Venedig: 12 »Geheimtipps«

Ihr wollt es doch auch.

Die Touristen Touristen sein lassen, stattdessen Schulter an Schulter mit den Einheimischen an einer Theke stehen und vielleicht noch eine junge Ornella Muti kennenlernen, die mit euch anschließend durch den Abend schlendert, sich leicht beschwipst bei euch untergehakt, ihre Schuhe abstreift und mit der freien Hand an den Riemchen umherwirbelt.

Oder ihr wollt von einem jungen, verwegenen Adriano Celentano überredet werden, mit seiner Privatgondel durch die nächtlichen Kanäle zu schippern. Dabei singt er euch ein Ständchen, dass ihr nur so dahinschmelzt. Später stellt sich heraus, dass er die Gondel nur »geliehen« hat, aber der Besitzer ist ihm deswegen nicht böse, denn niemand kann je Adriano Celentano böse sein.

Exkurs: So bindet sich Adriano Celentano die Schuhe zu.

Zurück zu dieser amphibischen Stadt, der wohl schönsten der Welt. Die Wahrheit ist: Wenn 30 Millionen Touristen pro Jahr in einen Stadtkern strömen, der noch etwa 60.000 Menschen beherbergt, dann sind Touristen in nahezu jeder Gasse, in jeder Trattoria, an jedem Tresen in der Mehrheit. Und wer glaubt, bei Regen, Schnee, Nebel oder gar Hochwasser würde der Zustrom abebben, der irrt. Venedig ist ein Dauerzirkus.

Dennoch: Es gibt ein paar Möglichkeiten, zumindest die allergröbsten Anballungen zu vermeiden und auch noch mit einigermaßen gutem Gewissen zu reisen. Dann ist eine Begegnung mit einer jungen Ornella Muti zumindest nicht gänzlich auszuschließen.

  1. Kommt mit dem Zug.

Es ist die zauberhafteste, stressfreieste Anreise, die möglich ist. Der Zug hält im Bahnhof Santa Lucia, die Bahnhofstüren schwingen auf, und ihr steht direkt am Canal Grande. Es ist wirklich wie ein Märchen. Und ihr habt keinen Ärger mit dem Auto, denn vor den Parkhäusern an der Piazzale Roma bilden sich gern Schlangen. Und warum soll der Tag im Stau beginnen? Man kann das Auto auch in Mestre oder in einer anderen italienischen Stadt stehen lassen, denn nach Santa Lucia fahren alle zehn Minuten Züge. Jaja, schon gut: Umweltfreundlich ist das Zugfahren natürlich auch.

  1. Geht zu Fuß.

Fast alle Touristen machen den Fehler, sowohl an der Piazzale Roma (falls mit dem Auto angekommen) als auch vor dem Bahnhof Santa Lucia sich sofort in die Schlange zu den Traghetti einzureihen. Das kann eine weitere halbe Stunde kosten. Zum Bootsfahren bleibt noch genügend Zeit. Geht erst einmal zu Fuß. Zu Fuß sind es, an der Rialtobrücke vorbei, vom Bahnhof zum Markusplatz entspannte 25 Minuten, ohne dass man je etwas wirklich Hässliches sieht.

  1. »Strong characters travel light.«

Ein Weekender, kein ratternder Rollkoffer, per favore. Venedigs Einwohner bedanken sich vorab.

  1. Reist signorile.

Es ist nicht vorgeschrieben, die Stadt in wasserfester Funktionskleidung, »bequemen« Turnschuhen und Bauchgurt zu erkunden. Man darf auch ruhig in Hemd und Jackett, in vernünftigen Schuhen oder im eleganten Pullover umherschlendern. Das macht einen ganz anderen Eindruck. Versprochen. Und man wird nicht wie ein Tourist behandelt.

  1. Weil ihr’s könnt: Kaffee im »Florian«.

Zwölf Euro für einen Cappuccino – na und? Dafür sitzt ihr in der Mutter aller Kaffeehäuser, und wer den Preis als museales Eintrittsgeld begreift, hat es verstanden. Zu Gast waren schon alle Geistesgrößen, aus Deutschland etwa Goethe, von Hofmannsthal, Wagner, Mann. Zumindest innen ist das »Florian«, ebenso wie die anderen Cafés am Markusplatz, keineswegs in touristischer Hand, sondern wird von Venezianern bevölkert, die in unvergleichlich eleganter Atmosphäre (Tipp im Tipp: Man sitzt definitiv besser drinnen als draußen) und in aller Ruhe ihren Tee oder Kaffee genießen.

  1. Esst in der »Osteria al Bacareto«.

Die Brüder Adriano und Emilio setzen konsequent auf venezianische Küche, Spezialität: Seppie nere con polenta. Wenn Saison ist, gibt es auch ausgezeichnete moeche (siehe Punkt 10). Weitere typische venezianische Gerichte sind sarde in saor (marinierte Sardellen), Spaghetti alla busara (mit Meeresfrüchten), allerlei Risotti und Fegato alla veneziana (Kalbsleber mit Zwiebeln und Polenta). In San Marco.

  1. Oder esst im »Da Rioba«.

Eloisa und Andrea servieren in Cannaregio Spezialitäten wie Lasagne aus Seezungenfilets mit Pinienkernen und Aceto Balsamico oder Bigoli mit Meeresfrüchten. Dazu kommt die Traumlage am Misericordia-Kanal. Andrea betätigt sich zudem als Fotograf und stellt die Bilder im Restaurant aus. Besonders das Hochwasser hat es ihm angetan. Seine Bilder beweisen, dass Venezianer mit dem Acqua Alta gelassener umgehen als hysterische deutsche Nachrichtensprecher.

