Der Glockenstreit, Schnaps aus der Tiefe, Franz Josephs »Habe die Ehre«! Mediterrane Wochenschau Nr. 300

Hier kommt der einzige Newsletter, der sich schweren Herzens von den römischen Zahlen verabschiedet. Aber die Biester werden immer länger, und bevor ich solche Ungetüme wie CCCLXXXVIII schreiben muss, kehren wir ganz unprätentiös zu unseren gewohnten Zahlen zurück. Und: Wir feiern Jubiläum, irre! 300 Folgen! Und von mir aus kann es noch ganz lange so weitergehen. Danke für eure Zuschriften, eure Ideen und die vielen netten Worte, die mich auf allen Kanälen erreichen.

Was erwartet euch in dieser Ausgabe?

  • Der große Glockenstreit
  • Schnaps aus der Tiefe
  • Kaffeetassen im Einsatz
  • Franz Josephs Janussatz

Vorab: »Espresso unter Sternen« ist in der vierten Woche in Folge auf der Bestsellerliste, ich freue mich riesig. Holt euch das Buch – in eurer Lieblingsbuchhandlung, beim großen A, bei MorawaThalia oder Hugendubel. Habt ihr schon? Na, dann als Geburtstagsgeschenk für italophile Freunde Und wer hat die nicht?

Und hört in die neue Podcastfolge dieser Woche rein: Es geht um Stress in Triest, Schlamm in Grado, Diebe in der Kirche und die Erkenntnis, dass Rotwein ein besserer Schauspieler ist als Weißwein. (Danke für diese sehr ungewöhnliche Leserfrage.)

Montag, 8. Juni

Die Engel schlafen länger, die Urlauber auch: Denn mit dem Beginn der Saison läuten die Kirchenglocken nicht mehr vor acht Uhr. Und zwar aus Rücksicht auf jene Mitbürger, die ihren Schlaf inzwischen für ein höheres Gut halten als den Weckruf des Himmels.

Der Monsignore schränkte das Geläut aus eigener Initiative ein, bevor sich die sozialen Netzwerke erneut in ein Schlachtfeld verwandeln konnten. Früher riefen Glocken die Gläubigen zur Messe, heute rufen sie Kommentatoren zur Tastatur. Denn Urlauber hatten sich über den »Lärm« zu früher Stunde beschwert, vor allem über die Kirche San Crisogono in Città Giardino, wo manchmal schon um 7.15 Uhr gebimmelt wurde. 

Nicht sehr hübsch – und auch noch vorlaut: die Kirche San Crisogono in Città Giardino.

Stattdessen werden die Glocken nun zwischen 8 und 21 Uhr erklingen, »um daran zu erinnern, dass es weiterhin einen Ort gibt, an dem man beten kann.« Don Paolo Nutarelli erklärte, dass es in den sozialen Medien immer aggressivere Kommentare gegeben habe. »Wir verstehen, dass sich die Sensibilität verändert hat«, sagte der Pfarrer, »aber wir dürfen nicht vergessen, dass Kirchen Teil unserer Geschichte und unserer Identität sind.«

Die Fronleichnamsprozession vom Sonntag: Da ist die Kirchenwelt noch in Ordnung.

Eigenartig: Ich finde, dass Glocken eher eine beruhigende, ja schlaffördernde Wirkung haben. Sie suggerieren: Die Welt ist noch in Ordnung. Die ersten Jahre habe ich in Grado direkt neben dem Nebelhorn gewohnt, das in der Nacht die Schiffe warnte. Das tiefe, monotone Brummen hatte ebenfalls etwas Heimeliges. Auch gut: Regen, der gegen das Fenster prasselt. Kann es eine bessere Einschlafhilfe geben?

Nur dem Spüler, der jeden Morgen um 6.30 Uhr die Flaschen vom Vorabend in den Altglascontainer schmeißt – also, dem könnte mal jemand auf die Finger klopfen. 

