Hier kommt der einzige Newsletter, der mit euch gemeinsam in die italienische Haupturlaubswoche segelt – während in einigen deutschen Bundesländern die Ferien bereits zu Ende sind. Die armen Schulkinder.

Montag, 4. August
Ein Rätsel ist gelöst: Die historischen Fotos aus Grado im Jahr 1909 sorgen weiter für viel Aufsehen, doch es blieb unklar, was auf den Bildern 10 und 11 zu sehen ist – Wäsche (möglicherweise Bettlaken), vor den Hotels und an der Uferpromenade zum Trocknen ausgelegt? Nein, Patricia und Oliver schreiben mir dazu Folgendes: »Eine Anmerkung zu den Fotos mit der Wäsche und der Bettwäsche, die auf den schmalen Wiesen- und Rasenflächen liegen… Es handelt sich hier höchstwahrscheinlich um eine Rasenbleiche. So wurden früher pflanzliche Naturgewebe und verschmutzte Wäsche wieder weiß gemacht – durch die Photosynthese der Pflanzen (Gras) unter den nassen Wäscheteilen (die man tage- bis wochenlang feucht hielt) entstehen u.a. Peroxide, die einen stark bleichenden Effekt auf die Wäsche haben. Also hat man quasi das Sonnenlicht und die Feuchtigkeit dazu benutzt, um wieder blitzblanke Wäsche zu erhalten. Viele Grüße aus Franken!«
Danke für den tollen Hinweis. Tja, unsere Urur- und Urgroßeltern hatten es einfach drauf. Und die Leserinnen und Leser dieses Newsletters auch.
Dienstag, 5. August
Die Fischspezialität Boreto ist den Insulanern heilig, weil sie das einstige Leben der Gradeser widerspiegelt und deswegen mehr ist als ein bloßes Lebensmittel. Denn die Fischer brachten (und bringen) allerlei Beifang mit, etwa zu kleine oder vom Netz zerrissene Fische. Aus dieser unverkäuflichen Ware machten sie oft noch auf dem Boot oder später in ihren Hütten in der Lagune Boreto, dazu gab (und gibt) es Polenta. In den »Spaghetti-vongole-Tagebüchern« habe ich dem Boreto ein eigenes Kapitel gewidmet, und der Inselpoet Biagio Marin huldigte dem Boreto gar in einem vierstrophigen Gedicht.
Und da war man in Grado erstmal stolz drauf, dass der Gambero Rosso, der wichtigste Gourmetführer des Landes, gerade auf seiner Webseite das Boreto-Rezept samt einiger historischer Hintergründe veröffentlicht hat. Aber: Es gab haarsträubende Fehler, eigentlich unverzeihlich für eine Fachzeitschrift. So schreibt der Gambero Rosso, es handle sich um eine der ältesten bekannten Spezialitäten Italiens (so weit so gut), und man verwende dafür keine Tomaten – denn das Rezept ist schließlich älter als die Entdeckung Amerikas –, sondern »nur Knoblauch, Zwiebeln, Weißwein oder Weißweinessig und Olivenöl«. Und das ist ganz großer Quatsch mit Himbeersauce, denn Zwiebeln gehören auf gar keinen Fall ins Boreto, auch nicht Weißwein, sondern nur Weißweinessig. Selbst das Olivenöl ist umstritten; der Eigengeschmack ist zu stark, viele nehmen lieber neutrales Öl.

