Das Italien-Prinzip: So geht Glück!

Vergesst alle Ratgeber und all die sogenannten Lebensweisheiten im Internet, und macht aus euren Glückstagebüchern lieber Einkaufszettel.

Es wurde Zeit, diesen Text zu schreiben: Ich erkläre euch jetzt genau hier, wie Glück geht.

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Das ist schon mal ein guter Start in unseren Diskurs.

Es gibt in Italien vier Prinzipien, und nach denen ihr euch richten solltet, wenn ihr wirklich das Glück sucht. Ihr könnt gleich drei Absätze runterscrollen, wenn euch die Einleitung zu lang wird.

Für alle, die tiefer einsteigen wollen: Die Italiener sind ein sehr glückliches Volk. Ja, wirklich. Vergesst diese dussligen Umfragen, in denen Dänemark, Schweden, Island und ähnlich tiefdeprimierte Nationen mit miserablem Klima und teurem Alkohol ganz oben stehen, weil alles so super dort ist mit den sozialen Hilfen, der medizinischen Versorgung und so.

Hier kommt eine überraschende Statistik: Italiener werden älter als wir Deutschen – trotz miserabler medizinischer Versorgung und all der vielen Inseln und schwer zugänglichen Dörfer im Apennin (wenn dich dort ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall niederstreckt, hilft nur ein Gebet). Das sagt vielleicht nicht alles über das Glück aus, aber ein kleiner Hinweis ist es doch. 

Ich bin nicht naiv und will nichts verklären. Natürlich geht es auch vielen Italienern schlecht. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, und die Aussichten auf die kommenden Jahre sind auch nicht gerade rosig. Sie sind sogar verheerend. Doch bleiben wir mal bei der Mitte. Und da wäre meine Wette, dass ein zufällig herausgepickter Italiener ein insgesamt glücklicheres, stimmigeres, entspannteres Leben führt als ein zufällig herausgepickter Deutscher (oder Skandinavier). Und das ganz ohne Yogakurs oder Feng-Shui-Beratung. Und auch wenn er weniger verdient und ein vermutlich weniger dickes Auto fährt. Einverstanden?

Nummer eins: Das Panda-Prinzip

Letzte Woche sah ich eine Polizeikontrolle, die einen zerbeulten Fiat Panda, Baujahr ca. 1988, angehalten hatte. Drinnen saß ein alter Mann mit Mütze, Baujahr ca. 1940. Kurze Zeit später kam ich erneut dort vorbei; inzwischen standen ein Krankenwagen, zwei Carabinieri-Autos und noch ein paar weitere Autos um den Fiat, es war ein Riesenauftrieb. Der alte Mann mit der Mütze saß immer noch im Auto. Interessant, dachte ich.

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Nichts gegen den Panda. 1992 bin ich mit ihm (und einem Braunschweiger Kennzeichen) quer durch Europa gefahren. Er hat auf 3500 Kilometern nie gezickt.

In einem kleinen Dorf ist so etwas ein großes Gesprächsthema, und bald erzählte mir ein Freund, der bei der Polizei ist, was passiert war: Der alte Mann war ein Bauer aus der Umgebung. Er war in eine Routinekontrolle geraten. Sein Auto hatte keine Versicherung. Dann stellte sich bei genauerer Überprüfung heraus: Er hatte auch keinen Führerschein. Nie besessen, in mehr als sechzig Jahren als Verkehrsteilnehmer.

Und: Er fand dieses ganze Brimborium völlig unverständlich. Ergebnis: Fiat beschlagnahmt (100 Euro Restwert), 1000 Euro Strafe.

Natürlich ist er nie weiter weg gefahren oder gar in den »Urlaub« (»Urlaub« ist sowieso ein für viele Italiener unverständliches Konzept, wenn man 7000 Kilometer Küste direkt vor der Tür hat.) Mal zum Bäcker, mal zum Supermarkt, mal in die Bar. Mit etwas Glück hätte er sein Leben ohne eine einzige Kontrolle beendet.

