Hier kommt der einzige Newsletter, der für ein wenig Abkühlung sorgt! Denn mein neues Buch wurde zweimal am Nordkap gesichtet, und zwar von Florian K. (der es mitgenommen hatte) und von Klaus P., der gleich zwei Exemplare sichtete. So ein irrer Zufall. Und was macht ein Italienbuch so weit im Norden? Vielleicht ein guter Ausgleich. Coolcation oder gar Coldcation ist ja ein neuer Trend. Aber ganz ohne mediterrane Wärme wäre das Leben doch recht leer.


Was erwartet euch diese Woche?
- Kulturkampf um den Samstag
- Im Bikini zu Pino?
- Neue Parkplätze, wenig Strom
- Siegfried Walden, getöteter Großschriftsteller
Vorab: schon die neue Podcastfolge gehört? Die Themen unter anderem: das Ende der Tretmobile, Diebe in der Stadt – und ein Mofa taucht nach 42 Jahren wieder auf.

Montag, 29. Juni
Beim Streit ums Glockengeläut hat unser Monsignore noch nachgegeben – ich habe berichtet. Doch beim Perdòn di Barbana zeigt Don Paolo klare Kante. Kulturkampf um den Sabo Grando!
Von vorn: Der Perdòn de Barbana geht auf das Jahr 1237 zurück. Die Einwohner von Grado legten damals ein Gelübde ab, nachdem sie eine Pestepidemie überstanden hatten. Als Dank versprachen sie, die Marienstatue jedes Jahr per Boot von Grado zum Heiligtum auf Barbana zu bringen. Dieses Gelübde wird bis heute erfüllt, und zwar immer am ersten Juli-Sonntag.

Vorher, beim Sabo Grando (Inseldialekt für den »großen Samstag«), geht es hoch her, mit Wein und Musik bis tief in die Nacht.
Ich hatte schon im letzten Jahr davon berichtet, dass den Kirchenvertretern der Rummel drumherum auf die Nerven geht. Denn der Sabo Grando ist umgedeutet worden zur »notte bianca«, der durchgefeierten Nacht. Und das widerspräche dem tieferen Sinn des Perdòn. Vorherige Bürgermeister erlaubten ausnahmsweise Musik in den Lokalen bis 3 Uhr statt bis 0.30 Uhr. Doch der aktuelle Bürgermeister steht an der Seite Don Paolos und wird die Verlängerung der Sperrstunde nicht gestatten. Das wiederum passt vielen Wirten und auch manchem Besucher nicht, denn in Grado gäbe es ja ohnehin nicht viel am Abend zu tun, da sei ein einziger Samstag im Jahr doch nicht schlimm.
Dem stimmt auch Don Paolo zu. Aber er schlägt vor, den Sabo Grando einfach von der Prozession zu entkoppeln und an einem anderen Samstag zu feiern. So bleibt das christliche Fest unbefleckt.
Das Perdòn zählt zu den ältesten Bootswallfahrten Italiens und ist seit fast 800 Jahren dokumentiert. Es dürfte sich sogar um eine der ältesten Prozessionen Italiens handeln, was allerdings schwer belegbar ist – laut anzweifeln sollte man diesen Rekord in Pinos Bar aber nicht.
Dienstag, 30. Juni
Heute Morgen bin ich bei Pino Zeuge eines interessanten soziologischen Experiments geworden. Eine etwa fünfzigjährige Italienerin, offensichtlich wohlhabend, betrat die Bar. Sie war nahtlos gebräunt, trug eine schicke Frisur, viel Schmuck und eine teure Uhr. Sie hatte einen dieser Strand-Wickelröcke um die Hüfte, aber oben trug sie nur ein Bikini-Oberteil. Sie setzte sich und bat um einen Kaffee. Was würde passieren?
Die tschechische Bedienung sagte nichts und hantierte an der Siebträgermaschine. Dann kam Bedienung Erica, eine Gradeserin. Sie ging zu der Dame und bat sie, sich etwas überzuziehen.
Die Dame entschuldigte sich: Sie war schon am Strand gewesen, doch in der dortigen Bar sei die Kaffeemaschine defekt. Die Entschuldigung perlte an Erica ab. Die Dame erhob sich. Ob sie ihren Kaffee wenigstens draußen trinken dürfe? Erica gestattete es ausnahmsweise.
Mittwoch, 1. Juli
Gute und schlechte Nachrichten aus Grado: Das Parkhaus bei der Therme mit 260 Plätzen ist endlich fertiggestellt. Das ist wichtig für den Sommer. Der Radweg dauert dafür weiterhin, aber das Schöne ist, dass man sich langsam dran gewöhnt. Das nennt sich Erwartungsmanagement: Wenn die Erwartungen tief unten sind, ist alles nicht so schlimm.
Viel gravierender: Es hat in den letzten Tagen einige Stromausfälle gegeben, manche Straßenzüge waren stundenlang lahmgelegt, Pizzerien wie das Delfino Blu konnten ihre Öfen erst langsam hochfahren – ausgerechnet an jenem Abend, als ich Lust auf Pizza hatte und auf die elektronische Temperaturanzeige starrte, die sich quälend langsam auf 320 Grad hochkämpfte. Zudem schmorte eine Verteilerstation in der Via Roma wegen Überlastung durch; Schuld waren vermutlich die vielen Klimaanlagen wegen der extremen Hitze.
Donnerstag, 2. Juli
Vor ein paar Tagen schrieb mich der Schriftsteller Paolo Pichierri an, den ich einmal bei einer Lesung kennengelernt hatte. Er schrieb mir, ich sei Protagonist seines neuen Krimis geworden. Das war doch mal eine Überraschung. Hoffentlich nicht als skrupelloser Killer? Nein, nein, als berühmter deutscher Autor, der in Italien lebt.

Hier kommt der Klappentext:
Der Ruf des Detektivs Vincenzo Salvati hat sogar den berühmten bayerischen Schriftsteller Siegfried Walden erreicht. Am Vorabend der Veröffentlichung seines neuen Romans lädt dieser ihn zu einem Aperitif in der Via Rastello ein. Doch während der Buchpräsentation kündigt Walden überraschend an, der Literatur den Rücken zu kehren, um sich ausschließlich einer brisanten Recherche zu widmen – ohne deren Gegenstand preiszugeben. Kurz darauf bricht er zusammen und stirbt.
Für Salvati beginnt damit eine packende Ermittlung. Im Mittelpunkt stehen die Gäste der Buchvorstellung – und jeder von ihnen scheint mehr als nur einen Grund gehabt zu haben, Walden tot sehen zu wollen.
Ich bin gerade auf Seite 56. Noch lebe ich.
—
Jetzt wünsche ich euch ein wunderbares Wochenende. Falls ihr in Grado seid: Lasst es am Samstag nicht allzu lange krachen. Und genießt die Prozession.
Zu allen Podcast-Folgen geht es hier entlang.
Alles über »Espresso unter Sternen« lest ihr hier.
Und hier kommen die aktualisierten Lesetermine.
Samstag, 12. September: Bad Radkersburg, Mare-Hotels
Mittwoch, 30. September: Grafing, Bücherstube
Donnerstag, 1. Oktober: Wasserburg, Bücher Herzog
Freitag, 2. Oktober: Kolbermoor, Bibliothek
Sonntag, 11. Oktober: Schloss Ossiach, Festival »Kunst der Balance«
Samstag, 17. Oktober: Gutenstein, Buchmesse Bücherträume
