Hier kommt der einzige Newsletter, der bei der Lesereise durch Wiener Saunalandschaften ein neues österreichisches Lieblingswort aufgeschnappt hat: die »Hitzewatschn« – also das, was einem zum Beispiel widerfährt, wenn man aus einem heruntergekühlten Raum hinaus ins aufgeheizte Freie tritt.
»Watschn« ist sowieso ein besseres Wort als die (nord-)deutsche »Ohrfeige«, denn Watschn klingt ja schon wie das, was passiert. Der große Mark Twain hat sich mal über die deutsche Sprache lustig gemacht – viele Wörter, die Schlimmes ausdrücken, würden ganz harmlos klingen, zum Beispiel »Gewitter«, das eher an Vogelzwitschern erinnert. Da sei der englische »Thunderstorm« doch viel grollender. An der »Watschn« hätte er allerdings seine Freude gehabt.


Jetzt aber rein in die Woche. Was erwartet euch?
- Baggern für Barbana
- Ärger im Schwimmbad
- Diebstähle in Grado
- Und ein bisschen Grado- und Aquileia-Geschichte für alle, die auch mal ein bisschen tiefer einsteigen wollen – lest ihr im Donnerstagseintrag.
Vorab noch: Podcast-Folge Nummer 36 ist draußen – mit dem Muschelschmuggler, der alles falsch machte, den allerletzten Geheimtipps Italiens und der Goldmedaillengewinnerin aus Udine mit ernsten Problemen im Sportabitur. Wie bitte?
Montag, 22. Juni
Fangen wir an mit einer Meldung, die mir ganz viele von euch zugeschickt haben. Stress im Strandbad! Das Pedocin in Triest ist das wohl einzige Schwimmbad in Europa, das nach Männern und Frauen getrennt ist. Und das finden alle gut. Das Pedocin spielt auch eine große Rolle in meinem »Espresso unter Sternen«.
Und nun hat eine ausländische Touristin den Aufstand geprobt, und der Vorfall ging durch alle Zeitungen, in Österreich wie in Italien. Sogar englische Medien griffen das Thema auf. Die Touristin hat sich auf die Männerseite gelegt – das kann sie eigentlich nur schwimmend geschafft haben, denn am Eingang stehen Aufpasserinnen, die darauf achten, dass die Damen links gehen, die Herren rechts.

Als man sie zur Rede stellte, drehte sie durch: »Ihr lebt alle im Mittelalter«, soll sie gerufen haben, und es sei beinahe zu einem Handgemenge gekommen.
Dabei hat die Stadtverwaltung die Triestiner abstimmen lassen – und die große Mehrheit hat sich für ein Beibehalten der Regelung ausgesprochen. Denn es hat ja überhaupt nichts mit Diskriminierung zu tun, im Gegenteil; der Damenabschnitt ist sogar größer und schöner. Es ist einfach eine Tradition, die auf früheres Schamgefühl Rücksicht nahm, und heute ist das Strandbad eine Art Kuriosum, das niemandem wehtut.
Ich habe es ja im Buch geschrieben: Das Baden nach Geschlechtern getrennt ist absolut stressfrei, weil jede Art des Posierens entfällt. Das tut dem Puls gut, man kann sich perfekt entspannen.
Also: runter mit dem belehrenden Zeigefinger, liebe Touristin. Oder einfach ein anderes Strandbad suchen. An 99,9 Prozent der Küste rund um Triest dürfen sich die Geschlechter munter durchmischen.
Dienstag, 23. Juni
Ab nach Grado: In einer einzigen Nacht schlugen Diebe zu. Den größten Schaden erlitt die Tabakhandlung in Pineta – er könnte sich auf 15.000 Euro belaufen. Doch auch andere Betriebe in Pineta und in der Altstadt wurden Ziel von Einbrüchen. Der Wert der gestohlenen Waren ist nur ein Teil des Problems. Für die Geschäftsinhaber entstehen Kosten durch Reparaturen und die Wiederbeschaffung beschädigter Einrichtungen.
Die Vorfälle ereigneten sich in einer einzigen Nacht, und nach Zeugenaussagen dürften zwei Personen für die Taten verantwortlich sein. »In Grado lebt man normalerweise ruhig und friedlich«, sagt Sara Sodomaco, Inhaberin der Tabaccheria in der Viale Orsa Maggiore. Die Diebe haben die Tür aufgebrochen und praktisch alles mitgenommen, was ausgestellt war oder sich im Lager befand – vor allem Zigaretten sowie den Kassenbestand.
An dem Geschäft hing ein paar Tage lang ein Schild mit der Aufschrift »Wegen Einbruch geschlossen«. Inzwischen wurde aber wieder eröffnet.
Betroffen war außerdem eine Filiale einer Immobilienagentur. Dort wurde zwar nur wenig Bargeld gestohlen, dennoch entstand erheblicher Sachschaden.
