Mediterrane Wochenschau XIII: Römische Kaiser, französische Geheimnisse, Venedig!

Hier kommt der einzige Newsletter, der auch am Nachmittag einen Cappuccino trinkt!

Sonntag, 26. Juli

Also, die Sache mit den Parkplätzen habe ich ja schon ein paar Mal angesprochen. Nun ist es auch so, dass die Sonnenschirme am Wochenende knapp werden – nicht zuletzt, weil aufgrund der Distanzregeln die Abstände deutlich großzügiger gesteckt wurden (was, nebenbei bemerkt, großartig ist und gern so bleiben darf). Es liegt aber auch daran, dass der pendolarismo schon vor Covid das Urlaubsverhalten der Italiener geändert hat. In ökonomisch stabileren Zeiten (und Zeiten anderer Rollenverteilung) war es durchaus üblich, dass Frau und Kinder zwei Monate lang ans Meer fuhren und der Mann nur für eine Augustwoche hinterherkam, jenem ferragosto um den 15.8., an dem das Land einst still stand und es problemlos möglich gewesen wäre, sich für ein Nickerchen auf die Hauptverkehrsstraßen zu legen, ohne überfahren zu werden.

Don’t try this at home! Und auch nicht in Italien! Denn das ist in der heutigen Zeit nicht mehr drin. Also fahren viele Familien besonders aus dem Umland nur fürs Wochenende ans Meer. Und sorgen für Staus, Hetze, Chaos. Und verknappen urplötzlich die Sonnenschirme, von denen es in diesem Jahr ohnehin ein paar weniger gibt.

Also: Bucht euren Sonnenschirm in Grado oder sonstwo rechtzeitig online. Oder lasst es das Hotel für euch erledigen.

Montag, 27. Juli

Beim Stöbern im Antiquariat habe ich eine venezianische Postkarte aus dem Jahr 1929 gefunden. Musste ich natürlich sofort kaufen!

116130612_582820062393021_1000847124477640828_n

Noch spannender ist aber die Rückseite:

115745080_1103106700085371_3918390857140744662_n

Und jetzt bin ich neugierig geworden. Die Postkarte ist am 12. Dezember 1929 von Venedig nach Paris geschickt worden. Wer kann die Adresse und den Text entziffern?

116357397_1719094304909048_6321155932381908047_n

Es wird nichts Weltbewegendes sein, ein paar Bruchstücke kapiere ich (…ta lettre merci…), dennoch würde ich es gern genau wissen. Ein Urlaub im Dezember in Venedig war damals wirklich ungewöhnlich – und auch noch gerade sechs Wochen nach dem Schwarzen Donnerstag und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise!

Und wie diese Postkarte dann aus Paris ausgerechnet ins kleine Grado gekommen ist, werden wir wohl nie herausfinden.

Dienstag, 28. Juli

Was für eine großartige Idee! Der kanadische Künstler Daniel Voshart hat allen römischen Kaisern echte Gesichter gegeben, indem er Statuen und Münzen mit ihren Portraits von einem Computerprogramm analysieren ließ. Das Poster (50 Euro) habe ich mir natürlich gleich bestellt. Balbinus treffe ich jeden Abend in der Bar, Claudius sieht aus wie ein Hollywood-Schauspieler, der einen römischen Kaiser darstellen soll, und Nero hat frappierende Ähnlichkeit mit dem Typen, der uns in der Schule immer quälte.

1*ikKpAYP90MZz7vqwKNas7A

Hier stehen Einzelheiten zu diesem faszinierenden Vorhaben.

Mittwoch, 29. Juli

Meine zweite Venedig-Reise nach dem Lockdown. So langsam kommt wieder Normalbetrieb in die Gassen, auch wenn ich erstaunt feststellen musste, dass es vor den Kirchen und Museen doch schon ordentlich Gedränge gab. Ja, es gibt viel weniger Touristen – aber weil die Kirchen und Museen auch viel weniger Menschen zugleich reinlassen, relativiert sich das Ganze wieder. Wenn man dann erst einmal drin ist, ist es aber recht angenehm. Aber bevor ich lange rumrede: Hier kommen ein paar Bilder.

116161284_849107695496471_4004958296783010102_n

Der Markusplatz zur Mittagszeit.

114498978_295281205120822_5956798361237437181_n.jpg

Verdammt, habe ich das Handy im Hotel vergessen?

116070280_873290136494875_2478018085112841148_n.jpg

Obligatorisches Krimi-Bild.

116216148_963007907496655_4515108605163849046_n.jpg

Arbeitsplatz. (Ja, das ist ein Bademantel.)

113571441_600433734007553_8027296032748074374_n

Es ist halt auch die Stadt Casanovas – wer entdeckt das entscheidende Detail? 

