Experte aus Versehen

Heiße Insider-Geschichten aus der Buchwelt voraus!

Ihr Lieben, ich sag’s, wie es ist: Ich bin Erziehungsexperte geworden.

Wie konnte das passieren, fragt ihr euch völlig zu Recht?

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Der Doppelschlag in der Ratgeberecke.

Alles begann vor sieben Jahren. Eine Lektorin bei Gräfe+Unzer hatte zufällig das Buch »Laura, Leo, Luca und ich« gelesen. Und sie fand: So ein bisschen was mit Humor täte doch auch unserem Verlag gut.

Dazu muss man wissen, dass GU ein echtes Schwergewicht ist. Drei Prozent aller Bücher, die in Deutschland verkauft werden, stammen aus diesem Verlag, und das ist bei der vielen Konkurrenz eine Fabelzahl. Es sind meist Fachbücher wie »Weber’s Grillbibel« (Apostroph nicht von mir). Alles hochseriös und informativ und professionell aufbereitet. Aber oft auch etwas trocken.

Ich sollte als Beifang für etwas Auflockerung sorgen. »Wir sind Papa« wurde ein problematischer Ritt. Wer mehr über die wilde Entstehungsgeschichte lesen will, kann das hier tun.

Aber »Wir sind Papa« ist inzwischen in der achten Auflage und mit 60.000 verkauften Büchern ein Bestseller geworden.

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In jeder Buchhandlung, sogar auf Polnisch oder überall online zu bekommen, zum Beispiel hier

Klar, dass bei einem erfolgreichen Buch eine Fortsetzung her muss.

Und gut, dass meine Kinder gerade das Teenager-Alter erreicht hatten, als ich mich an die Arbeit für »Wir sind Papa – XXL« machte. Als das Manuskript fertig war, wollte es GU aber nicht mehr haben. Es gab einen kompletten personellen Umbau, die Lektorin von damals war schon längst nicht mehr da, auch der Geschäftsführer war gegangen. Alles sollte wieder sehr seriös werden.

Ziemlich verrückt, wenn ihr mich fragt. Denn wenn ein erstes Buch so gut läuft, dann schiebt man auf jeden Fall ein zweites hinterher.

Aber egal. Immerhin bekam ich den vereinbarten Vorschuss und, viel wichtiger, die Rechte zurück und konnte damit das Buch einem anderen Verlag anbieten. Droemer Knaur griff zu.

Der Verlag wird mich dafür hassen, dass ich das schreibe, aber wir sind hier ja unter uns: Ich bin kein Freund des neuen Covers der »Chaoten-Challenge«. Es ist mir zu rotzig, zu schlecht gelaunt und zu wenig liebevoll. Gern hätte ich eine Coversprache wie bei »Wir sind Papa« gehabt. Der damalige Illustrator hieß Gert Albrecht, der u.a. für die Zeit arbeitet. Kann natürlich sein, dass ich keine Ahnung habe, denn Pubertäts-Kollege Matthias Jung (»Chill mal!«, Edel Verlag) hat mit einem ähnlich rotzigen Cover ja Erfolg gehabt.

Unglücklicherweise sieht mein Cover auch noch so ähnlich aus wie seines, so dass mich der Autor sogar drauf hinwies, allerdings in einem sehr freundlichen Ton. Immerhin: Mein Cover wurde aus einem anderen Knaur-Titel entnommen und von einer Niederländerin gestaltet, die den deutschen Buchmarkt nicht kennt, so dass die Ähnlichkeit reiner Zufall ist.

Gern hätte ich als Titel »Wir sind Papa – XXL« gehabt, um den Bezug zum ersten, erfolgreichen Buch zu haben, aber das war vermutlich aus rechtlichen Gründen nicht möglich, da es ja in einem anderen Verlag erschienen war. »Papa, hör bloß auf zu tanzen!« wäre mein zweiter Favorit gewesen.

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Da waren sie noch klein und süß. Jetzt sind sie größer und genau so süß! 

Hier jedenfalls das (gekürzte) erste Kapitel, damit ihr so ungefähr wisst, was euch erwartet. Viel Vergnügen!

