Das Rätsel des versunkenen Schiffs, das Gezerre um den Müll, Triest statt Everest: Mediterrane Wochenschau CCXCIII

Hier kommt der einzige Newsletter, der sich gerade in einem moralischen Dilemma befand! Denn ich hatte einen Termin bei meinem Friseur (Ü70) vereinbart. Er schrieb mir, er komme etwas später, weil er noch zum Optiker müsse. Das ist ja schon mal eine Aussage, die man von einem älteren Herrn, der mit scharfen Gegenständen an deinem Kopf herumfuchtelt, nicht unbedingt hören will. Aber es wurde noch besser: Er hatte die falschen Brillengläser bekommen, jedenfalls bekannte er, überhaupt nicht gut sehen zu können. Na, egal, ich möge doch Platz nehmen.

Hätte ich den Termin absagen sollen? Hätte ich ihm sagen sollen, dass ich wiederkomme, sobald die Brille passt?

Ich blieb tapfer sitzen und hoffte auf das Beste. Denn es wäre mir peinlich gewesen, aufzustehen.

Und: Ich lebe noch. 

Was erwartet euch heute? Unter anderem:

  • Wem gehört das halbversunkene Schiff, und warum unternimmt niemand was?
  • Sind verriegelte Mülltonnen zum Saisonbeginn wirklich eine gute Idee?
  • Worum geht es in »Espresso unter Sternen«?

Vorab: In der aktuellen Podcastfolge 27 geht es um einen falschen Priester beim Fußball und um ein bekanntes italienisches Wort, das wir alle fast immer falsch benutzen. In der neuen Folge 28, die morgen erscheint, geht es um die Frage, warum Italiener eigentlich so schlank sind, obwohl sie doch so viel Pasta essen.

Montag, 20. April

Das Rätsel des versunkenen Schiffs: Mehrere Leser haben mich gefragt, ob ich wüsste, was da in der Marina vor dem Hotel Laguna Palace los sei. Seit vielen Monaten sei da ein Schiff in Bedrängnis (laut Leser Wolfgang S. und Tochter Ella Marie sogar »seit drei, vier Jahren«). Könne man da nichts tun? Wisse man nichts über den Eigner?

Also habe ich mich mal an offizieller Stelle umgehört, und hier ist die Antwort. Gefahr für die Umwelt bestehe nicht, das habe man geprüft, deswegen sei das Problem nicht dringlich. Aha. Weiterhin gebe es bei Booten unter zehn Metern keine nationale Registrierdatei – kaum zu glauben, aber so waren die Worte der offiziellen Stelle –, so dass der Eigner nur mit einigem Aufwand aufzuspüren wäre. Eine Bergung dürfte eine fünfstellige Summe kosten, mit Pumpen und einem schwimmenden Bergungskran, der aus Monfalcone oder Triest angefordert werden müsse. Und weil diese Summe niemand vorschießen will, wird das Problem seit Monaten (oder seit Jahren) ignoriert.

Die oben erwähnte Ella Marie, anderthalb Jahre alt, hat sogar, mit etwas Hilfe, eine Reportage namens »Das Geheimnis des sinkenden Schiffes« geschrieben. Um den journalistischen Nachwuchs müssen wir uns keine Sorgen machen!

Falls jemand mehr über diese Angelegenheit weiß, gern melden. Auch anonym.

Dienstag, 21. April

Kommen wir zur großen Umtopfung: Der Ort nahm im letzten Jahr rund 1,1 Millionen Euro mit der tassa di soggiorno ein, also der Kurtaxe. Davon müssen 65 Prozent zurück in touristische Initiativen fließen, die von der Stadt, von der Hotelvereinigung oder von der Handelskammer ausgerichtet werden. Einer der größeren Beträge fließt in das Gourmetfestival »Le Calli di Bacco«, das im Oktober 2025 debütierte und ein Überraschungserfolg wurde. 18 Restaurants in der Altstadt machten mit und boten an Ständen vor ihren Lokalen Häppchen und Getränke an. So konnten Gäste von Lokal zu Lokal bummeln und überall Köstlichkeiten naschen. 

