Der Reifenstecher, das Carbonara-Problem, Hoffen auf Bibi Blocksberg: Mediterrane Wochenschau Nr. 315

Hier kommt der einzige Newsletter, der bei Pino gerade an Tisch D1 sitzt statt am Stammtisch D5. Denn der ist heute morgen von einem älteren Herrn besetzt, und obwohl ich ihn sehr scharf anschaue, hat er sich mit großer Gemütsruhe in die Tageszeitung vertieft. Das wird heute nix mehr mit meinem Platz am Fenster. Schon ein merkwürdiges Gefühl. Als würde man mit dem falschen Bein aufstehen oder die Cappuccinotasse mit der falschen Hand zum Mund führen.

Was erwartet euch in dieser Woche?

  • Das Schlagloch, das bis zum Mittelpunkt der Erde reicht
  • Prozess um den Reifenstecher vom Blutspenderplatz
  • Gibt es in Grado echte Spaghetti carbonara?
  • Aus dem Kinderzimmer an die Spitze

Andiamo! Noch schnell vorab: In der aktuellen Podcastfolge begeben wir uns auf die Reise in den schönsten italienischen Ort, den es gar nicht gibt. Versprochen: Ihr werdet euch dort wohlfühlen.

Montag, 21. September

Ich hatte ja letzte Woche von den Bauarbeiten im Ort berichtet – und euch ein Schlagloch gezeigt, in dem eine Kleinfamilie ihr Zelt aufschlagen könnte.

Das Gerüst wächst langsam empor. Sehr langsam.

Aber was ist mit dem so lange herbeigesehnten Radweg am Ponte Matteotti entlang, jenem allerletzten Stück des gesamten Alpe-Adria-Radwegs? 

Ein dunkles Thema. Ab Anfang September wollte Friuli Venezia Giulia Strade, das regionale Straßenbauamt, in die letzte heiße Phase der Arbeiten einsteigen, mit wechselseitiger Verkehrsführung; die Fertigstellung war für Ende 2026 angekündigt. Von all dem war noch nichts zu sehen. Beinahe zum Glück, muss man sagen, denn Grado ist, wie berichtet, immer noch so voll wie im Hochsommer. Zumindest lange Staus werden vermieden. Aber die Radfahrer müssen sich noch länger vertrösten.

Wir haben nur noch eine Hoffnung: Vielleicht kommt ja in einer der kommenden Nächte Bibi Blocksberg angeflogen, ruft »Hex, Hex!« und überrascht uns alle am nächsten Morgen mit einem fertigen, funkelnagelneuen Radweg. 

Ein unrealistisches Szenario, zugegeben. Aber das ist die Fertigstellung von Friuli Venezia Giulia Strade bis Ende 2026 ja auch.

Dienstag, 22. September

Der Reifenstecher vom Blutspenderplatz war einer der rätselhaftesten Kriminalfälle der letzten Jahre: Unbekannte zerstachen in einer Nacht im Oktober 2024 89 Reifen geparkter Autos – 89! Erst auf der Piazza Donatori di Sangue, dann in der Via dei Provveditori und beim Campo San Rocco. Ein betrunkener Tourist? Ein Dumme-Jungen-Streich nach ein paar Wodka Red Bull zu viel? Der Schaden lag bei 10.000 Euro.

Dann die Überraschung: Die Überwachungskameras zeigten einen Einzeltäter, der mit einem Schal vermummt war. Es handelte sich um einen 64-Jährigen aus Grado. 

Nun wurde ihm in Gorizia der Prozess gemacht. Die erste Verhandlung war allerdings ausgesprochen kurz: Nach wenigen Minuten war Schluss. Der Verteidiger kündigte an, mit der Staatsanwaltschaft über ein Patteggiamento, also eine außergerichtliche Einigung, sprechen zu wollen. Weitergehen soll es am 15. Januar 2027.

Bei Pinos Bar schütteln die Leute über den inzwischen 66-Jährigen den Kopf: Wir kann man in diesem gesetzten Alter noch auf so fiese Ideen kommen, statt bei einem Glas Wein und Aufschnitt in der Kneipe zu sitzen?

Mittwoch, 23. September

Viele Leserinnen und Leser haben mir schon ihr Leid geklagt: Nirgends gibt es in Grado eine vernünftige Pasta carbonara! Lange hatte Christian sie im Spaghetti House zubereitet, aber sonst? Niente. Klar, einerseits passt sie nicht so richtig zu Grados kulinarischen Traditionen. Andererseits: Das tut Salamipizza ja auch nicht. Und die gibt es an jeder Ecke.

Immerhin habe ich jetzt ein Restaurant entdeckt, das Carbonara in der fast perfekten Form anbietet. Dazu gleich mehr.

Das Paradoxe: Für den Gast sieht Carbonara nach einem der simpelsten Pastagerichte überhaupt aus. Für die Küche ist sie aber richtig heikel. Denn eine Carbonara lässt sich nicht fertig vorbereiten. Natürlich kann man Guanciale schneiden und auslassen, Pecorino reiben und eine Eier-Käse-Mischung vorbereiten. Aber der letzte Schritt muss praktisch à la minute passieren: heiße Pasta, Ei, Pecorino, Guancialefett und etwas Pastawasser müssen so zusammengebracht werden, dass eine Emulsion entsteht. Zu heiß: Rührei. Zu kalt: eine dünne, rohe Eierpampe. Zu wenig Flüssigkeit: klebrig und trocken.

