werden soll. Die veranschlagten Kosten belaufen sich auf 2,4 Millionen Euro, letzten Oktober sollte es schon losgehen. Wenig überraschend: Die Arbeiten haben noch immer nicht begonnen.
Was uns zu der Frage bringt: Warum verzögern sich Bauprojekte gerade in Italien immer so ewig? Das kann viele Gründe haben, nicht zuletzt archäologische: Praktisch überall, wo hierzulande gebuddelt wird, kommt irgendwas Antikes zum Vorschein. Und keine Institution ist mächtiger und unangreifbarer als der Denkmalschutz. Mit einem einzigen Wort kann ein kleiner Beamter jedes Großprojekt stoppen. Alles ist Auslegungssache, daher sind juristische Schritte so gut wie unmöglich – und Prozesse ziehen sich Jahrzehnte hin.
Der viel wichtigere Grund ist aber: Ausschreibungen für Arbeiten wie an Grados Brücke sind öffentlich, was ja erst einmal eine gute Sache ist. Jede Firma kann sich bewerben. Doch die Firmen, die nicht gewählt werden, können gegen ihren Ausschluss juristisch vorgehen. Was sie auch fast immer tun. Bis das nicht geklärt ist, müssen die Bauarbeiten ruhen. Und, wie gesagt, in Italien können Prozesse ewig dauern.
Nun aber soll der Bau losgehen. Die Brücke soll nicht komplett gesperrt werden, aber der Verkehr wird vermutlich über einige Zeit einspurig mit Ampel geregelt werden. Es heißt, dass der Radweg nicht vor der Saison 2025 fertig wird, und das bedeutet, dass uns die Arbeiten noch einige Zeit beschäftigen werden, möglicherweise auch während der Hochsaison. Ich halte euch auf dem Laufenden. Wir in unserer kleinen famiglia wissen ja, dass es einen unkomplizierten Weg hintenrum auf unsere Insel gibt, am Golfplatz vorbei. Apropos:

Donnerstag, 1. Februar
Italien hat einen neuen Superhelden: Ein Unbekannter, der von der Presse »Fleximan« genannt wird, zerstört Radarfallen, und das tut er hochprofessionell – er zersägt mit schwerem Gerät die Stahlrohre, auf denen sie errichtet sind. Das Erstaunliche ist, dass er es quer durch Italien tut, vom Piemont bis Padua. Mindestens zwölf Radarfallen hat er schon gefällt. Die Behörden sind ratlos, die Bürger uneins: Ist er nun ein Robin Hood oder ein Vandale, für dessen Taten der Steuerzahler aufkommen muss? Mal sehen, was er bis zur nächsten Woche so alles anstellen wird. Hier bleibt ihr auf dem Laufenden.
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Ich wünsche euch allen ein sonniges Wochenende, bis nächsten Freitag!
Die »Spaghetti-vongole-Tagebücher« erscheinen erst am 14. März, aber sind inzwischen schon auf Platz 2 der Reiseberichte. Wunderbar.

Wer sie im Buchhandel, bei Thalia, Morawa, Hugendubel oder Amazon bestellt, bekommt sie ein paar Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin. Und der Bonnevoice-Verlag produziert auch wieder ein Hörbuch, so wie schon zu »Meine Bar in Italien«. Auf der Startseite des Verlags gibt es eine Hörprobe zur Bar (ihr müsst ein wenig runterscrollen). Der Sprecher hat eine wahnsinnig tolle Stimme!
Und vorher noch schnell in Band 1 der Familiensaga einsteigen, die 1947 beginnt und in den Münchner Studentenunruhen der 1960er-Jahre endet – und die eine ordentliche Portion Italien enthält.

Auf Instagram findet ihr mich unter @buch_und_wein, schaut vorbei.
Zur letzten Wochenschau mit den neuen Jobs in Grado und den vielen Großprojekten geht es hier entlang.
Alles über das Eintrittsgeld in Venedig habe ich hier zusammengefasst (scrollt zum Mittwochs-Eintrag).
Zurück zur Startseite? Bitteschön.
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Und hier kommen wie versprochen die Fakten über den Karneval in Venedig. Den Text habe ich vor ein paar Jahren für meinen damaligen Verlag verfasst.
20 Dinge, die ihr noch nicht über den venezianischen Karneval wusstet

