18 dumme Fragen zu Venedig – klug beantwortet

Kann ich in Venedig Auto fahren? Warum singen Gondolieri dauernd, was verdienen sie – und kann ich auch einer werden? All das bin ich schon gefragt worden. Daher kommen jetzt die Antworten.

Kann ich in Venedig Auto fahren?

Ja, durchaus. Bis zur Piazzale Roma führen die Straßen, dort warten dann Parkhäuser. Auch auf den vorgelagerten Inseln Lido und Pellestrina rollt der Autoverkehr. Wer dorthin will, kann Fähren nehmen, beispielsweise von Tronchetto, nicht weit von der Piazzale Roma, oder von Cavallino. In jenem Venedig, das wir meinen, wenn wir Venedig sagen, sind Autos nicht verboten – das Autofahren ist so unmöglich, dass eine Vorschrift gar nicht nötig ist.

Was ist mit dem Fahrrad?

Im Ortskern (also in dem oben erwähnten Venedig) streng untersagt – übrigens nicht nur das Fahren, sondern auch das Schieben, was wohl weltweit einmalig ist. Allerdings gibt es tatsächlich Radwege, etwa auf dem Lido, aber auch auf Pellestrina, die bei Radlern sehr beliebt sind. Radurlaub in Venedig ist also durchaus möglich. Es gibt sogar eine Bike-Sharing-App. Wer per Rad nach Venedig kommt (es gibt ja Fernradwege) und in die Altstadt will, lässt es am besten schon in Mestre stehen. Der Bike-Parkplatz ist gleich beim Bahnhof.

Kann ich auf dem Canal Grande segeln?

Habt ihr die Lizenz zum Töten? Dann ja: Für den James-Bond-Film »Casino Royale« verfrachtete man unter großem Aufwand eine Spirit-Yacht auf den Canal Grande, auf dem 007 alias Daniel Craig von dem Aussteigen träumen durfte. Angeblich war es das erste Segelschiff seit 300 Jahren auf dem Canal.

Dass ein Segelboot in und um Venedig generell eine dumme Idee ist, liegt nicht nur an den Brücken, sondern auch an dem Aufbau (besser: dem Unterbau) moderner Rümpfe: Die Kielbombe würde in den seichten Kanälen schnell auf dem Grund schleifen.

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Die Gondeln und andere Bootsformen sind für die flachen Kanäle ideal.

Und wieso überhaupt »Canal« und nicht »Canale«?

Das ist venezianischer Dialekt, der gern die Endvokale verschluckt, nicht nur im Sprachgebrauch, sondern auch in der Schriftform. Und man legt sehr großen Wert drauf. Daher: »Canal«.

Kann ich eine Wohnung am Canal Grande kaufen?

Ja, das ist möglich, und es nicht so teuer, wie ihr denkt: Bei 8000 Euro pro Quadratmeter geht es los – das ist viel, aber nicht so viel wie in Zürich oder London, und auch die Münchner Bestlage ist teurer. Das Problem: Es gibt keine kleinen Apartments wie in anderen Städten. Die herrschaftlichen Wohnungen, zumeist ganze Stockwerke, haben 300 bis 400 Quadratmeter, und damit geht jede Wohnungsanschaffung sofort in die Millionen. Dennoch gibt es viele Mitbieter, obwohl die Idee einer Wohnung in Venedig als Wertanlage durch die jüngsten Hochwasser gelitten hat.

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Dieser bildhübsche Palazzo am Canal Grande steht zum Verkauf. Leider ist er mit einem Fluch belegt. Warum ihr ihn auf keinen Fall kaufen solltet, lest ihr hier.

Wie kamen die Leute überhaupt auf die Idee, ins Wasser zu ziehen?

Wieso liegen so viele Ansiedlungen in unzugänglichen Bergtälern oder auf Hügeln? Weil die Welt früher ein ziemlich rauer Ort war. Venedig wurde von Festlandsbewohnern gegründet, die vor Attilas Hunnen in die Lagune flüchteten. Dort konnten sie sicher sein, und das über Jahrhunderte. Auch vor Piraten musste man keine Angst haben wie an anderen Küstenorten: Noch Goethe hatte auf seiner Italienreise Angst, von Piraten verschleppt zu werden. Das Wasser rund um Venedig war tief genug, um vor Raufbolden vom Festland zu schützen – aber auch flach genug, um vor dalmatinischen und osmanischen Plünderern sicher zu sein.

Hat jeder Venezianer ein Boot?

Nein. Für den Privatgebrauch, etwa die Fahrt zur Arbeit, ist ein eigenes Boot überraschend unpraktisch, und zwar fast aus den gleichen Gründen wie ein Auto in einer verkehrsberuhigten Innenstadt. Es gibt Anlegeprobleme (Stichwort »Parkplatzsuche«), die Liegegebühren sind auch sehr teuer, und überhaupt lässt sich in Venedig das Allermeiste viel besser zu Fuß oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen.

Wo parken die Venezianer?

Tatsächlich haben die meisten venezianischen Familien ein Auto. Meist steht es günstig auf dem Festland, etwa in einer der Garagen in Mestre.

Warum singen die Gondolieri?