(…) Soweit ich das bis jetzt überblicke, ist bei unseren Töchtern und auch überall in der näheren Umgebung alles bislang recht gut gegangen, und bevor das jetzt ein bisschen arrogant klingt, was es zugegebenermaßen tut, muss ich es gleich relativieren: Das ist nicht mein Verdienst, schon gar nicht als Genspender. Denn ich selbst war ein nervender, widersprechender und von meinem Vater Zigaretten klauender Jugendlicher, der zwar schulisch nie Probleme hatte, aber zuhause ein faules Stück war – so faul, dass mir noch heute Schauer über den Rücken laufen, mit welchen dubiosen Strategien ich mich vor jeglicher Hausarbeit gedrückt habe.

Es hilft auch, dass ich den Blick auf zwei Kulturen habe. Und ich kenne kein deutsches Ehepaar mit pubertierenden Kindern, das mich nach zwei Wochen Italien nicht irgendwann beiseite zieht und mich fragt: »Sag mal, wie macht ihr das?« Jeder Italienurlauber hat wohl schon einmal gemerkt, wie friedlich, vernünftig und wohlerzogen die dortigen Kinder und Jugendlichen am Tisch sitzen. Ohne dass man ihnen ein iPad vor die Nase knallen und Kopfhörer aufsetzen muss. Ältere werden gegrüßt, man sagt danke und bitte. Klar, es gibt Ausnahmen. Aber nicht sehr viele.

Der verhältnismäßig entspannte Verlauf der italienischen Pubertät liegt an dieser einmaligen italienischen Melange von Großfamilie, Gelassenheit und genereller sozialer Bindungsstärke, von der wir uns einiges abschauen sollten. Das wird eines der Leitmotive dieses Buches sein, und es folgen immer wieder Tipps und Kniffe, wie man dieses mediterrane Lebensgefühl auf die deutsche Wirklichkeit übertragen kann.

Ich kann Ihnen keine Pille verschreiben und keinen klugen Satz mitgeben, der Sie in allen schwierigen Situationen erhellt. Ich kann Ihnen nur etwas von dem Gefühl vermitteln, mit dem man hier in Italien diese Sache mit der Pubertät angeht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihnen das bei dem einen oder anderen Problem weiterhelfen könnte. Außerdem hoffe ich, dass Sie gut unterhalten werden und am Ende der Lektüre alles von der etwas sonnigeren Seite sehen.

Denn Pubertierende haben, wie Hunde oder Katzen, einen sechsten Sinn. Sie spüren die Aufregung, riechen die Panik. Wenn Sie also nach der ersten schlechten Note und dem ersten Widerwort gleich denken Oha, jetzt geht der Ärger mit der Pubertät los, wenn Sie gar anfangen, sich Ratgeberbücher von Menschen mit mehreren Doktortiteln zuzulegen und verstohlen die Nummer einer Beratungsstelle in der Nähe zu googeln, dann haben Sie – und die ganze Familie – schon verloren.

Eines der großen Geheimnisse italienischen Familienglücks lautet: Hier haben die Kinder praktisch gar keine Zeit, pubertäre Macken zu entwickeln. Bevor sie rumzicken, stehen schon die polpette der nonna auf dem Tisch, das Baby der Cousine muss getröstet und der Hund gestreichelt werden. Dann beginnt das Fußballspiel im Fernsehen, und die nonna trägt den selbstgemachten Schokoladenkuchen auf, mit dem heißen inneren Kern, der sich mit dem ersten Gabelstich über den Teller verteilt. Wer will da noch über die Pubertät nachdenken?

Italiener machen sich keinen Kopf über die Pubertät, und sie müssen es auch gar nicht. Dafür mag als Beleg der Sachbuchmarkt gelten. In den letzten zwanzig Jahren ist nur ein einziges Buch italienischer Autoren erschienen, das sich mit der Pubertät beschäftigt (und ein weiteres Buch – eine medizinische Abhandlung – wurde aus dem Deutschen übersetzt). In Deutschland im selben Zeitraum? 23. Mit diesem hier: 24.

Sogar das Wort pubertà selbst ist so selten, dass es als sperriges Fremdwort gilt. (Und pube, falls Sie das mal wissen müssen, heißt »Schamhaar«.)

Es ist wie mit den Glücksbüchern: Je mehr Glücksbücher in einer Sprache erscheinen, desto unglücklicher ist das Volk. (…)

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