25 Tipps: Venedig luxuriös. Aber so richtig.

Der Vater meiner italienischen Schwiegermutter war Eisenbahner. Im Jahr konnte er sich mit der Familie vier Tage Urlaub am Lido leisten. Als meine Schwiegermutter, damals zehn Jahre alt, und ihre Schwestern gerade ein Vaporetto besteigen wollten, sagte der Eisenbahner: »Wir haben Urlaub, und im Urlaub reisen wir wie die Signori.« Und winkte sich und der Familie ein Wassertaxi herbei. Meine Schwiegermutter hat immer Tränen in den Augen, wenn sie diese Geschichte erzählt, denn ihr Vater starb, als sie zwölf Jahre alt war.

Und diese Geschichte hat mich zu diesem Beitrag inspiriert.

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Belmond Cipriani: betörender Schlafzimmerblick.

Es ist mir klar, dass Luxus per Definition nicht etwas ist, das sich jeder leisten kann. Aber ich finde die Knausrigkeit, die mir beinahe täglich begegnet, auch sehr anstrengend. Denn in den letzten Wochen hat mich zuerst ein deutsches Ärzteehepaar nach einem »preiswerten Hotel« in Venedig gefragt, und nur zwei Tage später bekam ich die gleiche Frage von einem Architekt-/Apothekerin-Paar. Liebe Leute: Wie wäre es, wenn ihr erst einmal nach einem »schönen« Hotel fragt und euch dann erst Gedanken um den Preis macht?

(Wer es unbedingt günstig mag, kann gleich hier entlang zu den preiswerten Tipps surfen.)

Ihr habt es euch verdient!

Ich bin davon überzeugt, dass sich sehr viele Menschen viel bessere Hotels leisten könnten. Aber die Prioritäten sind einfach andere: 3000 Euro für die Alufelgen am Neuwagen werden klaglos bezahlt, aber das Hotelzimmer soll nicht mehr als 80 Euro pro Nacht kosten. Oder wie der Sommelier Hendrik Thoma im aktuellen Feinschmecker schreibt: »Wir sind ein Ingenieurland. Wenn es nicht gerade ums Auto geht, sparen wir uns kaputt. Da werden für einen Liter Motoröl schon mal 25 Euro bezahlt, aber ein Wein darf nicht mehr als fünf Euro kosten.«

Bei Touristik-Experten heißen die Deutschen übrigens nicht »geizig«, sondern »preisbewusst«.

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Danieli: Es ist schwer, einen schöneren Platz zum Abendessen zu finden.

Aber jetzt werfen wir das Preisbewusstsein mal im hohen Bogen über Bord und lassen es krachen. Hochzeitsreise, runder Geburtstag, oder einfach, weil ihr es euch wert seid. Was meint ihr? Denn ich verrate euch sicher nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, dass unser Dasein auf diesem Planeten endlich ist. Genießen wir’s!

Die schönsten Hotels

Für mich gibt es eine klare Nummer eins. Und das ist das Cipriani. Es ist die Tradition, es ist die Nähe zum Chaos, aber zugleich die Abgeschiedenheit, es ist der Garten, es ist der Shuttle, der alle zehn Minuten quer über den Bacino di San Marco düst und euch direkt am Markusplatz entlässt – ihr bekommt das Beste aus beiden Welten: lauschige Abgeschiedenheit und typischen Trubel.

Und dann gibt es dort ja noch Walter Bolzonella, Italiens berühmtester Barmann und Meister des Bellini. Er ist vermutlich der einzige Mensch der Welt, der von George Clooney um ein Selfie gebeten wird – und nicht umgekehrt.

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Mich hat Walter nicht um ein Selfie gefragt.

Ein verdienter zweiter Platz geht an das JW Marriott. Ein wuchtiger Bau, auch recht weit außerhalb auf der Isola delle Rose (hier fährt ebenfalls ein Shuttle), aber dank seiner Neuheit – Eröffnung 2015 – und dem vielen Platz ist es auf angenehme Weise modern, was viele Reisende mögen. Riesige Suiten mit neuester Technologie, ein Spa mit allem Schnickschnack und Blick auf Venedig am Horizont. Es ist so neu, dass es sich erst einmal eine eigene Seele zulegen muss.