Auch das Restaurant »Da Luciano« in der Viale Dante wurde Ziel der Täter. Viele von euch sind da Stammgäste. Inhaber Luciano Maran – übrigens ein ehemaliger Polizist – berichtet: »Ich hätte ihnen persönlich jede Flasche geschenkt, die sie haben wollten. Stattdessen haben sie großen Schaden angerichtet, indem sie die spezielle transparente Windschutzwand unseres Lokals zerschnitten haben, um hineinzukommen.«
Die Einbrecher stahlen einige Spirituosenflaschen und flüchteten anschließend.
Klingt alles eher nach dummen Jungen statt nach einer professionellen Diebesbande. Was es für die Betroffenen aber nicht besser macht.
Mittwoch, 24. Juni
Was sind die wahren Themen an den Stammtischen der Einheimischen? Jenseits des Ortsklatschs geht es elf Monate im Jahr um Parkplätze (zu wenige für die Einheimischen und immer von unwissenden Touristen oder dreisten Campern vollgestellt) – was ein bisschen ermüdend sein kann. Aber einen Monat im Jahr geht es um die Fahrrinne nach Barbana. Und da flammt die Leidenschaft so richtig auf.
Grado-Insider wissen: Der erste Sonntag im Juli ist ein Feiertag. Dann findet der Perdòn de Barbana statt – die traditionsreiche Bootsprozession zur Insel Barbana mit prächtig geschmückten Schiffen. Und die Fahrrinne nach Barbana ist nicht sehr tief. Es ist schon ein paar Mal vorgekommen, dass die Prozession auf Hochwasser warten musste, damit die mit Honoratioren vollgepackten Fischerboote nicht auf Grund laufen würden. Kein schöner Anblick.
Jetzt gibt es gute Nachrichten: Die Region Friaul-Julisch Venetien hat mitgeteilt, dass die Ausbaggerungsarbeiten im Barbana-Kanal bereits begonnen haben. Sie sollen bis in den August dauern. Für die Prozession am 5. Juli gibt es keine Einschränkung. Nach aktuellen Prognosen werden weder die Hinfahrt des Bootskonvois gegen neun Uhr noch die Rückfahrt gegen Mittag durch die Arbeiten beeinträchtigt. Die Flut spielt also mit.

Achtung, Hobbykapitäne aus Österreich und Deutschland: Während der Bauarbeiten gelten besondere Sicherheitsvorschriften. Boote müssen ausreichend Abstand zu den Arbeitsfahrzeugen halten, ihre Geschwindigkeit reduzieren und den Anweisungen des Baustellenpersonals folgen.
Der Perdòn de Barbana geht auf das Jahr 1237 zurück. Der Überlieferung nach legten die Einwohner von Grado damals ein Gelübde ab, nachdem sie eine Pestepidemie überstanden hatten. Als Dank versprachen sie, die Marienstatue jedes Jahr per Boot von Grado zum Heiligtum auf Barbana zu bringen. Dieses Gelübde wird bis heute erfüllt. Vorher, beim Sabo Grando (Inseldialekt für den »großen Samstag«), geht es hoch her, mit Wein und Musik bis tief in die Nacht. Die Nachwirkungen der Feierlichkeiten sieht man am nächsten Morgen so manchem Prozessionsteilnehmer an.
Historisch gesichert ist, dass der Perdòn zu den ältesten kontinuierlich überlieferten Bootswallfahrten Italiens zählt und seit fast 800 Jahren dokumentiert ist. Es dürfte sich sogar um eine der ältesten Prozessionen Italiens handeln, was allerdings schwer belegbar ist – laut anzweifeln sollte man diesen Rekord in Pinos Bar aber nicht.
Donnerstag, 25. Juni
Jetzt, wie versprochen, ein kleiner Ausflug in die Historie. Wenige wissen, dass Grado eine bewegte, mehr als zweitausendjährige Geschichte vorweisen kann. Das vielleicht erstaunlichste Detail: Unser geliebtes Sommerziel hat sogar einen Erzbischof. Gerade wurde Monsignore Giovanni Pietro Dal Toso dazu berufen, nachdem der alte Erzbischof Monsignore Diego Causero im November verstorben war.
Grado und Erzbischöfe: Wie passt das zusammen? Tauchen wir ein in die spannende Vergangenheit: Die Insel war vermutlich bereits im zweiten Jahrhundert vor Christus ein Seehafen des Römischen Reichs. Von Grado aus sollten die Handelsrouten geschützt werden, denn das nahe Aquileia, eine blühende Stadt mit möglicherweise mehr als 100.000 Einwohnern, war eine der größten Metropolen des Imperiums und wichtiger Marktplatz für Waren aus aller Welt. Cäsar, Marc Aurel und auch König Herodes hielten sich lange hier auf, und einst soll sogar der Evangelist Markus persönlich hier den neuen Glauben verkündet haben.
