Die Sammlerausgabe anlässlich des EM-Titels: Mediterrane Wochenschau LXI

Hier kommt der einzige Newsletter, der eiskalt sein Wort bricht! 

Denn ich wollte ja eigentlich ein paar Wochen Sommerpause machen, aber weil ich so viele Nachrichten bekommen habe, berichte ich euch vom Verlauf des Fußball-Finalsonntags.

Um zu zeigen, wie Italien funktioniert, erzähle ich euch zunächst von meinem Kumpel Rino. Vor dem Beginn der Europameisterschaft fragte ich ihn, wie er denn die Chancen Italiens einschätze. Ihr wisst ja (und könnt es in den vergangenen Wochenschauen nachlesen), dass ich von Anfang an Italien als Favoriten gesehen habe.

Rino winkte ab. »Pah, Europameisterschaft. Interessiert mich nicht. Ich bin Juve-Fan und basta.« Nach der Vorrunde traf ich ihn erneut. Da wurde er schon weicher, aber sagte auch: »Pah, gegen Belgien oder spätestens Spanien ist Schluss.«

Und zum Finale? Da hatte er sein Restaurant voll beflaggt und zwei Großbildschirme aufgebaut. Natürlich »nur wegen der Gäste«.

Beim Autokorso nach dem Elfmeterschießen hing er mit dem Oberkörper aus dem Beifahrersitz des Autos seines Bruders, schwenkte eine drei mal zwei Meter große Italien-Fahne und krakeelte in die Nacht. 

»Juve-Fan und basta.« Ja, nee, is klar, wie wir in Niedersachsen zu sagen pflegen.

Zurück zum Sonntag. Denn vorher gab es ja noch ein Finale in London mit italienischer Beteiligung: Am Nachmittag stand mit Matteo Berrettini der erste Italiener überhaupt in einem Wimbledon-Endspiel. Als er den ersten Satz gegen Novak Djokovic gewann, keimte gar die Hoffnung, es könnte ein perfekter italienischer Tag werden. Dann zeigte Djokovic wieder einmal, dass er kein Mensch ist, sondern ein Außerirdischer. Er gewann in vier Sätzen.

Aber egal, das echte Finale stand ja erst an. Verschwörungstheorien machten schon seit Tagen die Runde, denn in dieser Disziplin sind die Italiener nicht nur Europa-, sondern auch Weltmeister. Die Theorien gingen etwa so: Italienische Vereine hatten das Projekt Super League vorangetrieben, während Boris Johnson höchstpersönlich sich dagegen ausgesprochen hatte. Würde jetzt die Abstrafung von der UEFA kommen, etwa in Form eines brutal parteiischen Schiedsrichters?

Ja, solche Theorien lieben die Italiener. Und dann war der Schiedsrichter auch noch ein Holländer – das war doch das Land, das sich lange gegen die Corona-Hilfen für Südeuropa gewehrt hat!

Trotz der Verschwörungstheorien: Die Stimmung war optimistisch. Aber das dürft ihr meiner Frau nicht verraten.

Fußball wird in Italien traditionell im Familienkreis geschaut, dazu wird was Feines (oder Grobes) auf den Grill geschmissen und ein kühles Bier getrunken – eigentlich genau so wie in Deutschland. (Wer geht ernsthaft zum Public Viewing oder gar auf »Fanmeilen«?) Bloß, dass es in Italien meistens tatsächlich bei einem Bier bleibt; nein, ich weiß auch nicht, wie die das schaffen. Aber keine Sorge, ich habe den Schnitt ordentlich gehoben. Die Bars und Restaurants mit Fernseher dagegen waren voller Touristen, denn Hotelfernseher sind ja nun wirklich nicht das Wahre.

Wir blieben also daheim. Ich machte den Fehler, neben meiner Frau auf dem Sofa Platz zu nehmen, obwohl ich es nach so vielen gemeinsamen Fußballabenden doch besser wissen sollte. Denn alles, was man (also ich) beim Spiel sagt, bringt Unglück, vor allem, wenn man (also ich) einen Italiener lobt. Schwerer Fehler. »Gufare« nennt sich das. 

