Sodom, Gomorrha und die Thunfisch-Zwiebel-Spaghetti-Carbonara-Pizza: Mediterrane Wochenschau CLXI

Hier kommt der einzige Newsletter, der es ja auch nicht abwarten kann, endlich mal wieder einen »Aperitivo mit dem Autor« zu veranstalten! Aber jeden Freitag, wenn ich die »Mediterrane Wochenschau« in die Welt schicke und auf die Wettervorhersage der kommenden Tage schaue, sehe ich Blitz, Donner und Weltuntergang. Diesem Horror kann ich meine lieben Leserinnen und Leser nicht aussetzen. 

Samstag.
Mittwoch.
Donnerstag.

Warten wir auf eine stabile, verlässliche Hochdrucklage.

Um der Chronistenpflicht nachzukommen: Von den heftigen Hagelschauern, die ganz Norditalien heimgesucht haben, sind wir in Grado verschont geblieben. Im unmittelbaren Umland hat es dagegen mächtig gescheppert.

Montag, 24. Juli

Weil hier genauso viele Deutsche wie Österreicher mitlesen, kommt eine wichtige Ergänzung zum Newsletter von letzter Woche. Ihr Österreicher habt ja in euren Medien von der Grado-Urlauberin mitbekommen, die ihren Reiseveranstalter verklagt hatte, weil der Dame das Meer bei Ebbe zu weit weg war. Einige deutsche Leser vermuteten, dass ich die Meldung erfunden hätte. Habe ich natürlich nicht. Hier geht es zum Artikel. (Achtung: Gefahr von Nackenschmerzen durch ungläubiges Kopfschütteln.)

Dienstag, 25. Juli

Es rumort heftig in Grado. Ein Mitglied des Gemeinderats beschwerte sich via Facebook über die verkommenen Sitten der Urlauber (und nimmt uns Deutschsprachige ausdrücklich aus, immerhin): Nun, so das Ratsmitglied, räche sich, dass Grado in den letzten Jahren »in den ärmsten Ländern Europas« Werbung gemacht habe. Ein brutaler Satz. Und im ganzen Ort wird diskutiert. Tatsächlich flanieren einige Touristen ungeniert in Badekleidung durch den Ort, und viele Männer haben kein Problem damit, in Unterhemd und Flip-Flops ins Restaurant zu gehen.

Dazu gibt es mehrere Dinge zu sagen. 

Erstens: Man sieht nur die Dinge, die man sehen will. Warum sollte man sich von solchen ungehobelten Menschen den Urlaub verderben lassen? 

Zweitens: Restaurantbesitzer, die in den Sozialen Medien über ihre Gäste schimpfen (was beinahe täglich passiert), müssen sich erst einmal die Krokodilstränen aus den Augen wischen. Denn sie haben ja jederzeit das Recht, halbnackte Gäste höflich aufzufordern, in passender Kleidung zu erscheinen – oder eben das Lokal zu verlassen, so wie letzte Woche Buchhändlerin Carol von der Libreria Dante. Ich finde es auch schlimm, dass Menschen in Badehose ins Restaurant oder im Bikini in den Supermarkt gehen. Einfaches Gegenmittel: ein freundlicher Hinweis, dass man sich bitte etwas anziehen möge. Diese Lektion dürfte bei 90 Prozent der Angesprochenen dauerhaft wirken. Man muss diesen Menschen einfach auf die Finger klopfen. (Wenn es nach mir ginge, auch gern mit dem Schnitzelklopfer.)

Unmöglich: Männer, die sich das Hemd einen Knopf zu weit aufknöpfen (findet meine Frau).

Drittens: Auch Menschen aus »armen Ländern« haben ein Recht auf Urlaub, und wenn es für Grado reicht, scheinen die Touristen ja nicht soooo arm zu sein.

Viertens: Es ist besonders bizarr, dass dieser Facebook-Post von einem Mitglied des Gemeinderats kommt, der es doch selbst in der Hand hätte, etwas zu ändern. Er könnte die Dorfpolizisten, die direkt der Gemeinde unterstehen, einfach anweisen, strenger zu kontrollieren – kein Radeln durch die Fußgängerzone, keine Badekleidung beim Bummel (wie in anderen italienischen Städten auch).

Fünftens: Ich habe auch nach 20 Jahren die italienische Politik noch nicht begriffen. Dieser Facebook-Post, so erklären mir nämlich die Auguren bei Pino, hat einen tieferen Hintergrund. Er soll allen deutlich zeigen, dass es einen Riss in Grados Regierung gibt. Sollte demnächst der Bürgermeister stürzen und es zu Neuwahlen kommen – hier habt ihr es zuerst gelesen.

Mittwoch, 26. Juli

Sehr passender Zwischenfall: Gerade hat in meiner Lieblingstrattoria ein Gast – kein Italiener, aber auch kein Deutschsprachiger – Pizza mit Thunfisch und Zwiebeln bestellt. Schon das ist eine eher gewagte Kombination, aber okay, sie steht in vielen Pizzerien auf der Karte. Und dazu wollte er ausdrücklich zeitgleich eine Spaghetti Carbonara (in der Touristenversion mit Sahne, Bauchspeck und Parmesan, echte Carbonara mit Ei, Pecorino und Guanciale sind in Grado praktisch nicht zu bekommen – warum, steht hier).

»Zeitgleich?«, hatte der Wirt vorsichtshalber gefragt.

»Zeitgleich«, hatte der Gast bestätigt.

Und dann wurden dem Gast also zeitgleich die Thunfisch-Zwiebel-Pizza und die Spaghetti Carbonara gebracht. Und was geschah? Der Gast zerschnitt zunächst die Spaghetti Carbonara (das allein hätte fünf Jahre Kerkerhaft verdient) und kippte sie über die Thunfisch-Zwiebel-Pizza, um alles gemeinsam zu essen.

Der Wirt trat mit Tränen in den Augen zu mir an den Tisch. Er war über diesen Vorfall ernsthaft erschüttert, was viel über Italien und die tiefe Beziehung der Italiener zum Essen aussagt. »Wenn ich solche Gäste habe, dann muss ich mir auch keine Mühe mehr geben.«

Kopf hoch, wir anderen sind ja auch noch da!

Donnerstag, 27. Juli

Vielleicht ist das ja eine gute Lösung – eine schöne Idee, um Touristen mit Humor zu erziehen. Das Foto wurde im kroatischen Split aufgenommen. 

Gefunden bei History of the Romans – Facebook.

Freitag, 28. Juli

Damit ihr euch trotzdem auf Grado freut: Ist das nicht ein schönes, sehnsuchtsvolles Bild?

Gefunden bei Italia Meravigliosa – Facebook.

Und, ja sagt mal: erstmals von Platz 3 auf Platz 2, und das nach fast einem halben Jahr auf den Bestsellerlisten! Dass noch mal eine Steigerung möglich ist – ihr seid umwerfend. 

Schafft die kleine Bar in Grado es noch, die öffentlich-rechtlichen Giganten zu überholen? 

Ich wünsche euch allen ein wunderbares Wochenende, möge das Meer nie allzu fern sein!

Band 1 meiner Familiensaga erscheint im Dezember. Über die Fortsetzung von »Meine Bar in Italien« kann ich auch bald reden.

Alles über meine Bücher lest ihr hier.

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Meine gesammelten Italien-Tipps (Venedig, Gardasee, Toskana, natürlich Grado, meine Lieblingshotels in ganz Italien…) stehen am Ende dieses Newsletters.

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Und als Letztes noch einmal der Hinweis auf den Glücks-Podcast der Braunschweiger Zeitung.

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