Hier kommt der einzige Newsletter, der beim langen Maiwochenende schon ordentlich angebräunt wurde! Was für ein Traumwetter war das denn bitte?
Aber wenden wir uns wieder der Wirklichkeit zu. Denn die bietet uns in dieser Woche ziemlich heftige Meldungen, passend zum Tiefdruckgebiet, das uns nach dem verfrühten Sommerauftakt abkühlte.
Was erwartet euch heute?
- Der Drogenring von Grado (echt wahr!)
- Illegale Einwanderer und ihre Komplizen
- Die englische Prosecco-Vernichtung
Vorab: In der aktuellen Podcastfolge 29 geht es um die Geisterfabrik, die 89 Millionen Euro scheffelte. Und in der neuen Folge 30, die morgen erscheint, geht es unter anderem um die Frage, wie das in Italien eigentlich genau funktioniert mit dem Küsschen links und rechts.

Montag, 4. Mai
Ich bin mal schnell nach München gedüst, um 300 vorbestellte Exemplare wegzusignieren. Danke euch allen – ihr werdet das Buch pünktlich bekommen.


Drei oder vier Mal versagte der Kugelschreiber mitten in der Unterschrift, ich musste noch mal neu ansetzen. Das sorgte für einen interessanten dreidimensionalen Effekt. Und im Buchhandel weiß man: Solche besonderen Unterschriften bringen Glück!

Dienstag, 5. Mai
Sonne, Meer, Urlaubsstimmung. Und mitten in dieser Idylle fliegt plötzlich ein professionell organisiertes Drogennetzwerk auf. Die Carabinieri haben einen 35-jährigen Mann festgenommen. Einen Gradeser. Gegen fünf weitere Personen wird ermittelt. Der Auslöser für die ganze Geschichte ist tragisch: der Tod eines 43-Jährigen. Er wurde leblos in einer Wohnung gefunden – erst wurde ein Herzinfarkt vermutet. Später stellte sich heraus: Eine Mischung aus Heroin, Kokain und Alkohol hatte zu einem Hirn- und Lungenödem geführt.
Also haben die Ermittler tiefer gegraben. Sie werteten WhatsApp-Chats des Verstorbenen aus – und stießen auf ein dichtes Netz aus Kontakten, codierter Sprache und routinierten Abläufen. So kamen sie schließlich auf den Hauptverdächtigen,.
Was die Ermittler aufdeckten, wirkt fast schon wie aus einer Serie: Der Mann soll ein regelrechtes Drive-in-System betrieben haben. Kein direkter Kontakt, kein großes Risiko. Stattdessen hing am Gartentor seines Hauses eine Plastiktüte – darin die Ware. Käufer kamen vorbei, griffen rein, gingen wieder. Schnell, diskret, effizient.
Im Hintergrund lief ein ganzes Netzwerk: Bestellungen über Telegram, verschlüsselte Nachrichten, verschiedene Lieferketten. Mal traf man sich an Bahnhöfen – sogar außerhalb der Region –, mal wurden Drogen von ahnungslosen Paketdiensten geliefert, vakuumverpackt und unauffällig.
Unterstützung hatte der Mann auch: Ein Bekannter fungierte als Fahrer, seine Partnerin half ebenfalls.
Bei Durchsuchungen fanden die Ermittler dann alles, was zu so einem Geschäft gehört: Heroin, Haschisch, Methadon, MDMA, K.o.-Tropfen. Dazu Bargeld, Feinwaagen und Verpackungsmaterial.
Dass der Mann jetzt in Untersuchungshaft sitzt, liegt nicht nur an der Beweislage. Die Behörden sehen auch Fluchtgefahr – er hatte offenbar schon nach Möglichkeiten gesucht, nach Südamerika zu türmen. Und: Er hatte keinen legalen Job, lebte wohl komplett vom Drogenhandel.
Wir sind jedenfalls alle ganz fassungslos. Man muss sich eben klarmachen: Grado ist kein Dorf, sondern mit knapp 8000 Einwohnern eine Kleinstadt. Mit Problemen, wie sie, jenseits des Tourismus, in jeder anderen Kleinstadt vorkommen.
Mittwoch, 6. Mai
Zeit zum Durchatmen blieb kaum, denn Grado tauchte plötzlich im nationalen Magazin »Fuori del Coro« auf, und das just in der ersten Woche der Saison. Ein Reporter deckte ein ganz schmutziges Geschäft rund um die Einschleusung illegaler Migranten auf.
Vereinfacht gesagt, funktioniert das System so: Ein Bangladescher zahlt einem Unternehmer über einen Vermittler – sagen wir’s wie es ist: einem Schleuser – 3000 bis 4000 Euro und bekommt dafür einen Arbeitsvertrag. Das bedeutet, dass er legal nach Italien einreisen und sich niederlassen kann. Bloß tritt er die Arbeit nicht an, ist aber fortan im Land und taucht ab. Alternativ tritt er die Arbeit tatsächlich an, aber zu unterirdischen Bedingungen, er ist ja dem Arbeitgeber ausgeliefert. Beide Varianten sind übel.
Für die TV-Sendung gab sich ein Reporter als Unternehmer aus und bot einem Bangladescher, der hier in Grado die Fäden in der Hand hält, Geld für einen fingierten Arbeitsvertrag an. Der Bangladescher akzeptierte. Dann gab sich der Reporter zu erkennen, und der Vermittler stritt alles ab.
Die Opposition tobt, klar. Auch, weil die Reaktion der Ortsregierung ziemlich lauwarm ausfiel. »Die Reportage«, schreiben die Oppositionsführer »hat ein System der Ausbeutung offengelegt, das unsere Stadt vergiftet. Und dann folgt scharfe Kritik an der Reaktion der lokalen Politik: »Stattdessen? Schweigen. Oder schlimmer noch: einige schwache und halbherzige Stellungnahmen, aus denen hervorgeht, dass man das Problem nie wirklich verstanden hat.« Nach Ansicht der Opposition hätte man von einer Stadtregierung eine sofortige Verurteilung der Vorgänge sowie ein umgehendes Treffen mit den Sicherheitsbehörden erwarten müssen. »Es geht nicht nur um Legalität. Es geht um das Image von Grado, um seinen Ruf und um die ehrliche Arbeit derjenigen, die jeden Morgen ihre Geschäfte öffnen und trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten die Regeln respektieren.«
Selbst der Begriff »Mafia« fiel, mit dem Italiener sonst sehr vorsichtig umgehen. Die Europaabgeordnete Anna Cisint und langjährige Bürgermeisterin von Monfalcone hat sich nämlich in die Diskussion mit ebenjenem Wort eingemischt.
Eine horrende Werbung für Grado, auch wenn Insider berichten, dass es in anderen Urlaubsorten genau so schlimm sei. Und über die illegalen Modefabriken etwa in der Toskana oder rund um Neapel wollen wir gar nicht anfangen. Es ist ein italienweit, vielleicht sogar europaweit schmutziges System.
Zurück nach Grado: Der Fisch stinkt vom Kopf und vom Schwanz – denn es braucht ja auch Unternehmer, die genau diese fingierten Arbeitsverträge ausgestellt haben. Ich bleibe dran und biete euch in der nächsten Woche ein paar Insider-Informationen frisch von Pinos Stammtisch. Irre.
Donnerstag, 7. Mai
Und als wäre das nicht genug des Ärgers, bekommt es jetzt auch noch der Prosecco ab: »Süß, klebrig, minderwertig«, schrieb der englische Weinjournalist Henry Jeffreys im Telegraph: »Seien wir ehrlich: Prosecco ist widerlich.«
Er nahm zwar ausdrücklich die DOCG-Flaschen aus Valdobbiadene aus, aber der Kulturkampf hatte begonnen. Corriere della Sera und La Repubblica schlugen zurück: Sie bezeichneten den Artikel als provokativ, stereotyp und verallgemeinernd. Auch die Bosse der Prosecco-Konsortien meldeten sich empört, denn Italiener lassen sich ihre Spezialitäten ungern kleinreden.
Aber auch knallharte Wirtschaftsinteressen stehen dahinter: Fast 700 Millionen Flaschen wurden 2025 produziert, was für einen Umsatz von drei Milliarden Euro sorgte.
Und der Journalist hat ja nicht ganz unrecht: Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen dem 5-Euro-Prosecco aus dem untersten Supermarktregal und einem Spitzenprodukt aus dem DOCG-Gebiet. Viele Winzer wollen mitverdienen, und das macht den Prosecco eben auch angreifbar.
Übrigens: Auch die Edelwinzer selbst sehen das Imageproblem. Daher schreiben viele DOCG-Winzer nicht mehr »Prosecco« auf ihre Flaschen, sondern einfach nur noch »Valdobbiadene«.

