Alles wird gut – vom Leben im Sperrgebiet (Stand: 28.3.)

Hier kommt die Fortsetzung meines Corona-Tagebuchs – sonst wird der vorhergehende Blogbeitrag einfach zu lang. Wer von Anfang an lesen will, kann hier nachschauen.

Samstag, 28. März

Hier ein Foto von gestern Abend: Mit Kamin lässt sich vieles aushalten.

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Suchbild: Wer entdeckt Luna?

Heute sind es 20 Grad – ein Traumtag! Wir verbringen den Nachmittag auf der Terrasse. Und meine Tochter hat mich heimlich beim Absolvieren meines knallharten Fitnesstrainings fotografiert:

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Auch Pausen sind wichtig, dann kann der Muskel wachsen! (Steht so im Netz – muss also stimmen.)

Außerdem haben meine Töchter Brot gebacken. Ich bin sehr stolz auf sie!

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Debatte zwecklos: Der Knust gehört mir.

Hier noch ein Fotos meiner Abenteuerreise durch Italien vom Mittwoch:

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Der Flughafen in Rom – viel war nicht los. Zur Geschichte geht’s hier entlang.

Donnerstag, 26. März

Ich habe einen Tag ausgesetzt, weil ich gestern auf Anweisung des italienischen Außenministeriums 1350 Kilometer durch Italien gefahren bin – eine absolut wilde Geschichte, die ich gleich aufschreibe und heute Abend poste.

Zudem hat uns der Bora voll im Griff, jener eisige Ostwind, der uns den Winter zurückgebracht hat. Unsere Fensterscheiben stülpen sich nach innen, und selbst die Möwen gehen lieber zu Fuß. Bis nachher!

Update: Der Trip meines Lebens – 1350 Kilometer durch die Quarantäne. Hier lest und seht ihr alles.

Dienstag, 24. März

Es lässt sich ja alles aushalten: Der Kühlschrank ist gefüllt, neue Weinvorräte rollen morgen direkt vom Lieblingswinzer an, das abendliche Kochen macht Spaß.

Doch was ich wirklich vermisse, sind die 15 Minuten am Morgen in der Bar. Mit einem vernünftigen Kaffee, einem Croissant und der Gazzetta dello Sport und ein bisschen Geschnatter mit den Barfrauen und Bekannten, die man jeden Morgen um die gleiche Zeit dort trifft. Aber die Bars haben geschlossen, der Kaffee tröpfelt daheim aus der Nespresso-Maschine, und die Gazzetta dello Sport muss derzeit Geschichten erfinden. Oder sagen wir mal: aufbauschen. Es gibt ja drei tägliche Sportzeitungen in Italien, und ich kann mir so ungefähr vorstellen, wie den dortigen Redakteuren die Haare zu Berge stehen.

Und die regionale Tageszeitung Il Piccolo macht mit der Wohnanlage Marina Fiorita auf, für die meine Frau arbeitet (und die von meinem Schwiegervater mit errichtet wurde):

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Der Titel lautet: »Grado: letzter Ausweg für alle, die vor der Ansteckung flüchten«. Ja, »letzter Ausweg« heißt auf Italienisch tatsächlich »letzter Strand«, »ultima spiaggia«.

Jedenfalls: Es gibt gute Nachrichten, in Italien geht es der Kurve an den Kragen:

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Neue Ansteckungen: rückläufig.

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Todesfälle: rückläufig.

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Die Kurve beginnt zu fallen. Quelle: Worldometers, die jede Zahl mit mehreren verlinkten Quellen belegt und auch die Vereinten Nationen mit Datenmaterial beliefert. 

Darauf sollten wir alle mit einem gehaltvollen Rotwein anstoßen.

Montag, 23. März

Ich habe 10 knackige Tipps für das Leben daheim zusammengeschrieben, da wir hier ja einen Leidens- und Informationsvorsprung haben.Es gibt Dinge, die sind gut, und es gibt Dinge, die solltet ihr lieber lassen. Schaut hier.

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Das war der Sommer 2019: Auf dass wir bald wieder solche Bilder sehen. 

Wer beim Tagebuch fleißig mitliest, kennt den einen oder anderen Tipp ja schon.