Und jetzt stellt euch Samstagabend vor, 60 Gäste drinnen und draußen. Tisch 12 bestellt zweimal Carbonara, Tisch 8 eine, Tisch 17 drei – aber eine davon kommt fünf Minuten später, weil der Gast noch mit der Vorspeise trödelt. Jede Portion bindet Aufmerksamkeit am Herd. Eine Tomatensauce wartet geduldig, eine Carbonara wartet auf niemanden.

Dazu kommt das Timing am Pass, also bei der Übergabe von der Küche zur Bedienung. Die Carbonara ist sofort nach der Fertigstellung am besten. Steht sie drei oder vier Minuten herum, wird die Sauce dicker und klebriger. Aufwärmen funktioniert nicht, ohne die Textur zu verändern. Auch eine falsch geratene Portion lässt sich schlechter retten als Pasta mit einer vorbereiteten Sauce.

Und ja: der Abwasch und das Handling. Weiß jeder von euch, der zuhause abwaschen muss. Schüsseln oder Pfannen mit einer Mischung aus Ei, geschmolzenem Käse und Fett sind unangenehmer als ein Topf mit einfacher Tomatensauce. Vor allem aber produziert die klassische Arbeitsweise zusätzliches Geschirr beziehungsweise Arbeitsgänge: Guanciale auslassen, Eiercreme ansetzen, Pasta fertigstellen, emulgieren.

Römische Carbonara im Glas. Foto: Andrea Di Lorenzo.

Deswegen kommt die Sahne ins Spiel. Sie macht das System fehlertoleranter. Eine Sahnesauce kann vorbereitet, portioniert, warmgehalten oder schnell wieder erhitzt werden.

Übrigens sind nicht wir Barbaren schuld an der Sahne: Noch bis in die 1990er-Jahre tauchte Sahne in italienischen Carbonara-Rezepten auf; selbst Gualtiero Marchesi verwendete sie, und wie: Er forderte 1989 einen Viertelliter Sahne auf 400 Gramm Spaghetti. Erst später verfestigte sich der heutige Purismus mit Pasta, Ei, Guanciale, Pecorino und Pfeffer. Die echte Carbonara ist also eine sehr junge Erfindung.

Beim Schinken ist der Vorteil ebenfalls offensichtlich: gekochter Schinken oder Pancetta sind unkomplizierter und geschmacklich weniger speziell als Guanciale und lassen sich leicht portionieren. Daraus entsteht dann die berüchtigte touristische »Carbonara«: Pasta mit Schinken, Sahne und Parmesan. Sie hat mit römischer Carbonara wenig zu tun – ist für eine Küche mit 150 Essen am Abend aber narrensicherer.

Jetzt zu Grado: Die Prosciutteria am Campiello della Torre stellt eine fast perfekte Carbonara mit Ei und Pecorino her. Bloß kommt statt Guanciale San-Daniele-Schinken hinzu. Okay, damit kann man leben.

Ansonsten: Selbermachen. Habe ich schon mehrfach ausprobiert, das klappt gut. Wir selbst haben ja nicht den Stress einer Trattoria und können das fertige Gericht schnell von der Küche auf den Esstisch tragen.

Noch ein Tipp für daheim: Die meisten römischen Restaurants machen die Carbonara nicht mit Spaghetti, sondern mit kurzen Nudeln wie Mezze maniche, und sie servieren sie in einem hohen Gefäß, manchmal sogar in einer Art Trinkglas. Warum? Das hält das Gericht, das schnell auskühlt, kompakter und wärmer.

Donnerstag, 24. September

Nicht zu fassen: 150.000 gehörte Folgen des Podcasts Radio Adria, und das nach nicht einmal anderthalb Jahren! Er ist der meistgehörte Reisepodcast in Österreich und auch in Deutschland immer wieder auf Platz eins. Sogar in Italien schafft er es manchmal in die Top Ten. Verrückt.

Wir liegen vor den meisten öffentlich-rechtlichen Formaten oder den Podcasts der großen Zeitschriften. Nicht schlecht für eine Sendung aus dem Kinderzimmer meiner Tochter.

Mein Podcast-Abenteuer: Wie alles begann.

Okay, seit Folge 30 sitze ich immerhin in meinem Arbeitszimmer. Hier findet ihr eine Übersicht aller Folgen. Seid dabei!

Und das kam gerade noch rein: David Alaba hat tatsächlich bei Udinese Calcio unterschrieben. Nicht zu fassen! Das wird uns in den kommenden Wochen sicher noch beschäftigen, ich freue mich jedenfalls sehr.

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Jetzt wünsche ich euch ein schönes Wochenende.

Gerade noch mal vorbeigeschaut: Jetzt kommt Zug in die Arbeiten.

Und hier sind die Lesetermine.

Mittwoch, 30. September: Grafing, Bücherstube
Donnerstag, 1. Oktober: Wasserburg, Bücher Herzog
Freitag, 2. Oktober: Kolbermoor, Bibliothek 
Sonntag, 11. Oktober: Stift Ossiach, Festival »Kunst der Balance« 
Samstag, 17. Oktober: Gutenstein, Buchmesse Bücherträume
2027
Dienstag, 23. März: Triest, Caffè San Marco
Donnerstag, 8. April: München, Buchcafé Daily Bites
Freitag, 9. April: Coburg, Buchhandlung Riemann 
Sonntag, 11. April: Nürnberg, Deuerlein Wein | Buch | Caffè
Freitag, 16. April: Salzburg, Höllrigl
Samstag, 17. April: Wien, Wiener Ball der Bücher

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