»Ja, aber wenn was passiert wäre?«

Genau das fragen nur wir Deutsche uns.

Denn das Geheimnis ist:

Es. Wird. Nichts. Passieren.

Glaubt es mir. Jedenfalls wird nie etwas so Schlimmes passieren, wie es uns die Versicherungen einreden wollen. Wir Deutschen sind ein ängstliches, überversichertes Volk. Ich selbst habe gerade nachgeschaut, dass ich gegen Autounfälle bis fünfzehn Millionen Euro Schaden versichert bin. Was müsste passieren, um solch einen Schaden zu verursachen? Müsste ich ein Atomkraftwerk rammen oder beim Rückwärtsparken einen Teil der Elbphilharmonie zum Einsturz bringen?

Es gab mal einen Versicherungsvertreter, der mir eine Berufsunfähigkeitsversicherung verkaufen wollte. Ich musste lachen: »Wenn ich als Autor nicht mehr arbeiten kann, bin ich tot!« Selbst wenn mir in einem unwahrscheinlichen Unfall beide Hände abgehackt werden, kann ich mir immer noch einen Stift zwischen die Lippen klemmen und damit auf der Tastatur herumhacken. Inzwischen gibt es auch Spracherkennungsprogramme. Sogar Stephen Hawking schrieb Bücher, obwohl er nur mit dem Mundwinkel zucken konnte.

Dies hier soll kein Versicherungsratgeber werden. Niemand soll fortan unversichert durch die Gegend fahren. Aber:

Macht euch weniger Sorgen.

Wie das geht? Es gibt noch weitere drei Prinzipien, die dabei helfen.

Nummer zwei: Das Pino-Prinzip

Der italienische Philosoph Luciano de Crescenzo sagt: Es gibt Gesellschaften, die auf Gerechtigkeit beruhen, und es gibt Gesellschaften, die auf Freundschaft beruhen. Ein Beispiel für Ersteres ist England, wo ein Tellerwäscher die Königin verklagen kann. Ein Beispiel für Letzteres: klar, Italien. Hier funktioniert alles nicht so gut, und das Pochen auf »sein Recht« kann kontraproduktiv sein. Für quälende Behördengänge hilft es stattdessen, einen Freund dort zu haben. Beim Zahnarzt wartet man sechs Monate auf einen Termin; mit seiner Arzthelferin im Bekanntenkreis werden es vielleicht nur drei. Einen Job bekommt oft nicht der Besserqualifizierte, sondern der Sohn eines Bekannten. (Nicht, dass das in Deutschland anders wäre, oder?)

In Italien hat jeder irgendwo jemanden, der einem einen kleinen Gefallen tun kann, und diese unsichtbaren Netzwerke bilden eine wichtige Grundlage des täglichen Lebens.

Ökonomisch sind Gerechtigkeitsgesellschaften mit bombensicheren Gesetzen und strikt geregelten Abläufen im Vorteil. Aber hier kommt der Clou: Gesellschaften, die auf Freundschaft beruhen, sind glücklichere Gesellschaften.

Denn ihr müsst euch gut verhalten. Freundlich und hilfsbereit sein. Die Nachbarn schätzen. In einer Bar mal einen ausgeben.

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That’s my gang.

Bevor ihr zum Therapeuten rennt, sprecht mit euren Freunden. Oder geht zu Pino.

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Beunruhigendes Schild, gesehen in Zürich.

Pino wird in diesem Jahr 80. In den 1960-er Jahren fuhr er zur See, und bei der Handelsmarine konnte man gut verdienen. Mit seinen Ersparnissen kam er zurück in seine Heimat und eröffnete eine Bar. Er schließt sie höchstselbst schon um sechs Uhr morgens auf, und bis Mitternacht bleibt sie geöffnet, manchmal darüber hinaus. Drei Generationen helfen mit. Die meisten Gäste kommen täglich, zu festen Zeiten. Oft bleiben sie zum Abendessen, weil Pinos Frau für die ganze Bar gekocht hat.

