Botschafter der guten Sache, die lästigen Roller, das verzögerte Schiff, 125.000 Euro Preisgeld: Mediterrane Wochenschau CCLI

Turbulente Tage, liebe famiglia: Am Freitag erschien die Mediterrane Wochenschau Nummer 250, und am Samstag bin ich dann plötzlich Botschafter für die deutsch-italienische Freundschaft, ernannt von der deutschen Botschaft Italiens in Rom. Kaum zu glauben.

In der Übersetzung: Seit zwanzig Jahren bin ich mit einer Italienerin verheiratet und lebe auf der Insel Grado zwischen Venedig und Triest, die in Deutschland beinahe unbekannt ist. ‚Grado – liegt das am Gardasee?‘ werde ich oft gefragt. Natürlich habe ich mich zunächst ganz klassisch in das Land verliebt, in das Essen, das Klima, die Menschen, das allgegenwärtige Meer. Italien macht es einem sehr leicht. Aber daraus wurde schnell etwas Tieferes. Ich liebe die kleinen Rituale des Alltags, die hier mit großer Konsequenz eingehalten werden, vom morgendlichen caffè an der Bar bis zur abendlichen passeggiata, von der spaghettata mit Freunden bis zum Essen am Sonntagmittag, zu dem sich alle verfügbaren Generationen einfinden. Der Sonntagabend gehört dem Fußball, der Montagmorgen in der Bar der hingebungsvollen Aufbereitung aller vergebenen Chancen und aller fatalen Schiedsrichterentscheidungen. Gerade einem Schriftsteller mit einem unsteten Tagesablauf geben solche Rituale eine wichtige Struktur. Und wie wunderbar man in einer Bar schreiben kann, wo man allein ist, aber nie einsam! Im Hintergrund zischt die Siebträgermaschine, die Zeitungsseiten rascheln, natürlich läuft immer auch der kleine, kastenförmige Fernseher oben in der Ecke, die Gespräche sind wie das Meeresrauschen, der Kaffee ist so köstlich wie ihn keine dieser funkelnden Espressomaschinen hinbekommen, die meine deutschen Freunde als Statussymbol daheim haben. Das ist für mich Italien – das Glück in den ganz kleinen, beinahe nebensächlichen Dingen.

Und am Dienstag erschien – nach zwei Pilotfolgen mit Moderatorin – mein erster echter eigener Podcast »Radio Adria«. In der aktuellen Folge geht es um die neue kulinarische Mode des Apericena, die »Archäologieverschwörung« und die Neuigkeiten in Grado. Hört rein und schreibt mir, welche Themen ich unbedingt mal behandeln sollte und über was ihr gern mehr erfahren wollt. Ich freue mich auf eure Anregungen!

Wie immer vorab: Meine 53 Tipps für Grado stehen hier, und alle Neuerungen 2025 lest ihr hier. Und Bewegtbilder mitten aus dem italienischen Leben gibt es auf Instagram unter @buch_und_wein. Aktuell geht es unter anderem zum Schlemmen in die Lagune.

Aber jetzt rein in die Woche.

Montag, 2. Juni

An Pinos Stammtisch sitzt ein wirklich bunter Haufen, jede politische Meinung ist dort repräsentiert. Sogar Lele darf mitdiskutieren, ein ortsbekannter Linker, der einmal sagte: »Der einzige, der noch links von mir steht, ist Stalin.« Zwar hört man selten auf ihn, er ist dennoch dabei. Und er gleicht seine Außenseiterrolle durch ein besonders lautes Organ aus.

Aber: So einig war man sich an Pinos Stammtisch noch nie, dass das Vorhaben, den Ort mit 200 E-Rollern zum Mieten aufzurüsten, eine selten dämliche Idee ist. Klar, wir dürfen hoffen, dass die Roller wenigstens mit einem Geo-Blockiersystem ausgestattet sind, so dass die Altstadt oder die Uferpromenade nicht befahren werden können. Aber ganz sicher ist das nicht. Und: Solche Systeme können eben auch gehackt werden. Kein Wunder, dass viele Städte die E-Roller-Mietstationen schon wieder verbannt haben. Ein weiterer Grund für die Verbannung: Das Abstellen kann keiner kontrollieren, sie stehen oft im Weg. Auf den oft schmalen Fußwegen in Grado werden es Eltern mit Kinderwagen oder Ältere am Rollator schwer haben. 

Pikantes Detail I: Die zuständige Firma stellt die Roller und kassiert die Einnahmen; für die Stell- und Ladeplätze im öffentlichen Raum muss sie dagegen keine Pacht zahlen, im Gegensatz zu jeder kleinen Enoteca und Gelateria, die für jeden Tisch auf der Straße blechen muss.