Und eine kleine gute Nachricht: Erstmals biegt sich italienweit die Kurve der Neuinfizierten (15 Prozent weniger Zunahme als am Vortag) nach unten. Nach zwei Wochen harter Maßnahmen wurde das aber auch Zeit. Hoffentlich geht es genau so weiter.

Sonntag, 22. März

Nein, wir lassen nichts aus – heute morgen hat mich ein Erdbeben geweckt. Und wenn in Grado die Wände wackeln, dann heißt das was, denn der auf Sand gebaute Ort ist ziemlich erdbebensicher. Um halb sieben kam der erste Stoß, um sieben Uhr der zweite; das Epizentrum lag in Kroatien, nicht weit von Zagreb.

Damit nicht genug: Seit heute morgen hat auch Grado den ersten Corona-Fall. Ein Lichtblick: Das Wetter ist wirklich mies und kühl geworden man kommt überhaupt nicht in Versuchung, länger als nötig die Nase aus dem Fenster zu halten.

Samstag, 21. März

Der Geburtstag meines Schwagers – wir stoßen per WhatsApp an. Die Partys, die wir inzwischen nachholen müssen, werden meiner armen Leber wohl den Rest geben.

Aber endlich habe ich eine Erklärung dafür, warum ich hier ganz gemütlich in den Supermarkt spazieren kann und alles bekomme, was ich brauche – während die Nachrichten in Italien (und auch in Deutschland) teilweise dramatische Bilder von endlosen Schlangen und leergeräumten Regalen zeigen: Grado ist mit seinen sechs Supermärkten für die Urlaubssaison ausgelegt, wenn die Deutschen und Österreicher kommen – die sind aber nicht da. Deswegen haben hier derzeit nur 8000 Einwohner die freie Auswahl und können ganz entspannt shoppen gehen.

Ich glaube ja ernsthaft, in solchen ländlichen Gegenden wie Grado mit der fischreichen Lagune und dem Meer vor der Tür liegt die Zukunft, um auch künftige Krisen zu überstehen.

Freitag, 20. März

Wir schalten um zum Sport: Bei Golf Journal habe ich geschrieben, wie es sich eigentlich ohne Golfen lebt. Dieser Sport, der einigen von euch vielleicht sehr merkwürdig vorkommt, ist ja meine große Passion, und es ist wirklich hart, darauf zu verzichten.

Klar, es gibt Wichtigeres in diesen Zeiten als Golf. Aber Virentexte lest ihr ja schon genug.

Gestern hatte meine Tochter eine Video-Unterrichtsstunde. Nach zehn Minuten wollte die Lehrerin die Lautstärke erhöhen, kam auf den falschen Knopf und blieb für den Rest der Stunde verschwunden. Haben wir uns früher nicht immer so einen Knopf gewünscht?

Heute morgen bin ich das erste Mal seit drei Wochen wieder mal ins Auto gestiegen, weil ich zum Zahnarzt im Nachbarort fahren musste. Nach so langer Zeit fährt man wirklich wie der eigene Opa mit Hut auf der Ablage.

Die italienweite Ausgangssperre, die ursprünglich nur bis zur nächsten Woche gelten sollte, wurde gestern erstens verschärft (Joggen und Spazierengehen sind nun definitiv nicht mehr erlaubt) und zweitens um eine weitere Woche verlängert. Am Wochenende sollte das Land, was die Fallzahlen angeht, endlich das Schlimmste überstanden haben. Hier in Grado hält man sich übrigens vorbildlich an die Vorgaben.

Meine Tochter hat gerade die sehr laute, sehr temperamentvolle Spanischlehrerin auf dem Bildschirm – eine gute Zeit, kurz mit dem Hund vor die Tür zu gehen. Das dürfen wir nämlich noch.

Donnerstag, 19. März

Heute klingelte der Wecker um 8 Uhr, und das kommt uns nach fast vier Wochen obszön früh vor. Beatrice hatte eine Videokonferenz mit der Schule, die aber dann doch nicht zustande gekommen ist.

Grado selbst ist nach wie vor nicht vom Virus betroffen, und die Provinz Gorizia, zu der Grado gehört, ist mit 25 positiven Fällen die mit Abstand am wenigsten betroffene Provinz in ganz Norditalien.