Im kommenden Oktober wollen so gut wie alle Restaurants in der Altstadt dabei sein. Nun steht auch der Termin fest: Vom 23. bis 25. Oktober ist es soweit. Solltet ihr euch unbedingt merken, mir hat das Fest viel Freude bereitet, und ich habe ein paar spannende neue Restaurants entdeckt.

Mittwoch, 22. April

Das Thema der sogenannten smarten Mülltonnen kocht wie erwartet hoch. Ist es, so die Opposition, wirklich klug, diese ziemlich radikale Neuerung pünktlich zum Beginn der Saison einzuführen, wenn die Hotels und Trattorien überquellen wie mutmaßlich auch die Abfallberge? Wäre ein sanfter Start im Oktober oder November nicht klüger? Sozusagen ein Probelauf ohne die Touristen? Doch die Entscheidung steht, am 27. April geht es los. Ich will nicht unken, aber Mülltonnen, die sich in der Hochsaison nur mit Handy-App und personalisiertem QR-Code öffnen lassen – kann das gut gehen?

Donnerstag, 23. April

Noch knapp drei Wochen, dann ist es soweit, mein neues Buch erscheint. Hier debütiert es, frisch aus der Druckerei, bei Pino.

Worum geht’s? Hier kommt ein Interview zum Buch.

Beschreibe dein Buch in einem Satz.
»Espresso unter Sternen« ist eine humorvolle Forschungsreise in Sachen Glück – eine Suche nach universellen Prinzipien des zufriedenen Lebens.

In deinem neuen Buch ziehst du von deinem Paradies Grado nach Triest. Was hat dich dazu bewegt, das zu tun? Ist dir Grado doch zu langweilig geworden?
Ich komme gerade aus Pinos Bar in Grado, wo ich schon wieder zwei, drei irre neue Geschichten aufgeschnappt habe. Auf dieser Insel kann es einem gar nicht langweilig werden! Aber ich wollte einfach mal schauen, ob all diese Prinzipien, Ideen und Rituale, die ich in Grado gelernt habe und die so vielen Leserinnen und Lesern das Leben ein klein wenig verbessert haben – ob diese Prinzipien auch in einem ganz anderen, für mich fremden Umfeld funktionieren. Und Triest ist zwar nah, für mich als Norddeutscher aber doppelt fremd: Denn über der Stadt liegt der Schleier aus Italien und Österreich.

Du beschreibst die Anderszeit als neue Form der Auszeit. Was ist da der Unterschied? 
Niemand muss sein Leben über Bord werfen, seinen Job kündigen, in ein anderes Land ziehen oder den Mount Everest besteigen. Ich habe festgestellt: Oft reicht schon ein ganz kleiner Perspektivenwechsel, um die Dinge klarer zu sehen. Und diese Klarheit ist wichtig! In meinem Fall bin ich einfach für ein paar Wochen von einer kleinen Insel in eine große Stadt gezogen, aber ohne alle Kontakte abreißen zu lassen. Warum auch, ich bin ja glücklich verheiratet und habe zwei Töchter, und auf Pinos Bar wollte ich auch nicht allzu lange verzichten!

Die Gespräche, die du in deinem Buch führst, sollen deinem Publikum die Grundlage dazu bieten, Glück besser zu verstehen. Was bedeutet Glück für dich?
Ich glaube, wir müssen verstehen, dass Glück nicht bedeutet, mit einem Dauergrinsen durchs Leben zu laufen. Glück – das ist vor allem eine gewisse Grundzufriedenheit. Wir müssen das Glück von der anderen Seite angehen. Wir sollten keine kurzfristigen Glücksmomente anhäufen, sondern stattdessen möglichst viel davon entfernen, was uns unglücklich macht, was uns stresst. Das kann ganz einfach so funktionieren, dass man die zwei, drei Menschen, die einen auf Social Media runterziehen, blockiert. Und um solche Zeit- und Glücksdiebe, ob Menschen, Dinge oder Umstände, schärfer zu erkennen, hilft diese Anderszeit. Denn im Alltagstrott kann uns die Routine täuschen.