Pikantes Detail II: In Italien gilt für E-Roller Kennzeichen- und Helmpflicht. Gerade bei der Helmpflicht werden die Ortspolizisten viel zu kontrollieren haben. Jede Wette: Sie können die Mehrarbeit in der Hauptsaison kaum abwarten.

Dienstag, 3. Juni

Die beliebte Schiffsverbindung Grado-Triest wird wieder aufgenommen, am 10. Juni soll es soweit sein. Wir freuen uns, aber nur sehr verhalten, denn »es müssen noch einige Genehmigungen eingeholt werden«, wie es von offizieller Seite heißt, und jeder, der das italienische Politsprech versteht, weiß nun, dass da noch vieles offen ist. Aber wir hoffen das Beste. Das neue Schiff namens »Nereos« bietet Platz für 200 Personen und 30 Räder und kommt von einer sardischen Reederei. Wir dürfen also davon ausgehen, dass es hochseetauglich ist und nicht schon, wie sein Vorgänger im letzten Jahr, bei der dritten Ausfahrt abzusaufen droht. 

Mittwoch, 4. Juni

Und gerade heute kam folgende Meldung: Eine bei der Ausschreibung unterlegene Reederei legt nun Rechtsmittel ein, was das Ganze noch einmal verzögern könnte. Das ist eine Besonderheit des italienischen Rechtssystems und sorgt immer wieder für jahrelange Verzögerungen: Firmen, die nicht ausgewählt werden, können klagen, wenn sie glauben, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Die Besonderheit in Italien: Bis dahin muss das Vorhaben komplett ruhen, und die Gerichte des Landes sind so überlastet, dass es bis zum endgültigen Urteil Jahrzehnte dauern kann. Was so manche öffentliche Bauruine erklärt. Ich bleibe dran und werde berichten.

Donnerstag, 5. Juni

Eine gute Nachricht ist zweifellos, dass Ende Mai 2026 Grado zum Hot Spot der weltweiten Brandbekämpfung wird: Zum internationalen Treffen der Feuerwehren werden 35.000 Menschen erwartet. Das macht Grado so voll wie im Ferragosto, aber die Hotels und Restaurants wird’s freuen. Und wir dürfen uns vor jeder Feuersbrunst sicher fühlen wie beim gerade zu Ende gegangenen Ärztekongress vor jeder verschluckten Fischgräte.

Al Faro: Die Frisur sitzt nur so mäßig, aber die eigene Mutter verzeiht alles.

Falls ihr plant, 2026 gegen Ende Mai runterzukommen: Kümmert euch rechtzeitig um das Hotel oder Apartment.

Und am Wochenende beginnt das große Damenturnier in Grado, es geht erstmals um 125.000 Euro Preisgeld, was Weltklassespielerinnen anlockt; der Eintritt ist frei, und erstmals wurden drei neue Tribünen hochgezogen, wo ich nächste Woche sicher oft sitzen werde. Kommt auch vorbei!

Wo gibt es die schönen sommerlichen Lesezeichen und Postkarten?

Die Postkarten gibt es in der Rezeption des Hungaria, in der Enoteca da Pino, am Strandkiosk Al Faro und im Laura e Christian Guest House, im Tennisclub sowie im Casa Bea in Fossalon. Die Lesezeichen liegen ebenfalls im Hungaria aus sowie in der Libreria Dante und im Zeitschriftenladen Thomann. Weitere Verteilstellen folgen.

Jetzt wünsche ich euch ein wunderbares, hoffentlich sonniges langes Wochenende. Bestimmt sehe ich einige von euch beim Tennisturnier.

Alles über meine Bücher lest ihr hier.

Und denkt an den Fotowettbewerb zu »Mein Leben am Strand«, es gibt zwei feine Buchpakete zu gewinnen. Einzelheiten stehen hier. Ihr könnt mir die Fotos per Mail schicken (stefan.maiwald@golfmagazin.de oder radioadria@gmx.de), per Facebook (dort findet ihr mich unter meinem Namen), via Instagram (@buch_und_wein) oder dort selbst posten und mich markieren. Der Wettbewerb geht über den ganzen Sommer.

Meine Ermittlungen bei Petra B. haben ergeben: Den Osterhasen gibt es nicht mehr.

Die nächsten Lesungen

Wir sind auch schon am Basteln der Herbstreise, hier sind die ersten Termine.
1. Oktober: Wien, Thalia – Weltpremiere des neuen Buchs »Alle weg«
2. Oktober: Wien, Weingut & Heurigen Lentner