Aber es gibt auch eine schlechte Nachricht: Nun hat es den ersten Gradeser erwischt, allerdings in Kitzbühel. Die alpinen Skigebiete insbesondere in Tirol haben sich ja als neue Brutstätten erwiesen, und weil viele Gradeser im Winter oben in den Bergen arbeiten, war es wohl nur eine Frage der Zeit.

Noch ein Tipp zum Hamstern: Vergesst Nudeln und Klopapier – die Vorräte halten ewig. Was unterschätzt wird, ist Schokolade. Mit dem Süßigkeitenvorrat sind wir und unsere Freunde als Erstes auf Grund gelaufen. Wenn ihr also das nächste Mal in den Supermarkt geht, wisst ihr, welche Regale ihr ansteuern solltet. Krisenzeiten eignen sich nicht zum Kalorienzählen.

Dienstag, 17. März

Seit gestern turne ich oben auf der Terrasse herum. »Übungen mit dem eigenen Körpergewicht« ist der Untertitel des Programms, das ich im Internet gefunden habe. Wie würdelos Sport ohne Spielgerät doch ist! Ich muss an Ron Swanson aus Parks & Recreation denken. Die Ärztin fragt: »Gibt es in Ihrer Familie Menschen mit psychischen Störungen?« Ron: »Ich habe einen Onkel, der Yoga macht.«

Ich hatte ja mal einen Basketballkorb auf der Terrasse, das wäre es jetzt gewesen. Bloß hat den der Bora zerlegt.

Zurück an die Virenfront. Hier die aktuellen Zahlen (Stand heute, 11.30 Uhr): In Friaul-Julisch Venetien sind 386 Infektionen nachgewiesen, 22 Menschen sind verstorben – davon 21 über 80 und eine 62-Jährige mit einer schweren Vorerkrankung.

In Grado gibt es nach wie vor keinen einzigen Fall.

Und nach der Schande, meiner Familie am Sonntag eine Tiefkühlpizza vorgesetzt zu haben, habe ich gestern Abend Huhn mit allerlei Beiwerk im Römertopf gezaubert. Auch keine französische Hochküche, aber dafür seelenerwärmend. Und nur darum geht es doch in diesen Zeiten.

Montag, 16. März

Seeleute lichten nie an einem Sonntag den Anker, habe ich am Wochenende gelernt, deswegen habe ich auch beim Tagebuch eine kleine Pause genommen. Hier jedenfalls der Stand der Dinge:

Traumwetter! So richtig ekelhaft blauer Himmel, kein Wind, Temperaturen bis 20 Grad. Blöd, wenn man kaum raus kann. Heute haben wir die Terrasse geputzt, die im Nachmittag in der Sonne liegen wird. Darauf freuen wir uns, und auf diese Weise robben wir von Tag zu Tag voran. Immerhin ist Italien ja schon ein paar Wochen weiter als Deutschland und Österreich, im Friaul flacht die Kurve der Neuinfektionen seit ein paar Tagen ab, die Sperrzone zeigt Wirkung.

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So glamourös kochte ich am Sonntag auf.

Tiefpunkt des Wochenendes: Zum ersten Mal in zwanzig Jahren Italien habe ich Tiefkühlpizza gegessen. Und dabei bin ich nicht mal ein Fan von Pizzeria-Pizza, auch wenn sie von einem singenden Neapolitaner aus dem Holzofen geholt und von der jungen Sophia Loren an den Tisch gebracht wird.

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Sophia Loren macht Pizza.

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Sophia Loren bringt Pizza.

Und weil ich schon ein paar Mal aufs Homeschooling angesprochen wurde: Es ging alles ziemlich ambitioniert los, mit Videokonferenzen und dem ganz großen Zauber, und ich muss auch heute daran denken, meinen Star-Wars-Schlafanzug rechtzeitig auszuziehen, um nicht damitvor der gesamten Klasse durchs Bild zu laufen. Doch inzwischen läuft das meiste über WhatsApp – die Lehrer haben für jedes Fach und jede Klasse WhatsApp-Gruppen gegründet und verschicken die Hausaufgaben. Die gemachten Hausaufgaben werden dann per Mail verschickt oder auf Sharing-Plattformen wie Google Docs gestellt. Nicht ideal, aber eben deutlich unkomplizierter als Videokonferenzen. Nicht jeder Schüler – und auch nicht jeder Lehrer – ist technisch hochgerüstet oder einfach nur dazu in der Lage.