Tun sie gar nicht – jedenfalls nicht so arg, wie es in manchen Filmen oder Erzählungen gern behauptet wird. Und wenn sie doch singen, gibt es drei Gründe. Weil sie sich gut fühlen (so wie wir unter der Dusche), weil sie sich mehr Trinkgeld erhoffen, oder weil es eine Form der Kommunikation ist – entweder mit den Kunden, die ja nur selten Italienisch sprechen, oder mit den anderen Gondolieri, denn in vielen Gesängen verstecken sich subtile Botschaften. »Nun schau dir diese Pfeifen an, die ich durch die Gegend rudern muss« will man halt nicht direkt über den Kanal rufen.

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Mein Schreibtischblick – direkt auf den Canal!

Was verdienen Gondolieri?

Unmengen. Kein Witz. Nach meiner Hochrechnung, basierend auf Insider-Informationen, kommen sie in der Hochsaison auf 15.000 Euro im Monat und mehr. In der Nebensaison und bei schlechtem Wetter ist es dafür deutlich weniger – und, ja, es ist ein harter Job. Dennoch: Gondolieri gehören zu den Spitzenverdienern in Venedig.

Kann ich auch einer werden?

So gut wie unmöglich. Die begehrten Lizenzen werden innerfamiliär weitervererbt. Die allermeisten Gondolieri sind daher tatsächlich waschechte Venezianer, was ja nur noch in den wenigsten Traditionsberufen der Fall ist.

Wie machen das Venezianer mit den Touristen?

Sie vermeiden sie, wo immer es geht. Sie benutzen Schleichwege, umgehen Stoßzeiten und machen um Rialtobrücke und Markusplatz einen großen Bogen. Oft funktioniert die Vermeidungstaktik aber nicht, und die genervten Venezianer versuchen, sich an den untergehakten, schlendernden Touristen in den engen Gassen rabiat vorbeizuschieben. Wer von hinten ein »permesso!« hört, macht lieber Platz.

UPDATE: Derzeit haben die Venezianer und die (wenigen) Touristen die Stadt für sich allein. Alles zu unserem Leben mit dem Coronavirus lest ihr hier.

Hassen die Venezianer uns Touristen?

Heikles Thema. Natürlich nerven die Touristen. Aber fast jede Familie verdient direkt oder indirekt am Tourismus mit. Wir reden nicht nur von Kitschverkäufern (diese Läden sind ohnehin inzwischen oft in asiatischer Hand), sondern von Hoteliers und Restaurantbesitzern, von Buchhändlern und Künstlern, von Ladenbesitzern jeder Art und ihren Angestellten, von Gondolieri – siehe oben – und einfachen Arbeitern. Auch die feine Gesellschaft Venedigs vermietet gern per Airbnb zum Karneval ihre Palazzi, um dem Trubel beim Skifahren in Cortina zu entgehen.

Vergessen wir nicht: Ohne Tourismus wäre Venedig erst recht tot. Es gibt in der Altstadt keinen größeren Arbeitgeber mehr, und ohne Touristen würde Venedig zu einer Art Schlafstadt verkommen, weil die meisten Einwohner auf dem Festland arbeiten müssten.

Das alles ist natürlich für uns Touristen keine Entschuldigung, uns dämlich zu benehmen, in Badehose die Kirchen zu besichtigen, auf den Stufen der Palazzi Pizza aus dem Karton zu essen oder im Canal Grande in Bad zu nehmen (Strafe: 450 Euro).

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Wie feiern die Venezianer Karneval?

Nicht so, wie viele denken. Sie stehen jedenfalls nicht in historischen Kostümen auf dem Markusplatz herum. Der Karneval ist Zeit eleganter Galaabende in Hotels, Museen oder hinter verschlossenen Palazzo-Türen. Für einige Galas werden saftige Eintritte verlangt, Sterneköche bereiten Köstlichkeiten zu. Dass der Karneval von Venedig zwar eine lange Tradition hat, aber in seiner heutigen Form eine ganz neue Erfindung ist, lest ihr hier.

Und wer sind dann die Menschen unter den Masken?

Touristen, aber die von der guten Sorte (finde ich – auch wenn es für mich nix wäre). Es sind Venedig-Interessierte, die oft in monatelange Arbeit ihre Kostüme schneidern und dann durch die Stadt flanieren und sich gern fotografieren lassen. Viele Deutsche sind dabei.

Was ist denn jetzt mit den Kreuzfahrtschiffen?

Ein Prozess in der Schwebe. Wie so oft in Italien. Demnächst mehr.

Wo gibt es noch Geheimtipps?

Sagen wir’s mal so: Es gibt ein paar weniger überlaufene Ecken, etwa den Norden von Cannaregio, den Westen von Santa Croce, alles südöstlich vom Arsenale sowie Giudecca. Aber auch in der geheimsten, abgelegensten Trattoria kann es passieren, dass plötzlich eine Reisegruppe einfällt und lärmend jede Illusion eines authentischen Venedigs zerstört. Nur für uns haben wir die Stadt nie so richtig. Andererseits: Letztlich sind wir ja alle bloß Touristen.

Immerhin: Ein paar vernünftige, inspirierende Tipps (Hotels, Restaurants, Bars) gibt es hier.

Und sonstige gute Tipps zu Venedig findet ihr hier versammelt.

Was das ganze Land angeht: »Das Italien-Prinzip: So geht Glück!« ist mein bislang erfolgreichster und beliebtester Blogbeitrag. Viel Spaß – bitteschön!

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