Aber es wird noch besser: Der Autor des Gourmetmagazins benennt vier Restaurants, in denen man das »Boreto a la Graisana« essen kann, davon liegt nur eines in Grado (nämlich die Tavernetta all‘Androna), und statt die vielen exzellenten weiteren Trattorien in Grado zu nennen, die Boreto anbieten, werden Lokale in Lignano, in San Giovanni al Natisone und in Triest empfohlen. Und auch das für Grado genannte Restaurant, das von den Brüdern Allan und Attias Tarlao geführt wird, ist stinksauer, und das nicht nur, weil das Rezept hinten und vorn nicht stimmt. »Wir sind völlig erschüttert«, sagt Allan, »denn wir wurden zitiert, ohne gefragt worden zu sein, dazu noch in einem Atemzug mit Restaurants, die nun wirklich nichts mit den Traditionen von Grado zu tun haben.« Und was die nicht erwähnten Restaurants aus Grado zu all dem sagen, ist nicht druckfähig.
Die Tageszeitung Il Piccolo titelt entsprechend martialisch: »La ricetta boreto fa insorgere Grado«. Insorgere ist ein Verb, dessen Kraft schwer zu übersetzen ist – aufbegehren ist zu ältlich, protestieren beinahe zu schwach. …bringt Grado auf die Barrikaden, würde es im Deutschen heißen.
Dass Grado dann noch als »Friaul« bezeichnet wird, war der letzte Sargnagel für den Text. Denn politisch mag das stimmen, aber ein Gradeser würde lieber ein Riedel-Rotweinglas zerkauen als Friulano genannt zu werden.
Mittwoch, 6. August
In dieser Woche gab es richtig viel Mail von euch, toll! Drei Leser schrieben mir, dass es in diesem Jahr auffallend wenige Möwen gebe, ob ich den Hintergrund wüsste? Nein, keine Ahnung, aber ich höre mich mal um. Oder ist ein Ornithologe unter den Leserinnen und Lesern? Außerdem wurde ich in diesem Sommer zum ersten Mal von einer Möwe attackiert, die in der Piccolo Bar an mein Tramezzino wollte, aber ich konnte den Angriff abwehren.
Letzte Woche sind im Parco delle Rose, in dem ja ordentlich gebuddelt wird, im Sturm zwei große Pinien umgeknickt. Das hat nicht nur mich verwundert (denn so heftig war der Sturm gar nicht, da haben wir schon ganz andere Windstärken erlebt), sondern auch Leser Konrad P., der das Kappen der Wurzeln als Ursache sieht – und nicht etwa eine Baumkrankheit, wie die örtliche Tageszeitung schreibt. »Ich konnte sehen, wie Arbeiter mit Hilfe eines kleinen Baggers mehrere Tage lang quer durch den Park von Nord nach Süd in einem Abstand von etwa anderthalb Metern entlang der Pinienbaumreihe einen tiefen Graben ausgehoben haben, und ein weiterer Arbeiter hat mit einer Kettensäge die Wurzeln der Pinien abgeschnitten, um dann dort eine Leitung zu verlegen. Einige dieser wurzelamputierten Pinien stehen ja noch; das heißt aber, dass es lebensgefährlich sein wird, sich dort bei Sturm aufzuhalten.«
Ich werde dranbleiben.
Donnerstag, 7. August
Noch eine aktuelle Leserpost: Zum Thema Fährverbindung zwischen Grado und Venedig schlagen Gerd und Markus Schnellboote vor. »Ich bin mit diesen Schnellbooten von Hongkong nach Macao gefahren. Sie besitzen zwei umgebaute Flugzeugturbinen von Boeing und fetzen über das Meer mit knapp 90 Stundenkilometern (man muss auch fest angeschnallt sitzen).«

Und nun düsen wir alle mit 90 Stundenkilometern in Richtung Wochenende – das Wetter soll ja nun auch im Norden endlich mitspielen, und hier in Grado kommt der Hochsommer ebenfalls wieder.
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So langsam formiert sich die Lesereise im Herbst, die ersten Termine sind festgezurrt.
Mittwoch, 1.10.: Wien, Thalia Mitte
Donnerstag, 2.10.: Wien, Weingut & Heuriger Karl Lentner
Freitag, 3.10.: Graz, Buchhandlung Büchersegler
Montag, 6.10.: Linz, Thalia
Donnerstag, 16.10.: München, Bar Primo Piano im Hotel Rotkreuzplatz
Freitag, 17.10.: Großkarolinenfeld, Voglbuch
Dienstag, 21.10., St. Veit, Buchhandlung Besold
Montag, 11.5.2026 (!): München, Buchhandlung Singer – Aperitivo, Autorenhuldigung & Gartenparty
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Und denkt an den Fotowettbewerb! Einsendeschluss ist der 30. September.

Meine 53 persönlichen Tipps zu Grado lest ihr hier.
Die letzte Wochenschau mit dem verschwundenen Cocobello-Mann lest ihr hier.
Die Wochenschau mit den faszinierenden Fotos aus dem Jahr 1909 lest und seht ihr hier.
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