Und mal ehrlich: Wie soll in so einem sozialen Umfeld schlechte Laune, Depression oder Burnout entstehen? Bevor ihr zum Therapeuten rennt oder ein Buch mit fernöstlichen Sprüchen fürs Poesiealbum lest, sucht euch einen Pino.

Nummer drei: Das Pubertäts-Prinzip

Eines der großen Geheimnisse italienischen Familienglücks lautet: Hier haben die Kinder praktisch gar keine Zeit, pubertäre Macken zu entwickeln. Bevor sie rumzicken, stehen schon die polpette der nonna auf dem Tisch, das Baby der Cousine muss getröstet und der Hund gestreichelt werden. Dann beginnt das Fußballspiel im Fernsehen, und die nonna trägt den selbstgemachten Schokoladenkuchen auf, mit dem heißen inneren Kern, der sich mit dem ersten Gabelstich über den Teller verteilt. Wer will da noch über die Pubertät nachdenken?

Italiener machen sich keinen Kopf über die Pubertät, und sie müssen es auch gar nicht. Dafür mag als Beleg der Sachbuchmarkt gelten. In den letzten zwanzig Jahren ist nur ein einziges Buch italienischer Autoren erschienen, das sich mit der Pubertät beschäftigt (und ein weiteres Buch – eine medizinische Abhandlung – wurde aus dem Deutschen übersetzt). In Deutschland im selben Zeitraum? 22 Titel. Mit meinem Buch, das im April erscheint (hier entlang), sogar 23. Aber meines habe ich nur geschrieben, um alle Deutschen zu beruhigen.

Übrigens: Auch der erstaunliche Erfolg dieses Buches (inzwischen in der achten Auflage!) beruht auf dem Italien-Prinzip.

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Hier erfahrt ihr etwas über die abenteuerliche Entstehungsgeschichte.

Es ist wie mit den Glücksbüchern: Je mehr Glücksbücher in einer Sprache erscheinen, desto unglücklicher ist das Volk.

Nummer vier: Das Pasta-Prinzip

Eine spaghettata ist der soziale Kitt, der Italien zusammenhält – eine Riesenportion Nudeln, von der gesamten Familie oder im Freundeskreis geteilt. Es gibt jede Menge Studien, wie gemeinsames Schlemmen auch das psychische Wohlbefinden fördert, aber das ist auch ohne Studien offensichtlich und in Italien täglich zu beobachten.

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Pasta für alle: der große Glücksstifter…

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…außer natürlich für die beteiligten frutti di mare.

Ihr wollt glücklich sein? Dann ladet eure Freunde zu einer spaghettata ein. Macht euch nicht allzu viel Stress mit dem Rezept: je einfacher, je besser. Dazu eine Salami, vernünftiges Brot, ein paar Oliven und Wein – niemand muss drei Stunden in der Küche stehen. Finger weg von den dreiseitigen Rezepten in Gourmetzeitschriften!

Schickt die Einladungen noch heute via WhatsApp raus. Das ist garantiert ein besserer Ratschlag, als 15-mal den Satz »Heute wird ein schöner Tag« in ein Glückstagebuch zu schreiben.

Das war’s für heute. Guten Appetit!

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Wenn ihr mehr von mir lesen wollt, schaut euch hier meine Bücher an.

GANZ NEU! »Die Toten von Rialto«. Hier gibt es Einzelheiten.

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Ganz viel italienisches Lesesessel-Glück.

Wenn ihr mehr über das »Italien-Prinzip« wissen wollt, Kritik oder Anregungen habt, lasst es mich wissen. Schreibt mir entweder hier oder einfach an stefan.maiwald@golfjournal.de.