Aktuell: Venedig nach dem Hochwasser

Vor einem Monat brach die Katastrophe über Venedig herein: Am Abend des 12. November stieg das Wasser auf 187 Zentimeter über den Normalpegel – das zweithöchste jemals gemessene acqua alta nach 1966; damals erreichte das Wasser 194 Zentimeter.

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Hochwasser? Welches Hochwasser? So sah es am 11. Dezember in Venedig aus.

Vor vier Wochen erreichte das Wasser also einen Beinahe-Rekordwert, übrigens gegen jede Vorhersage der Experten, die noch wenige Stunden vor der Flut mit einem wesentlich niedrigeren Pegelstand gerechnet hatten. Genau jene Experten, die uns erklären wollen, wie das Klima in den nächsten Jahrzehnten aussehen wird, konnten also nicht einmal mit verhältnismäßig simplen Parametern vernünftig umgehen. Ich finde das zumindest bedenklich.

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Die abendliche Stille der Nebensaison. Traumhaft, inspirierend, einladend.

Auch wegen der optimistischen Prognosen hat es viele Venezianer übel erwischt. Privatpersonen, Geschäfte, Bars, Restaurants, Hotels, Palazzi und Museen mussten ihre Preziosen in Sicherheit bringen. Etwas Hochwasser ist man in Venedig ja gewohnt, und niemand packt seine wertvollsten Besitztümer ins Erdgeschoss; der Markusplatz, der tiefstgelegene Punkt der Stadt, steht mehrmals im Jahr ein paar Zentimeter unter Wasser, und dieses Phänomen kennt man schon seit Jahrhunderten. Doch bestimmte Pegel bringen die Stadt zum Einknicken. Ein dramatisches Beispiel: Das Opernhaus La Fenice hat Schutzvorrichtungen, die bis 182 Zentimeter reichen. Das war am 12. November 2019 ganz knapp zu wenig, das Wasser flutete die Säle.

(Wie das Hochwasser auf meiner Insel Grado ablief, 90 Kilometer weiter östlich, lest ihr hier.)

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Stühle des Konservatoriums im Ca‘ Pisani – leider nicht mehr zu retten.

Auch der Markusdom konnte dem Hochwasser nicht trotzen, viele Säulen und Bodenmosaike wurden beschädigt. Dabei ist nicht das Wasser ist das Problem, sondern das Salz. Mehr als dreißig Experten sind bereits damit beschäftigt, die Schäden auszubessern.

ES IST ALLES WIEDER GUT.

Doch was man überall auf der Welt nicht versteht: Bereits wenige Tage später war Venedig wieder voll funktionsfähig. Und das gilt auch für Grado und alle anderen betroffenen Adriaorte. Die Stadt nahm ihren Betrieb auf, als wäre nichts gewesen. Vom Hochwasser ist längst nichts mehr zu spüren. Natürlich sind die Schäden immens, und hinter den Kulissen wird fleißig gewerkelt. Doch davon bekommt kein Reisender etwas mit.

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Wenn ich schon gefragt werde: Meine Meinung im Gazzettino, der venezianischen Tageszeitung.

Noch letzte Woche riefen mich befreundete Journalisten (!) an, die fragten, ob man denn überhaupt nach Venedig reisen kann, und ob Grado, die Insel, auf der ich wohne, immer noch unter Wasser stehe. Daran ist nicht zuletzt die mediale Wirklichkeit schuld, also die Journalisten selbst. Das Hochwasser war – völlig zu recht – Spitzenthema auf allen Kanälen (nicht zu vermeidender Kalauer). Die Rückkehr zur Normalität ist dagegen niemandem eine Meldung wert, nicht einmal eine Notiz. Die Hoteliers berichten von bis zu 70 Prozent Stornierungen.

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The Gritti Palace, a Luxury Collection Hotel – die schönste Leseecke Venedigs.

Also lest ihr es hier zuerst: Venedig ist wieder voll da. Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Wenn ihr helfen wollt, fahrt einfach dorthin. Macht Urlaub dort, esst in den Restaurants, trinkt Wein in den Bars, kauft Bücher, lasst es euch gut gehen.

Hier noch ein paar Beispiele venezianischer Widerstandskraft: Das Fornace Orsoni ist der einzige aktive Glasofen in Venedig, alle übrigen befinden sich seit Jahrhunderten auf Murano.

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Mehr als 3000 Töne sind möglich: Die »Farbenbibliothek« des Fornace Orsoni.

Dort stand das Wasser in den Werkstätten zwanzig Zentimeter hoch. Na und? Man arbeitete einfach weiter – in Gummistiefeln.

Die Bibliotheken etwa des Musikkonservatoriums im Ca‘ Pisani und des Museums Querini Stampalia hat es übel erwischt. Die Bücher, die richtig viel Wasser abbekommen haben, etwa 20.000 Bände, werden zu einem Spezialbetrieb nach Bologna geliefert, der sie für einige Tage in Kühlkammern einlagert, um Schimmelpilze abzutöten. Erst dann können die Bücher restauriert werden.

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Nur leicht beschädigte Bücher werden auf diese Weise getrocknet.

Die Verantwortlichen von Querini Stampalia hatten noch in der Hochwassernacht eine clevere Idee: Sie riefen den Tiefkühl-Giganten Bofrost an, der sofort seine Kühlkammern zur Verfügung stellte. Ich bin ja kein Freund von Tiefkühlgerichten. Aber über Bofrost sage ich nichts Schlechtes mehr.

Noch einmal: Venedig hat das Hochwasser längst abgeschüttelt. Lasst euch nicht von alarmistischen Meldungen abschrecken. Ihr müsst nicht durch die rauchenden Trümmer einer Apokalypse waten. Venedig lebt. Schaut vorbei.

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Die allerbeste Art, mit allen Problemen dieser Welt fertig zu werden.

Mehr Venedig-Geschichten samt vieler Reisetipps (wöchentlich aktualisiert) gibt es hier, aktuelle Tipps zu Grado stehen hier.

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