Mediterrane Wochenschau, Folge X: Die Flamingos und Einhörner verschwinden

Hier kommt der einzige Wochenrückblick, der nie nach eurer Telefonnummer fragt!

Samstag, 4. Juli

Heute hatte ich einen freien Abend, weil meine Frau und meine Töchter mit anderen Frauen und anderen Töchtern Pizza essen gingen. Das ist so ein italienisches Ding: Frauenabend, aber über zwei, drei Generationen. Im Fernsehen lief Fußball, und ich musste noch tausend Dinge zu Ende schreiben. Also habe ich mir Spaghetti mit Fertig-Bolognese-Sauce gemacht. Ha, da habt ihr euren Feinschmecker!

Okay, ich hatte ein dermaßen schlechtes Gewissen, dass ich wenigstens noch eine frische Karotte an die Sauce geschnippelt habe. Karotte heißt bei mir im Norden übrigens Mohrrübe, aber ich bin ja anpassungsfähig.

Und hier kommt meine Entschuldigung: Viele Sterneköche gehen nach der Abendschicht mit ihren Mitarbeiten zur Dönerbude, pfeifen sich einen Döner »mit alles« rein, trinken dazu Dosenbier und feiern sich total ab. Kann ich auch gut verstehen: Vierzehn Stunden lang fummeln sie an Schäumchen, Sphären und Emulsionen herum, da muss es dann am Ende des Tages was Kerniges sein.

Dass ich dann auch noch vorm Fernseher gegessen habe, war der Gipfel der Dekadenz.

Sonntag, 5. Juli

Heute ist der große Tag: das Perdòn de Barbana, das religiöse Fest der Insel.

Der Bürgermeister legt seine Schärpe um, die Dorfhonoratioren reihen sich mit stolzer Miene auf, Polizei, Carabinieri stehen mit glänzenden Uniformen in der Morgensonne, die Häuser, Straßen und vor allem die Fischerboote sind mit Wimpeln geschmückt. Es ist Italien, wie man es aus alten Filmen kennt – und vielleicht auch der Beweis, dass wir endgültig im Sommer 2020 angekommen sind.

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So geht’s dahin – danke für den Fisch! 

Eine Marienstatue wird von der Basilika zunächst von Trägern auf ein besonders schön geschmücktes Fischerboot gebracht, dann in einer Prozession zum Inselkloster auf Barbana geschippert und schließlich wieder zurück in die Basilika getragen. Drumherum: Gottesdienste, Geläut, ein paar Reden.

Und wie passend zur Bolognese: Gerade höre ich den Feinschmecker-Podcast »Mit Schokolade die Welt verbessern« – hier ist der Link – und Kakao-Gott Philipp Kauffmann, der nur die erlesensten Sorten der allerkleinsten Kleinbauern verarbeitet, nascht gern Kinderschokolade. Wegen der Kindheitserinnerungen.

Montag, 6. Juli

Während in Italien die Covid-Krise abgeklungen ist, geht es jetzt in Slowenien und Kroatien sowie generell auf dem Balkan mit steigenden Fallzahlen rund. Hier im Friaul dagegen wurden fürs gesamte Wochenende 0 neue Fälle, 0 Tote und 0 Personen auf den Intensivstationen vermeldet. Es gibt europaweit wahrscheinlich gerade keinen sichereren Ort als Italiens Nordosten. Wir waren früh dran, wir waren brav im Lockdown, jetzt ist Ruhe.

Schadenfreude ist angesichts einer weltweiten Pandemie zwar das falsche Wort, aber Slowenien sperrte im März ja nicht nur die Grenzen zu Italien, sondern stellte zusätzlich noch meterhohe Betonblöcke an den Übergängen auf, als würde das Land den Dritten Weltkrieg oder eine Zombie-Invasion befürchten. Das war psychologisch haarsträubend dämlich, verkehrstechnisch völlig unsinnig, medizinisch überflüssig – und hat die Italiener ziemlich entsetzt. Dass es nun Slowenien mit rapide steigenden Zahlen erwischt, ist sehr unschön, aber in Italien wird es so kommentiert, als würde der unsympathische Streber aus der ersten Reihe, der nie abschreiben lässt, mal eine 6 in Mathe schreiben.

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Diese slowenischen Barrieren fand man in Italien überhaupt nicht lustig – ein einfacher Schlagbaum hätte es auch getan. Quelle: Il Gazzettino.