Dienstag, 9. Juni

Damit sich die Gemüter beruhigen können, gibt es bald einen ganz besonderen Schnaps aus Grado – ein Destillat, das nach Adria schmeckt. Hinter der Idee steht Paolo Settimi. »Mein Wunsch war es, etwas Einzigartiges zu schaffen. Ein Produkt, das das Gebiet wirklich repräsentiert«, erklärt er der Tageszeitung Il Piccolo. Grundlage ist ein Destillat aus autochthonen Rebsorten, die in Meeresnähe wachsen. Reben also, die ständig Salz, Wind und Wasser ausgesetzt sind. Verwendet werden ausschließlich natürliche Zutaten und wilde Kräuter aus der Lagune – darunter Salicornia (Seespargel). Der Clou: Die Flaschen werden auf den Grund der Lagune abgesenkt und dort mehrere Monate gelagert, damit das hochprozentige Getränk Aromen, Mineralität und Charakter entwickeln kann.

Die ersten Flaschen werden nur in kleiner Menge produziert. »Das Ziel ist nicht die industrielle Produktion«, betont Settimi, »sondern etwas Authentisches zu schaffen, das die Seele der Lagune zeigt.«

Jede Wette: Nach ein paar Gläsern wecken einen am nächsten Morgen auch keine Kirchenglocken mehr auf.

Mittwoch, 10. Juni

Januswörter und kein Ende – nicht nur »Servus« ist eines, in Österreich gibt es sogar einen Janussatz, nämlich »Habe die Ehre«, wie mir Leserin Daniela mitteilte. Ich zitiere aus dem Österreich-Wiki: »Kaiser Franz Joseph I. hat den Ausruf „Habe die Ehre“ (bzw. „I’habe die Ehre“) nicht als einzelnes, historisch verbürgtes Zitat in die Geschichte gebracht. Vielmehr handelt es sich dabei um die traditionelle, sehr höfliche Gruß- und Verabschiedungsformel, die im 19. Jahrhundert in der Wiener Hofgesellschaft und im gesamten altösterreichischen Raum alltäglich war. Der Kaiser selbst war für seine sehr strenge und formelle Hofetikette bekannt. Wenn er Gespräche führte oder beendete, war die Verwendung dieser Redewendung in seinem direkten Umfeld – und von ihm selbst – an der Tagesordnung

Daniela schreibt weiter: »Die extremste und kürzeste Abkürzung der altmodischen Grußformel „Ich habe die Ehre“ lautet schlicht und einfach „Dere“. „Dere“ ist in der Steiermark sowie in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland informell geläufig.«

Das muss man ihm lassen: Kein Kaiser sah je kaiserlicher aus.

Also, für die nächste Lesereise gewöhne ich mir »Habe die Ehre« an.

Donnerstag, 11. Juni

Presseschau: Die Süddeutsche Zeitung hat einen sehr netten Artikel über mein Mille-Miglia-Buch geschrieben.

Und die ersten Kaffeetassen sind im heißen Einsatz! Danke an alle, die »Espresso unter Sternen« vorbestellt haben.

Aber es wird noch besser: Ich bin jetzt Top-Ten-Österreicher! Mit Arnie und dem Nationalteam. Kaum zu glauben.

Jetzt wünsche ich euch ein wunderbares Wochenende.

Zu allen Podcast-Folgen geht es hier entlang.

Und hier kommen die aktualisierten Lesetermine.

Heute Abend (Freitag, 12. Juni) bin ich in Steyr in den Casinosälen!
Freitag, 19. Juni: Wien, Thalia Mitte
Samstag, 20. Juni: Mödling, Literarische Gesellschaft
Samstag, 12. September: Bad Radkersburg, Mare-Hotels
Mittwoch, 30. September: Grafing, Bücherstube
Donnerstag, 1. Oktober: Wasserburg, Bücher Herzog
Freitag, 2. Oktober: Kolbermoor, Bibliothek
Samstag, 17. Oktober: Gutenstein, Buchmesse Bücherträume