Welche deiner Begegnungen mit Fremden, die du in deinem Buch beschreibst, war die prägendste oder bewegendste?
Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen. Und Bademeister Francesco, der mir nach meiner Dummheit im Meer die Schnittwunde verbunden hat, hat mir das wieder einmal bewiesen. Auch das ist ein Schritt in Sachen Glück: Jeder Mensch hat seine Probleme, jeder Mensch hat seine eigenen Schlachten zu schlagen. Gehen wir ein bisschen toleranter durch die Welt. Und grüßen wir auch die, die uns nicht grüßen. Tut nicht weh, macht das Leben für alle ein klein wenig besser.

Sind diese Espressotassen nicht wunderbar? Unter allen Vorbestellern verlosen wir 15 Stück! Sagt mir einfach Bescheid, dass ihr das Buch schon bestellt habt (egal wo), und ihr seid im Lostopf.

Man merkt, dass du diesen besonderen Blick für das Alltägliche hast. Kann man den trainieren?
Setzt euch einfach in Pinos Bar in Grado oder ins San Marco in Triest, bestellt euch einen Kaffee und lasst das Leben auf euch zukommen. Ich glaube, gerade in Kaffeehäusern und Bars kann man sich einen Blick für die kleinen Komödien und Dramen des Alltags antrainieren. Kein Wunder, dass so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Bücher in Bars geschrieben haben!

Triest erscheint in deinem Buch fast wie eine Protagonistin. Welche Eigenschaften dieser Stadt haben dich am stärksten überrascht?
Es ist eine atemberaubend schöne Stadt, voll Glamour und auch grandios, manchmal überbordend in ihrer Pracht. Ich mag ihr Selbstverständnis. Hier hat Mittelmaß keinen Platz, scheint sie einem zu sagen, kein Wunder bei dem reichen literarischen Erbe, mit dem kaum eine andere Stadt mithalten kann. Eine echte Herausforderung, aber auch eine Inspiration für einen Schriftsteller, der von dort arbeitet!

In deinen Büchern spielen wie auch in deinen Kolumnen Kulinarik und Kaffee eine große Rolle. Welches Gericht bringt dich wieder »zu dir selbst«?
Je mehr ich vom Essen und Trinken verstehe, desto deutlicher wird mir: Wir rennen alle dem Geschmack und den Düften unserer Kindheit nach. Gut, dass es in Triest die »patate in tecia« gibt, eine Mischung aus Kartoffelstampf und Rösti, die mich an den Kartoffelbrei meiner Mutter erinnert. Was allerdings den Kaffee angeht, gibt es nichts Besseres als einen kleinen Triestiner Cappuccino, der dort einfach nur Capo heißt. Bei allen Erinnerungen: Da kommt kein Filterkaffee von früher mit.  

Und jetzt wünsche ich euch ein wunderbares Wochenende.

Alles über die bisherigen Bücher lest ihr hier.

Zu allen Podcast-Folgen geht es hier entlang.

Und hier kommen die aktualisierten Lesetermine.

Montag, 11. Mai: München, Buchhandlung Singer
Dienstag, 12. Mai: Coburg, Buchhandlung Riemann
Mittwoch, 13. Mai: Großkarolinenfeld, Voglbuch 
Montag, 18. Mai: Klagenfurt, Buchhandlung Heyn
Dienstag, 19. Mai: Wien, Konzertcafé Schmid Hansl
Mittwoch, 20. Mai: Graz, Buchhandlung Büchersegler
Mittwoch, 10. Juni: Hart, Stadtbibliothek
Donnerstag, 11. Juni: Gleisdorf, Buchhandlung Plautz
Freitag, 12. Juni: Steyr, Casinosäle
Freitag, 19. Juni: Wien, Thalia Mitte
Samstag, 20. Juni: Mödling, Literarische Gesellschaft
Samstag, 12. September: Bad Radkersburg
Samstag, 17. Oktober: Gutenstein, Buchmesse Bücherträume