Gleich zwei römische Kaiser wurden in Aquileia ermordet. Zuerst traf es Maximinus Thrax, der von 235 bis 238 regierte, als das Reich schon mächtig wackelte. Maximinus soll 2,70 Meter groß gewesen sein. Diese Angabe gilt zwar als stark übertrieben, aber ein Winzling war er ganz sicher nicht. Der Mord wurde von seinen eigenen Truppen begangen, und seinen Sohn brachte man vorsichtshalber gleich mit um. Der Kopf des Maximinus Thrax wurde nach Rom geschickt und dort auf einer Lanze durch die Stadt getragen. Und das war der Auftakt zu dem sogenannten Sechskaiserjahr, was uns in etwa eine Vorstellung von den chaotischen Verhältnissen gibt, die um diese Zeit herrschten.
Wie Maximinus starb auch Kaiser Quintillus in Aquileia, im Jahr 270, denn die mächtigen Donaulegionen riefen ihren Heerführer Aurelian zum neuen Kaiser aus. Quintillus eilte daraufhin nach Aquileia, um sich mit den dortigen Truppen Aurelian entgegenzustellen, doch seine Soldaten liefen aus unklaren Gründen zu Aurelian über – vielleicht hatte er ihnen mehr Geld versprochen. Quintillus wurde zum Suizid gezwungen.
Kein Wunder, dass in all diesen Wirren Rom fiel. Erst kamen die Hunnen unter Attila. Er plünderte im Jahr 452 hingebungsvoll die Stadt und verbrachte mehrere Monate mit seinem Heerlager etwa in der Gegend des heutigen Palmanova; er hauste lieber in zugigen Zelten statt in den römischen Villen in Aquileia – obwohl die über fließendes Wasser, funktionierende Aborte und beheizte Pools verfügten, aber jeder, wie er mag. Später kamen die Langobarden, ebenfalls in räuberischer, ja mörderischer Absicht, obwohl die Geschichtsschreibung immer von „Völkerwanderungen“ spricht, als wären es Ausflüge mit Picknickkorb. Dann wurde es dem Bischof von Aquileia endgültig zu bunt: Der »Patriarch« (man war – noch – byzantinisch geprägt) verlegte im Jahr 568 seinen Sitz auf die sichere Insel Grado. Dort blieben die Patriarchen bis ins Jahr 1105. Spätere Patriarchen von Grado regierten von Venedig aus, denn auch Grado war unsicher geworden, es kam immer wieder zu Piratenüberfällen und Plünderungen. Wer mit wachem Blick durch die Altstadt schlendert, wird erkennen: Das Centro Storico war ein borgo, ein Festungsring. Erst 1451 löste Papst Nikolaus V. das Patriarchat von Grado auf.
Doch die Kirche, auf ihre Historie bedacht, vergaß nicht die wichtige Rolle Grados in turbulenten Zeiten. Und deswegen darf Grado sich mit einem sogenannten Titularerzbischof schmücken – Grado ist gewissermaßen Erzbischofssitz ehrenhalber. Hohe Kirchenmänner, die in der Welt viel Gutes tun, dürfen sich dann auch Erzbischof von Grado nennen. In der Kirchensprache ist Grado ein Titularerzbistum. Grados Pfarrer Don Paolo Nutarelli erklärt, dass der Titel des Titularerzbischofs von Grado »einen tiefen historischen und kirchlichen Wert« besitzt.
Und der neue Titularerzbischof Giovanni Pietro Dal Toso, hauptberuflich für die Christen in Jordanien und auf Zypern zuständig, stammt aus Südtirol – in der großen Kirchenwelt stammt er also praktisch aus der unmittelbaren Nachbarschaft. In einem Brief an Don Paolo schrieb der 62-Jährige: »Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Titularerzbischof von Grado geworden bin. Das erfüllt mich mit besonderer Freude, denn als jemand, der aus Bozen stammt, fühle ich mich Grado in besonderer Weise verbunden.«
Auch der Bürgermeister freut sich: »Grado ist bereit, ihn mit offenen Armen zu empfangen – mit demselben Glauben und derselben Herzlichkeit, die ihre Menschen seit Jahrhunderten auszeichnen. Wir erwarten Sie, Exzellenz, um Ihnen die Hand zu schütteln und gemeinsam zu sagen: Willkommen zu Hause.« Noch steht nicht fest, wann der neue Titularerzbischof Grado besuchen wird. Spekuliert wird auf einen Besuch im Hochsommer. Dann schmeckt das kühle Glas Weißwein zu den Spaghetti vongole in der schattigen Altstadt ja auch besonders gut.
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Jetzt wünsche ich euch ein wunderbares Wochenende.
Zu allen Podcast-Folgen geht es hier entlang.
Und hier kommen die aktualisierten Lesetermine.
Samstag, 12. September: Bad Radkersburg, Mare-Hotels
Mittwoch, 30. September: Grafing, Bücherstube
Donnerstag, 1. Oktober: Wasserburg, Bücher Herzog
Freitag, 2. Oktober: Kolbermoor, Bibliothek
Sonntag, 11. Oktober: Schloss Ossiach, Festival »Kunst der Balance«
Samstag, 17. Oktober: Gutenstein, Buchmesse Bücherträume