Die Kids ihrerseits haben WhatsApp-Gruppen gegründet, um sich über Hausaufgaben »auszutauschen«.

Samstag, 14. März

Meine Frau ist mit dem Aberglauben einer sizilianischen Großmutter ausgestattet. Sie glaubt, das bloße Vorbereiten auf schlechte Zeiten sorge dafür, dass diese schlechten Zeiten auch tatsächlich eintreten. Also schaut sie mich immer skeptisch an, wenn ich wieder mit einem vollen Einkaufsbeutel in der Küche stehe.

Das Spazierengehen – erlaubt oder nicht? – ist immer noch sehr umstritten und sorgt für heftige Facebook-Diskussionen. (Als hätte es je entspannte Facebook-Diskussionen gegeben.) Da ich als Deutscher in dem kleinen Ort unter besonderer Beobachtung stehe, verzichte ich vorerst darauf und führe nur unseren Hund ums Eck.

Dafür mache ich jetzt Übungen auf der Dachterrasse. Und hoffe, dass mich niemand heimlich dabei filmt, vor allem nicht bei den Dehnübungen. Ich war noch nie besonders flexibel, und das wird im Alter nicht gerade besser. Mein 81-jähriger Schwiegervater kann immer noch mit geraden Beinen den Fußboden mit den Fingerspitzen berühren – meine Versuche enden zwischen Knie und Knöchel. Und zwar näher an Ersterem als an Letzterem.

Sollte ich je das Alter meines Schwiegervaters erreichen, kann ich mir wahrscheinlich nicht einmal mehr die Hose zuknöpfen.

Freitag, 13. März

Heute ist seit vielen Tagen endlich mal wieder richtig trübes, nebliges Wetter – was einem das Daheimbleiben versüßt. Soll es ruhig jetzt ordentlich regnen. Die Sonne darf dann hervorkommen, wenn die Restaurants wieder öffnen und wir eine Pasta im Freien genießen dürfen.

Nach wie vor werden die Kinder per Video-Chats unterrichtet. Das klappt gut, bloß heute musste die Mathelehrerin kurz abbrechen, weil der Handwerker vor der Tür stand, der ihre kaputte Spülmaschine reparierte.

Was das Spazierengehen am Strand angeht, über das ich gestern berichtet habe: Spaziergänge sind vom italienischen Innenministerium genau so genehmigt worden wie das Gassigehen mit dem Hund – selbstverständlich stets in gebührendem Abstand zu anderen. Dennoch haben mir zwei Leserinnen geschrieben, dass sie Schwierigkeiten hatten und von der Lokalpolizei (den sogenannten vigili) angehalten worden. Wie bei jedem brandneuen Gesetz scheint es Schwierigkeiten beim Auslegen der Texte zu geben.

Apropos Texte: Das Wort »Coronavirus« wird vom Word-Korrekturprogramm als Rechtschreibfehler eingestuft. Ein Hoffnungsschimmer?

Und weil heute Freitag der 13. ist, gibt es noch einen Happen Wissen zum Abschluss: Fast überall ist ja die 13 die Unglückszahl, in Italien ist es aber die 17. Die meisten italienischen Hotels haben keine Zimmernummer 17, in Hochhäusern gibt es keine 17. Etage, bei der Fluggesellschaft Alitalia keine 17. Sitzreihe. Der französische Autohersteller Renault benannte sein Modell R17 für den italienischen Markt in „R177 um.

Der schlechte Ruf dieser Zahl liegt mehr als 2000 Jahre zurück, denn schon die alten Römer fürchteten die 17. Das hatte mit ihrer Schreibweise »XVII« zu tun. Bei einer Umstellung ergibt sich »VIXI«, »ich habe gelebt« – also »ich bin tot«.