116329350_628157301169089_3564578530210111106_n.jpg

Giudecca mit (v.l.) Blick auf Salute-Kirche, Markusturm, Autor und San Giorgio Maggiore.

Donnerstag, 30. Juli

Und endlich konnte ich nach vielen Jahren mal wieder Giorgiones »La Tempesta« bewundern, das rätselhafteste Gemälde der Kunstgeschichte.

116108605_620378045253717_4011472519026886448_n

Das Renaissance-Bild »Das Gewitter« des Italieners ist in der Accademia ausgestellt, Karten gibt es offiziell nur über Online-Vorbestellung, vor und hinter mir kamen aber auch Leute ohne Reservierung rein und kauften ihre Eintrittskarten ganz normal an der Tageskasse. Jedenfalls: Das 1508 entstandene Werk gilt als ungelöstes Mysterium.

116581065_394552731518062_8758961859363386850_n.jpg

Erst einmal keine große Sache. Aber auf dem zweiten Blick…

Ich habe über das Gemälde im letzten Jahr einen längeren Text für P.M. geschrieben, hier kommt ein Auszug:

Auf den ersten Blick wirkt das Bild nicht besonders geheimnisvoll. Es zeigt einen gewittrigen Himmel über arkadischer Landschaft, einen Mann mit einem Stab und eine nackte Frau mit einem Baby an ihrer Brust. Doch der Mann und die Frau wirken verstörend auf den Betrachter, die Symbolsprache ist völlig unklar. Sind hier, nach der griechischen Mythologie, ein Zigeuner und eine Nymphe zu sehen? Oder eine Zigeunerin und ein Soldat? Zeigt das Bild eine Liebschaft von Zeus, die Geburt des Bacchus? Eine Szene aus Ovids, Boccaccios oder Petrarcas Werken? Sind es Adam und Eva mit Kain? Ist es die Auffindung des Moses? Ist es die Flucht Marias und Josephs mit dem Jesuskind vor Herodes?

Einige Forscher glauben mittlerweile, dass das Bild eine Legende aus dem vierzehnten Jahrhundert nacherzählt, nämlich die Romanze eines jungen Soldaten mit der Tochter des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Das Liebespaar musste vom Kaiserhof fliehen und wurde Stammväter der Da Carrara, der Familie, die über Padua herrschen sollte. Dafür spricht, dass die Gebäude im Hintergrund paduanischen Bauten ähneln, auch ein Wappen der Stadt ist auszumachen. Der junge Mann auf dem Bild trägt zwar einfache Kleidung, steht aber in Herrscherpose da – als würde ihn eine bedeutende Aufgabe erwarten. (Anmerkung für euch: Meine Frau, keine Kunsthistorikerin, stammt aus Padua, für sie ist der Padua-Bezug überdeutlich.)

Dennoch bleiben viele Rätsel. Warum ist das Baby in einer so merkwürdigen Stillposition, die den Blick auf die Scham der Mutter ermöglicht? Warum hatte Giorgione, wie Röntgenanalysen ergaben, statt des Mannes ursprünglich eine zweite nackte Frau gemalt? Und warum blickt der Mann zwar in die Richtung der Frau, aber doch offenbar an ihr vorbei?

»Das Gewitter« hört nicht auf, uns zu faszinieren. Es war Lord Byrons Lieblingswerk, Alfred Andersch beschäftigte sich in dem Buch »Die Rote« ebenso intensiv damit wie Mark Helprin in seinem Roman »Ein Soldat aus dem Großen Krieg«, und auch in dem Kinofilm »Der Venedig-Code« spielt das Gemälde eine wichtige Rolle.

Freitag, 31. Juli

Ganz heiße Neuigkeiten: Endlich habe ich mir auch eine Autorenseite auf Facebook eingerichtet! Falls ihr dort aktiv seid – ich freue mich auf euren Besuch/Klick/Like.

Bildschirmfoto 2020-07-28 um 19.27.07.png

Seid dabei – hier entlang!

Ihr habt diese Wochenschau als E-Mail erhalten? Ihr könnt sie gern an eure Freunde weiterleiten, die an Italien oder an Grado oder an Venedig interessiert sind.

Aktuelle Entwicklungen in Italien (Grenzen, Masken etc.) stehen hier.

Wer die Wochenschau jeden Freitag erhalten will, trägt sich auf der Startseite oben rechts einfach mit seiner E-Mail ein.

Zur vorigen Wochenschau geht es hier entlang.

Alles über die aktuelle Situation in Italien steht hier.

Tipps für Grado gibt es hier.

Den idealen Lesestoff für die Liege, ob mit Meer- oder Bergblick, findet ihr hier.

Die nächste Wochenschau erscheint am 7. August, bis dahin euch allen eine sonnige Zeit!