Dienstag, 7. Juli

Vergessen wir das doofe Virus. Hier kommen brandheiße Notizen vom Strand: Es gibt weniger Einhörner und weniger Flamingos. Könnt ihr euch noch an die aufblasbaren Schwimmhilfen in Tierform erinnern? Die wurden ja letztes Jahr praktisch nur erfunden, damit wir auf Selfies besser aussehen. Damals betrug die Einhorn-Flamingo-Dichte (»EFD«) an den Adriastränden etwa 7-8 pro 100 Quadratmeter. Die aktuelle EFD ist auf 1-2/100 gefallen. Was allerdings immer noch Mode ist, sind die Schwimmhilfen in lustigen Formen, etwa einem Pizzaachtel oder einem angebissenen Donut.

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Das Fabeltier wurde dank Generation Selfie gummierte Realität. Quelle: shopee.com

Mittwoch, 8. Juli

Aufräumen ist selten eine gute Idee – denn meine Frau fand die Insignien ihres größten Triumphes.

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Italienische Doppelmeisterin bei den Universitätsmeisterschaften.

Sie war auf der Weltrangliste platziert, ihre Partnerin, mit der sie Doppelmeisterin wurde, trat dann sogar in Wimbledon an. Eine Knieverletzung – sie rutschte auf der mit Hartplastik verlegten Linie eines Sandplatzes aus – ruinierte ihr die weitere Karriere, aber sie gibt zu: Gegen die osteuropäischen Vorhandmaschinen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf die Szene strömten, wäre es ohnehin schwer geworden.

Ich bin ein ganz guter Tennisspieler. Dachte ich jedenfalls, als ich meine Frau kennenlernte. Immerhin hatte ich als Austauschschüler in Texas im High-School-Team gespielt und war die Nummer eins unserer High-School-Mannschaft.

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Der feine Herr steht links und ist knusprig braungebrannt – kein Wunder, bei zwei Stunden Freiluftsport täglich unter der Wüstensonne.

Einmal kam ich sogar bei einem wichtigen Turnier ins Viertelfinale. Und als ich ein paar Jahre später mit meiner Frau über Sport redete, war ich mir sicher, dass ich sie schlagen könnte. Dürfte ich es ihr beweisen? Sie lehnte brüsk ab.

Mehrere Monate brauchte ich, um sie endlich auf den Platz zu bekommen. Und man könnte das, was ab dem ersten Ballwechsel passierte, eine Hinrichtung nennen. Je härter ich schlug, desto schneller kamen die Bälle zurück. Ich sah sie manchmal nicht einmal. Kurz: Es war wie Mensch gegen Made, eine Demütigung mit Sternchen. Sie schlug mich 0:6, 0:6. Seit damals reden wir nicht mehr darüber. Beziehungsweise: Meine Frau holt es gern bei kleineren Streitigkeiten hervor. Sie vergisst nichts.

Donnerstag, 9. Juli

Sonnencreme. Haarspray. Nagellack. Das Plastik der aufblasbaren Gummiboote und -delfine. Die entweichende Luft daraus. Lauwarmes Bier. Chips. Salzwasser. Algen. Nasser Fels. Nasses Holz. Muscheln mit Resten drin, zum Beispiel Einsiedlerkrebsen. Nasse Badehose. Heißer Sonnenschirmstoff. Feuchte Handtücher. Möwenfedern. Zigarettenrauch. Zigarettenstummel. Ketchup. Schmelzendes Wassereis. Alter Kaffee. Frischer Kaffee. Druckerschwärze der in der Sonne liegenden Zeitungen. Heiße Kugelschreiber. Heißer Sand. Nasser Sand. Parfüm. Schlick. Gischt. Trocknende Kinderkescher. Lippenpflegebalsam. Schnellbräuner zum Aufsprühen. Piniennadeln. Shampoo. Pfeifenrauch des Österreichers von Kabine 61a. Erdbeerkaugummi. Chlor vom angrenzenden Erlebnisbad. Asphalt. Mückenspray, biologisch (Zitrone). Kokosnuss (»Coco bello?«).

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Erster! (Naja, fast – dahinten toben schon meine Töchter im Wasser.)

Das unbeschwerte Strandleben ist in vollem Gange. Wer von euch kommt runter?

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Die nächste Wochenschau erscheint am 17. Juli, euch allen eine sonnige Zeit!