Und genau so eine Flasche sollten wir uns jetzt gönnen.
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Das war diese Woche ein wilder Ritt – der aber mit einem Kuss von Sophia Loren begann und nun mit einem Glas Wein endet. Ich wünsche euch allen ein wunderbares Wochenende!
Kommenden Montag erscheint das neue Buch, ich freue mich riesig – und die Lesereise beginnt! Die Termine findet ihr unten.
Alles über die bisherigen Bücher lest ihr hier.
Zu allen Podcast-Folgen geht es hier entlang.
Und hier kommen die aktualisierten Lesetermine.
Montag, 11. Mai: München, Buchhandlung Singer
Dienstag, 12. Mai: Coburg, Buchhandlung Riemann
Mittwoch, 13. Mai: Großkarolinenfeld, Voglbuch
Montag, 18. Mai: Klagenfurt, Buchhandlung Heyn
Dienstag, 19. Mai: Wien, Konzertcafé Schmid Hansl
Mittwoch, 20. Mai: Graz, Buchhandlung Büchersegler
Mittwoch, 10. Juni: Hart, Stadtbibliothek
Donnerstag, 11. Juni: Gleisdorf, Buchhandlung Plautz
Freitag, 12. Juni: Steyr, Casinosäle
Freitag, 19. Juni: Wien, Thalia Mitte
Samstag, 20. Juni: Mödling, Literarische Gesellschaft
Samstag, 12. September: Bad Radkersburg
Samstag, 17. Oktober: Gutenstein, Buchmesse Bücherträume