Jetzt kommt doch ein kleiner Spartipp: Da inzwischen praktisch die ganze Welt zum Marriott-Konzern gehört, könnt ihr in so ziemlich jeder Hotelkette Bonuspunkte sammeln und sie fürs JW Marriott verwenden. Das neue Punkteprogramm heißt »Bonvoy« (Übersicht auf der Seite marriott.de).

Und was ist mit dem Danieli? Ein bildhübscher Palazzo, eine tolle Dachterrasse, eine einmalige Atmosphäre – jedenfalls dann, wenn ihr euch durch die Influencer im Erdgeschoss durchgekämpft habt, die Selfies von sich und dem Treppenhaus machen und auf Instagram posten, um so zu tun, als hätten sie dort übernachtet. Die historischen Zimmer sind, baulich bedingt (wer dachte im Jahr 1300 schon an ein Luxushotel?), nicht sonderlich groß – dafür sind die Flure umso üppiger –, das Mobiliar hat teilweise schon bessere Zeiten gesehen, und im Restaurant Terrazza scharwenzeln fünf Bedienstete um den Tisch, so dass man sich vorkommt wie in einem Louis-de-Funès-Film. Allerdings war bei meinem letzten Besuch auch gerade ein neuer Küchenchef am Start, dem ich bald eine zweite Chance geben möchte. Das endgültige Urteil steht noch aus.

Ein Luxus-Light-Tipp: In den Hotelrestaurants, die in diesem Text reichlich vorkommen, darf man selbstverständlich auch als Nicht-Gast essen. Was bedeutet, dass man zum Beispiel auch den schicken Cipriani-Shuttle benutzen oder den Blick von der Danieli-Terrasse genießen darf.

Die angemessene Fortbewegung

In Venedig geht man gut und gern zu Fuß. Und die Wasserbusse bringen euch überall hin. Aber warum sich nicht einmal ein Wassertaxi schnappen? Von der Piazzale Roma bis zum Markusplatz kostet das 70 bis 80 Euro, ihr habt das Boot ganz für euch, und das ist, versprochen, ein faszinierendes Erlebnis. Ich habe vor ein paar Wochen bei mir auf Instagram ein Zeitraffer-Video einer Fahrt eingestellt, und sobald ich herausfinde, wie man hier Videos postet, publiziere ich es auch hier. Jedenfalls: Eure Kinder werden davon noch ihren Kindern erzählen. Denkt an den Eisenbahner!

Das Wassertaxi legt ab. Und meine Frau versucht vergeblich, mich beim Nachdenken zu fotografieren.

Die besten Restaurants

Wie so oft sind die besten Restaurants guten Hotels angegliedert. Das hat knallharte ökonomische Gründe, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen will. Man ist sich insgesamt einig, dass Davide Bisetto der beste Koch Venedigs ist, zuletzt etwa im Feinschmecker-Ranking 2018. (Ich hatte meine Hände nicht im Spiel.) Und er kocht im Oro, das zum Cipriani gehört – noch ein Grund, dort einmal eine Nacht zu verbringen. Das Charmante am Cipriani ist, dass es dort zwei weitere Restaurants gibt, nämlich den Cip’s Club mit Blick auf den Bacino di San Marco und das Giudecca 10. Dort ist mein Kumpel Alessandro Pugliese verantwortlich.

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Mein schäbiges Amateurfoto wird dem Cip’s Club nicht gerecht.

Das Caffè Quadri, seit Jahrhunderten der große Konkurrent des Caffè Florian, gehört seit ein paar Jahren Italiens Spitzenkoch Massimiliano Alajmo.

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Wie gut ist Massimiliano Alajmo? So gut: Das ist sein Pre-Dessert. 