  1. Bleibt über Nacht.

Der wichtigste Tipp von allen. So werdet ihr vom Touristen zum Reisenden. Wenn am Abend die Selfie-Stick-Träger Venedig verlassen, dann kehrt beinahe so etwas wie Ruhe in der Serenissima ein. Ach ja: kein Airbnb! Die Plattform ist ein Grund dafür, dass Venedig ausstirbt. Viele Venezianer vermieten ihre Wohnungen teuer und ziehen selbst aufs Festland. Kurzfristig eine clevere Idee, langfristig für die Stadtentwicklung fatal.

  1. Schlaft bei Mattia.

Mattia hat einen hübschen Palazzo in Cannaregio geerbt und daraus ein preiswertes (ein wirklich unfassbar preiswertes) B&B namens Ponte Chiodo gemacht, sogar mit einem kleinen Garten, in dem im Sommer gefrühstückt wird. Schaut hier.

  1. Oder schlaft im Cipriani.

Ihr wollt es glamourös? Gut so. Aber: Viele Nobelhotels halten nicht, was die Sterne (oder die Zimmerpreise) versprechen. Im zweifellos schönen Danieli beispielsweise gibt es Zimmer, in denen man nicht auf Kanäle, Palazzi oder Plätze, sondern auf Backsteinmauern schaut. Wer aber im Cipriani – oder im noch weiter draußen gelegenen JW Marriott – unterkommt, der freut sich nicht nur über unverbauten Lagunenblick, sondern bekommt einen kostenlosen Shuttleservice zum Markusplatz, so oft es einem gefällt. Ja, billig sind diese Hotels nicht. Aber ist das Leben nicht zu kurz, um am Urlaub zu sparen?

  1. Steht früh auf.

Markusplatz, Dogenpalast, Campanile, Canal Grande: alles weltklasse. Aber für Genießer kann die Hauptattraktion Venedigs nur der Rialto-Fischmarkt sein. Drei Meter große Thunfische, gewaltige Schwertfische, Tintenfische, Krebse, Hummer, Seespinnen – die ganze überbordende Pracht des Meeres wird hier verkauft. Schon vor 7 Uhr morgens öffnen die Stände. Und wer vor 10 Uhr kommt, kauft mit Einheimischen ein. Im Frühjahr und im Oktober gibt es moeche (gesprochen mo-ekke), frisch gehäutete Krebse mit noch weichem neuem Panzer, die im Ganzen frittiert werden. Klingt komisch, schmeckt aber hervorragend. Sie kosten bis zu 80 Euro das Kilo.

  1. Kehrt ein im »Al Mercà«.

Stimmungsvolle Bar am Fischmarkt, randvoll mit Marktarbeitern und ihren Kunden, auch Kaufleute treffen sich hier. Gute Weinauswahl, viele cicchetti, die typischen venezianischen Häppchen.

Hier kommen noch ein paar Bars und Restaurants, weil ich gerade in Schwung bin:

– »Caffè Quadri«, Restaurant im ersten Stock mit Blick auf Markusdom unter der Leitung der multipel besternten Alajmo-Brüder: Tagliolini mit Krebsfleisch, Muscheln, Dill und Creme aus schwarzen Oliven; Risotto di seppie al nero mit Erbsen und Seeigeln.

– »Antico Martini«, Restaurant bei der Fenice-Oper, Klassiker wie sarde in saor oder baccalà mantecato; die Seezungenfilets kommen als turbantini (Röllchen) mit gedünsteten Zucchini daher.

– »Al Bottegon«, Weinbar in Dorsoduro mit großer Snack-Auswahl, die cicchetti fliegen nur so über den Tresen.

– »Al Volto«, San Marco, eine der bestsortierten Weinbars, kleine, aber feine Karte mit Hauptgerichten wie dem tris di baccalà mit Polenta.

– »Gam-Gam«, das beliebteste Restaurant im Ghetto und eines der bekanntesten koscheren Restaurants der Welt, betrieben von einer Familie, die schon seit dem 15. Jahrhundert in Venedig lebt.

– »Osteria Al Portego«, winzig, laut, oft schwappt der Betrieb bis vor die Tür. Randvolle Cicchetti-Teller zum Wein an der Bar, aber es gibt auch eine Speisekarte mit Risotti und Pasta, etwa die Spaghetti alla busara. In Castello.

– »Osteria Ca’ d’Oro La Vedova«, eines der beliebtesten Restaurants der Stadt – fantastische Polpette, gute Spaghetti in nero, Kalbsleber, Misto di verdure, reichlich Wein. In Cannaregio.

– »Trattoria Altanella«, Fischrestaurant, das seit vier Generationen von der Familie Stradella geführt wird, etwas versteckt an einem Seitenkanal von Giudecca gelegen. Robert de Niro ist Stammgast, wann immer er in Italien ist.

So weit, so gut.

Ihr habt jetzt richtig Lust auf Venedig bekommen, oder? Verständlich: Dann solltet ihr euch unbedingt dieses Buch zulegen. Und/oder den Nachfolgeband, der im Dezember veröffentlicht wird.

Und: Im nächsten »Alpe Adria Magazin« erscheint ein langer Artikel über Venedigs dunkle Geheimnisse. Es ist am 17. November in Österreich und eine Woche später in Deutschland im Handel. Darin habe ich noch mehr Tipps gepackt.

Und: Schaut doch mal bei der Facebook-Gruppe »Venedig-Freunde« vorbei, randvoll mit Enthusiasten, die sich dieser Stadt verschrieben haben.