»Donnarumma ist saustark«, rutschte mir nach einer Parade raus. Darfst du nicht sagen, sonst schwörst du herauf, dass ihm beim nächsten Angriff ein Kullerball durch die Beine rutscht. Als England schon nach zwei Minuten in Führung ging, dekorierte Laura schnell unsere Wohnung um – die Italien-Fahne hing nun statt über der Lampe über der Brüstung des Balkons. (Für Laura ist auch völlig klar, dass Deutschland im Achtelfinale gegen England verlor, weil ich ausgerechnet an jenem Abend alkoholfreies Bier getrunken hatte. Sorry, Jogi.)

Alkoholfreies Bier gab es nicht, sondern Landshuter Hochzeits Märzen vom Fass, ein köstliches Mitbringsel unserer bayerischen Freundin, dazu Sushi von einem neuen Gradeser Sushirestaurant (Riva Brioni 9), das für den Sommer aus Palmanova hierhergezogen ist.

Auch dieses Bier hat zum EM-Titel beigetragen (sagt meine Frau).

Die Partie ging nicht gerade gut los, das wisst ihr ja. Meine Frau wollte unsere Töchter, die vor dem englischen Tor gerade mit Eis von unserer geliebten Gelateria Antoniazzi zurückgekommen waren, ernsthaft noch einmal vor die Tür schicken, weil ihr Erscheinen kein Glück gebracht habe. Ja, meine Frau ist abergläubischer als eine neapoletanische Familienfeier.

Da hing die Fahne noch über der Lampe. Und unsere Töchter durften dann doch bleiben.

Als der Ausgleich fiel, war ich zuversichtlich, dass Italien gewinnen würde. Ich hatte aber inzwischen gelernt, meine Klappe zu halten. Beim Elfmeterschießen war ich mir dann völlig sicher. Wenn Donnarumma zwischen den Pfosten steht, schrumpft das Tor regelrecht zusammen.

Und dann: Party, Autokorso, Hupkonzert. Aber auch nicht so ekstatisch, wie es in manchen Nachrichtenbildern aussah. »Feiert ihr jetzt eine Woche durch?«, fragte mich ein deutscher Kumpel via WhatsApp. Nein, am Montag morgen wurden die Fahnen zusammengerollt, und alle gingen brav ihrer Arbeit nach. Euphorie ja, Exzess nein.

Aber vielleicht habe ich auch nur nicht viel gehört, weil ich gerade eine Mittelohrentzündung habe (süß auf Italienisch: »otite«), also lediglich die Hälfte höre. Und deswegen bin ich bei einer, haltet euch fest und schnallt euch an, »otorinolaringoiatra« in Behandlung. Gibt es ein längeres, melodiöseres italienisches Wort? Es heißt Hals-Nasen-Ohren-Ärztin. Schöne Grüße an dieser Stelle!

Apropos Exzess: »Den Kater so manchen Engländers mag ich mir nicht vorstellen«, schrieb ich am Montag meinem Kumpel. 

Der antwortete: »Die meisten von denen wissen gar nicht, wie das Spiel ausgegangen ist.«

Die Presseschau vom Montag. Und eine Erinnerung für alle Engländer, die erst jetzt aufstehen und zum Aspirin greifen.

Jetzt aber: Sommer für alle!

Hier noch einmal meine gesammelten Tipps für euren Italienurlaub:

Alles (wirklich alles) zu Venedig steht hier – Hotels für knappe und pralle Geldbeutel, Geheimtipps, Shopping-Adressen, Restaurants und vieles mehr.

Gardasee? Aber klar.

Geheimtipps für unsere geliebte Toskana? Hier entlang.

Meine Lieblingshotels von Norden nach Süden? Bitteschön. Alle selbst beschlafen!

Und Grado? Hier und hier findet ihr alles.

Die letzte Mediterrane Wochenschau (mit venezianischen Fabelwesen!) steht hier.

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