1. Er wird nachweislich seit 1094 gefeiert und ist damit der älteste Karneval der Welt.
2. Früher dauerte der Karneval ein halbes Jahr. Um das 14. Jahrhundert begannen die Feierlichkeiten bereits Anfang Oktober und dauerten bis Ende März. Die Venezianer waren so wohlhabend, dass sie sich die Ausschweifungen problemlos leisten konnten.
3. Auf dem Höhepunkt des Karnevals wurden lebende Schweine vom Markusturm geworfen. Der garstige Brauch sollte den Patriarchen von Aquileia verhöhnen, der 1162 besiegt wurde und einen jährlichen Tribut von Schweinen und Ochsen in die Lagunenstadt zu liefern hatte.
4. Ebenfalls auf den Sieg über den Patriarchen von Aquileia, übrigens einem Bayer namens Ulrich von Treffen, geht der Brauch zurück, einen Ochsen feierlich vom Dogen zum Tode verurteilen zu lassen. Der Vorsitzende der Schmiedezunft musste dem Ochsen daraufhin mit einem einzigen Schwerthieb den Kopf abschlagen, aber das Schwert durfte trotz des mächtigen Hiebes nicht die Erde berühren. Das Fleisch wurde an Krankenhäuser und Gefängnisse verteilt.
5. Im Jahr 1751 präsentierte der Doge Pietro Grimani den Venezianern zum Karneval ein fremdartiges Tier: ein Nashorn.
6. Karnevalsmuffel gab es nicht: Sogar Bettler trugen Masken, und Mütter setzten ihren Säuglingen eine auf. »Maske ist hier Dienstkleidung«, berichtete ein französischer Reisender im Jahr 1739 verblüfft.
7. Der Karneval endete mit Napoleons Eroberung der Stadt und kam 170 Jahre lang zum Erliegen.
8. Niccolò Barattieri stellte Ende des 12. Jahrhunderts die ersten öffentlichen Spieltische Europas auf – genau zwischen den Säulen auf dem Markusplatz, die später als Hinrichtungsstätte dienten. Noch heute bringt es Unglück, zwischen ihnen hindurchzugehen.
9. Im Jahr 1590 erfanden die Venezianer zur Karnevalszeit eine Lotterie, um die Kosten für den Bau der Rialtobrücke bestreiten zu können. Ein Los kostete zwei Kronen, der Hauptgewinn betrug 100.000 Kronen.
10. Eine venezianische Spezialität waren die waghalsigen menschlichen Pyramiden, bei denen Akrobaten der Stadtteile gegeneinander antraten und sich an Höhe zu überbieten versuchten. Überliefert sind Pyramiden von bis zu acht menschlichen Schichten. Den Gipfel bildete stets ein kleiner, kletterfreudiger Junge, der liebevoll cimiereto genannt wurde, »Helmchen«. Die Pyramiden standen sehr oft nicht etwa auf festem Boden, sondern auf Brettern über zwei Booten im Wasser, was das Kunststück umso wackliger machte. Im bitterkalten Winter 1788 wurden die Kunststücke auf der zugefrorenen Lagune dargeboten.

11. Natürlich gab es auch Feuerwerke. Im Jahr 1526 kam es zu einer folgenschweren Explosion mit vielen Verwundeten, aber der Brauch wurde beibehalten.
12. Am 24. Januar 1458 erließ der Rat der Zehn das Verbot, in der Kirche Masken zu tragen. Hintergrund: Offenbar hatten sich Männer als Frauen verkleidet und waren in Nonnenklöster eingedrungen, um dort multas inhonestates zu begehen. Umgekehrt hatten auch Nonnen den Karneval ausgenutzt, um sich verkleidet der verbotenen Lust hinzugeben.
13. Im Rausch des Karnevals kam es immer wieder zu Schlägereien und Schlimmerem: 1531 wurde ein Dekret erlassen, das es Maskierten verbot, Waffen zu tragen. Auch war es schon seit 1339 verboten, sich außerhalb des Karnevals nachts zu maskieren.
14. Doge Paolo Renier starb am 13. Februar 1789, mitten in der Karnevalssaison. Man verschwieg sein Ableben, um die Feierlichkeiten nicht zu stören, und vermeldete den Tod erst am 2. März.
15. Erst 1976, ausgelöst durch Federico Fellinis Film »Casanova«, kam der Karneval wieder zurück. Auch Fellini selbst setzte sich für die Wiederaufnahme der Feierlichkeiten ein.
16. Das Maskentragen wurde so beliebt, dass viele Venezianer sie gar nicht mehr ablegten, auch nicht außerhalb des Karnevals. Im Jahr 1608 wurde per Gesetz deutlich gemacht, dass Masken nur zur Karnevalszeit getragen werden dürfen. Ansonsten drohten zwei Jahre Haft oder 18 Monate Galeere »an den Rudern, mit Eisen an den Füßen«.
17. Auch sollten die Prostituierten Venedigs immer wieder vom Karneval ausgeschlossen werden (es wurde ihnen beispielsweise verboten, sich zu maskieren), dabei kamen viele Fremde extra ihretwegen in die Stadt, galten die Kurtisanen doch als die besten in ganz Europa.
18. Die beliebtesten Verkleidungen der frühen Venezianer: »uomo selvatico« (»wilder Mann«) mit Fellumhang und Zweigen im Haar, Türke mit Pfeife, Jäger mit Vögeln, Tattergreis, Syphiliskranker. Bald setzte sich auch die Maske des Pestarztes durch. In die schnabelförmige Maske steckte man Watte mit ätherischen Ölen, um die Luft vor dem Einatmen zu filtern. Zudem trug ein Pestarzt – und demnach auch der Karnevalist – einen langen Stock, um die Patienten auf Distanz zu halten.
19. Der Karneval als wichtiger Wirtschaftsfaktor: Im Jahr 1701 wurden während der Karnevalszeit bei etwa 140.000 Einwohnern 30.000 Fremde beherbergt.
20. Ein beliebter Brauch: »Giocare alle uova«: Als Teufel verkleidete Männer bewarfen die Häuser der von ihnen angebeteten Damen mit Eiern, die mit Duftwässerchen oder Talkumpuder gefüllt waren.
[…] macht unser Freund »Fleximan«, der in ganz Norditalien Radargeräte fachmännisch niederreißt? In jedem Fall ist er zu einer […]
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[…] 7. Juli kommt der Papst nach Triest (warum das ein echtes Dilemma für die Gradeser ist, habe ich hier geschrieben), und am 20. Juli findet der Sommerkarneval in Grado […]
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