Der Café-Betrieb läuft weiter, doch eine ambitionierte Speisekarte lockt Genießer in den ersten Stock: Tagliolini mit Krebsfleisch, Muscheln, Dill und Creme aus schwarzen Oliven oder Risotto di seppie al nero mit Erbsen und Seeigeln – oder als famoses Hauptgericht das stundenlang bei niedriger Hitze geschmorte Spanferkel mit Senfeis. Dazu genießt ihr den Blick auf den Markusplatz.

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Kurze Werbeunterbrechung, ihr kennt das ja inzwischen. Weil ich immer wieder gefragt werde: Ihr könnt auch mit den »Toten von Rialto« anfangen, die Bücher bauen nicht aufeinander auf. Es ist wie bei den James-Bond-Filmen.

Das Dopolavoro gehört zum JW Marriott und ist ein ausgezeichnetes Restaurant, auch wenn Sommelier-Weltmeister Ottavio Venditto leider vor kurzem das Restaurant verlassen hat und eigene Wege geht. Ich bin in ein paar Tagen wieder dort und werde  berichten.

Vorher – nachher: Influencer-Pose und Deckenspiegel-Selfie im Dopolavoro.  

Viel Tradition hat das Antico Martini: Das Restaurant ist sogar älter als das nahe Fenice-Theater. Die Besitzer kochen großartig auf, und selbst Venedigs Klassiker wie sarde in saor oder baccalà mantecato werden frisch und elegant interpretiert. Genial schmeckt auch die fegato alla veneziana.

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Bellinis zum Sonnenuntergang mit Campanile-Blick. Mehr Venedig ist praktisch nicht in ein Bild zu pressen.

Die besonderen Erlebnisse

Mit dem Motorsegler »Edipo Re«, auf dem schon Pier Paolo Pasolini und Maria Callas turtelten, quer durch die Lagune – das ist eine großartige Möglichkeit, sich von Venedig verzaubern zu lassen. Mit Kapitän Enrico und Partnerin Sibylle Righetti gibt es dazu Pasta, Häppchen und Wein. Ich habe hier schon ausführlich darüber berichtet. Ihr könnt das Boot für bis zu zehn Personen buchen.

»Edipo Re«: Pasta, Wein und König-der-Welt-Gefühl.

Und auch ein Cappuccino im Florian gehört einfach dazu. Das Café ist bei Touristen der meistgehasste Lieblingsort. Warum? Weil der Cappuccino dort bis zu zehn Euro kostet. Was die Internet-Empörten nicht verstehen: Genau dieser Preis ist gerecht. Denn für diesen Betrag bekommt ihr nicht nur einen sehr guten Kaffee, sondern eine Eintrittskarte in die venezianità. In die noble Welt, wie sie einst war. Als der Gang in ein Café noch der Höhepunkt des Tages – der Woche! – war. Als man sich fein machte, um seinen caffè zu trinken. Jeder Cappuccino im Florian ist ein Museumsbesuch, eine Zeitreise. Und ein Erholungsort von den Rucksacktouristen in Funktionskleidung und Gürteltasche.

Liebe Leserinnen, liebe Leser: bloß keinen Stress. Niemand muss (oder kann) sich alles gönnen. Aber vielleicht nehmt ihr Anregungen mit, um vielleicht doch einmal für ein, zwei Nächte groß zu leben.

Zum Schluss noch ein Bonmot des exzentrischen Golfers Walter Hagen aus den 1930er-Jahren: »Ich wollte nie Millionär sein. Ich wollte nur wie einer leben.«

Ihr wollt es lieber günstig? Hier gibt es alle Tipps, Venedig preiswert zu genießen.

Alles Weitere über Venedig lest ihr hier. Mehr Bücher von mir? Bitteschön. Zurück auf die Startseite? Hier entlang.

Eine letzte Anmerkung: Es ist von 25 Tipps die Rede, wahrscheinlich sind es ein paar weniger. Aber das Internet ist ja ein lebendiges Wesen – der Text wird in den nächsten Wochen weiter aufgefüllt.