Doch nicht nur dieses Anagramm ist für den schlechten Ruf der 17 verantwortlich: Es war ausgerechnet die 17. Legion, die im Teutoburger Wald von Hermann dem Cherusker vernichtend geschlagen wurde. Statt Freitag dem 13. ist in Italien der Unglückstag Freitag der 17. oder auch Dienstag der 17. »Né di venere né di marte non si sposa né si parte«, heißt es: Eine Reise darf also weder auf einem Freitag noch auf einem Dienstag beginnen oder enden, und auch geheiratet soll an beiden Tagen nicht. Freitag bringt generell Unglück, weil Jesus an einem Freitag gekreuzigt wurde, aber was hat der Dienstag verbrochen? Martedì ist im Italienischen (und auch in anderen romanischen Sprachen) nach dem Kriegsgott Mars benannt – und was wäre das für ein Omen für die Ehe?

Donnerstag, 12. März

Gestern Abend wurden alle Programme unterbrochen – Regierungsansprache von Giuseppe Conte. Wir dachten schon, gleich rollen die Panzer durch die Straßen. Dabei war es halb so wild: Bars und Restaurants, die bislang geöffnet sein durften, müssen nun ebenso schließen wie alle sonstigen Geschäfte, die keinen Meter Mindestabstand garantieren können, was unter anderem Friseure betrifft; in Italien ein eminent wichtiger Berufsstand. Auch Einkaufszentren werden dicht gemacht. Supermärkte, Apotheken und Drogerien bleiben aber geöffnet, und Hamsterkäufe (dazu gleich mehr) seien unnötig, weil der Warenverkehr weiter ungehindert rollt. Spannende Frage: Was ist mit Supermärkten in Einkaufszentren? Die bleiben geöffnet.

In Grado ändert sich praktisch gar nichts, nahezu alle Bars und Restaurants hatten bereits in den letzten Tagen geschlossen, und die kleinen Boutiquen hätten ohnehin erst zu Ostern oder im Mai geöffnet.

Ich machte mir um meine täglichen Schritte Sorgen, aber laut Innenministerium sind sportliche Aktivitäten im Freien erlaubt, sofern man den Sicherheitsabstand einhalten kann. Fußball geht also nicht, Spazierengehen schon.

Reden wir kurz über Hamsterkäufe. Ich verstehe überhaupt nicht, warum die so einen miesen Ruf haben. Denn: Nein, ich habe keine Angst, dass jetzt alles zusammenbricht und ich morgen vor leeren Regalen stehe. Ich will halt nur nicht wie bisher fast jeden Tag in den Supermarkt latschen, sondern nur einmal die Woche, einfach deswegen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Profi-Tipp: Hamstert nicht in den großen Supermärkten, sondern geht in die Tante-Emma-Läden um die Ecke. (Oder zum berühmten türkischen Gemüsehändler.) Im Tante-Emma-Laden direkt vor unserer Haustür gibt es noch alles – sogar die Flaschen mit Handdesinfektionsmitteln stehen vier Reihen tief.

 

Und weil ich es gestern angesprochen hatte: Dass Marmelade nicht Marmelade genannt werden darf, ist keine EU-Legende. Marmelade muss bei uns offiziell »Konfitüre« heißen, weil die Briten die Bezeichnung »Marmelade/Marmalade« 1979 schützen ließen. Sie dulden diesen Namen traditionell nur bei Orangen- und Zitronen-»Marmalade«, und sie bestanden darauf, dass auch europaweit nur Brotaufstriche aus diesen Früchten Marmelade heißen dürfen.

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Seit heute mein morgendlicher Begleiter.

Tatsächlich sieht das EU-Verbraucherschutzrecht vor, dass unterschiedliche Produkte nicht denselben Namen tragen sollen – und für die Briten, die sich beim Brotaufstrich durchsetzten, gibt es nun einmal nur »Marmalade« aus Zitrusfrüchten; alles andere heißt auf der Insel »jam«.

Seit vierzig Jahren gibt es offiziell also keine Erdbeermarmelade, sondern nur Erdbeerkonfitüre (Richtlinie Nr. 79/693/EWG), auch wenn in der Umgangssprache zumindest in Deutschland und Österreich nach wie vor »Marmelade« dominiert – in der Schweiz ist dagegen seit jeher »Konfitüre« üblich.

Soll keiner sagen, hier bekäme man nichts zum Lernen mit!

Mittwoch, 11. März

Das Leben im Sperrgebiet ist gar nicht so schlimm, wenn man am Meer lebt und am Strand entlangspazieren kann. Heute steht uns ein Traumtag mit wolkenlosem Himmel und 20 Grad bevor – allerdings bleibt er nur den Inselbewohnern vorbehalten.

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Das war am Sonntag unser vorerst letzter abendlicher Aperitivo. Auf den Tischen stand schon Amuchina, das legendär gewordene Desinfektionsmittel.

Meine Tochter bekommt, wie alle italienischen Schüler, Hausunterricht via Mail und Skype. Gestern musste sie auf Deutsch – Deutschlehrerinnen sind doch alle gleich – einen Aufsatz über … na, ratet mal? genau: das Coronavirus schreiben. Und weil auch Schüler alle gleich sind, hat sie Papi um Hilfe angehauen.

Und weil Papi Deutschlehrerinnen kennt, haben wir geschrieben, dass die Situation doch bei aller Dramatik eine »tolle Gelegenheit« sei, »mehr zu lesen« oder »das Instrument wieder hervorzuholen« oder »mehr Zeit mit der Familie« zu verbringen.

Aber hier kommt die eigentliche Liste der Dinge, die wir an dem Leben im Sperrgebiet schätzen:

– von morgens bis abends im Schlafanzug bleiben (sie)

– vor dem Spiegel Golfschwünge der Güteklasse eines Tiger-Woods üben (ich)

– Netflix-Serien in einem Rutsch vernaschen (wir beide)

Die meisten Bars haben inzwischen dichtgemacht, obwohl sie theoretisch dalle sei alle sei geöffnet haben dürfen, also von 6 bis 18 Uhr. Daher habe ich heute morgen daheim ein deutsches Frühstück zelebriert, zum allerersten Mal in Italien, mit ausgepresstem Orangensaft, Toast mit Butter, gekochtem Ei und Kaffee. Morgen wage ich mich mal an Marmelade Konfitüre heran. (Pardon: Laut einer EU-Verordnung muss »Marmelade« im Handel »Konfitüre« heißen.)

Denn ein italienisches Frühstück schmeckt eben nur an der Bar, wie sicher jeder bestätigen kann, der schon mal mikrowellierte Croissants gegessen hat. Auch ein perfekter Cappuccino oder Espresso gelingt nur mit industriellen Maschinen. (Hier habe ich mehr über den perfekten Kaffee geschrieben, und hier habe ich den weltweit führenden Kaffeemaschinensammler besucht.)

Apropos: Vorerst dicht gemacht hat auch das berühmte Florian in Venedig am Markusplatz. Sehr bedauerlich, denn das Florian ist durchaus nicht nur ein Treff für Touristen auf Selfie-Suche, sondern auch bei vielen Einheimischen beliebt.

So gut wie alle Hotels, in Grado wie in Venedig, haben ihre Eröffnung bis auf Ostern oder noch später verschoben. Ein einziges Luxushotel hat in Venedig noch geöffnet, wie mir gerade eine Hotelangestellte von dort gesteckt hat, die ebenfalls in Grado ausharren muss – mit zwei belegten Zimmern.

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Unser Abendessen: Es ist nicht alles schlecht.

Kurzum: Es geht uns gut, und ich danke euch allen für die vielen netten Worte, die uns erreicht haben. An dieser Stelle werde ich weiter über unser Leben berichten.

Sollten »italienische Verhältnisse« (Ausgangssperren, Bewegungseinschränkungen etc.) demnächst auch in Deutschland gelten – möglich ist es –, dann bekommt ihr hier in den nächsten Tagen ein paar Tipps, wir ihr das Beste daraus macht. Denn dann haben wir es ja schon hinter uns.

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Sie versteht die ganze Aufregung ohnehin nicht.

Zu meiner Arbeit: Im April erscheint mein neuer Krimi, und die ersten »Vormerker« (so heißen Buchbestellungen im Buchhandel) sind verheißungsvoll. Es ist auf jeden Fall die aktuell sicherste Art, nach Venedig zu reisen.

Venedig Krimi

Hier könnt ihr mehr über das Werk erfahren und es auch bestellen.

Aber jetzt muss ich erst einmal an den Strand, denn ich bin Sklave des fiependen Schrittzählers an meinem Handgelenk. Alles über die Wonnen des Spazierengehens – eine tolle Sache für die nächsten Tage – findet ihr hier.

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