Schnee, Sturm und der Salbei-Zwischenfall: Mediterrane Wochenschau XL

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Sonntag, 14. Februar

Was für ein Traumtag – 20.000 Tagesgäste kamen nach Grado und trugen brav Maske, und die wenigen offenen Restaurants mussten die Besucher in drei Schichten abfüttern. Die Sonne strahlte, es war bitterkalt, aber windstill und daher sehr angenehm. Und was die Masken angeht: So langsam gewöhnt man sich ja dran. Ich erwische mich manchmal, dass ich im Auto sitze und erst nach fünf Minuten merke, dass ich sie noch trage. Es ist wie mit einem alten Kaugummi unter der Schuhsohle, das ein bisschen lästig ist und für einen etwas unrunden Gang sorgt, aber zumindest bleibt man nicht mehr mit jedem Schritt am Asphalt kleben.

Ein seltenes Bild: Teile des Hafens sind zugefroren.

Wir bekamen in den letzten drei Tagen wirklich alles geboten: Hochwasser, Minusgrade, Bora-Sturm – aber jetzt haben wir das Schlimmste überstanden, und die Temperaturen bewegen sich auf eine stabile Zweistelligkeit zu.

Eine einfache maritime Rechnung: viel Sturm = malerisches Strandgut.

Montag, 15. Februar

Neues aus dem Sprachlabor: Hier und hier hatte ich euch ja erklärt, was »Rumknutschen« und »Komm mit zu mir, ich zeige dir meine Briefmarkensammlung« auf Italienisch heißt (nicht »Briefmarkensammlung«, sondern »Schmetterlingssammlung«). Jetzt habe ich den Ausdruck »scorrere tutto il calendario« gelernt. Zunächst eine Erklärung für alle Atheisten, Agnostiker und Protestanten: Jeder Kalendertag ist einem Heiligen gewidmet, und erst in Italien erfuhr ich, dass ich einen Namenstag habe, zu dem man mich auch beglückwünscht (»buon onomastico!«). Es ist Santo Stefano, der 26. Dezember. Und wenn man sich nun ganz unangenehm wehtut, etwa mit dem kleinen Zeh gegen das Stuhlbein gerät, dann »flucht man den ganzen Kalender durch«, verwünscht also in seiner Wut sämtliche Heiligen der Christenheit.

Mittwoch, 17. Februar

Du kommst raus aus Deutschland, aber Deutschland kommt nicht raus aus dir. Es war Abend, ich wollte mir ein ausgesprochenes Wohlfühlgericht zubereiten, nämlich Tortellini mit Butter und Salbei. (Ja, ich weiß, sehr Achtzigerjahre, aber manchmal müssen solche Nostalgiegerichte einfach sein.) Aber, oh Schreck, der Salbei auf dem Balkon hatte den Frost nicht überlebt. Und im Gewürzregal war auch nichts mehr, und die Supermärkte waren schon geschlossen. Also rief ich meine Schwiegermutter an. Bei ihr sah es genauso aus, Pflanze erfroren, Gewürzregal leer. Aber sie gab mir einen Tipp: Auf der Straße Duca d’Aosta, rechts neben der Markthalle, gäbe es einen Salbeistrauch, wo sie sich öfter mal bediene.

Klasse, dachte ich, gratulierte mir zu meiner italienischen Checker-Schwiegermutter und begab mich zu dem Strauch. Und was sah ich dort? Ein Verbotsschild.

Im Hintergrund lockt der Salbei. Fun Fact: Ich habe mich nicht einmal getraut, das Verbotsschild fürs Foto freizulegen!

Ich habe mich natürlich daran gehalten. Vor allem, weil zu viele Leute auf der Straße unterwegs waren.

Ich bin ein ganz schlechter furbo. Ein furbo ist ein kleiner Gauner, aber in dem Wort schwingt auch etwas Bewunderndes mit: Er ist einer, der sich alles zu seinen Gunsten hinbiegt und nie erwischt wird. 

Noch heute rieselt es mir kalt den Rücken runter, wenn ich daran zurückdenke, wie ich zum einzigen Mal in meinem Leben auf einem Behindertenparkplatz parkte. Ich hatte zwanzig Minuten lang gesucht und musste irgendwas für meine Schwiegermutter aus der Apotheke besorgen. Also naschte ich von der verbotenen Frucht und hielt auf dem extrabreiten Parkplatz, stellte den Warnblinker an, RANNTE in die Apotheke und war nicht später als dreißig Sekunden wieder zurück. Doch da hatte sich schon eine kleine Armee von Rollstuhlfahrern zusammengerottet, denn just in diesen dreißig Sekunden war ein Kleinbus mit ihnen angekommen, der meinetwegen halb auf der Straße halten musste, um die Fahrgäste zu entladen. Die Behinderten rollten mit erhobenen Fäusten auf mich zu, und ich musste mich regelrecht ins Auto flüchten und mit quietschenden Reifen davonfahren. Eine ganz peinliche Nummer meinerseits. (Aber eigentlich eine coole Szene für einen Film.)

Freitag, 19. Februar

Lockdown in Venedig – das sind doch mal ehrliche Schlösser! Mit einer Büroklammer fummelt sich da auch MacGyver nicht raus (nach den Tortellini von oben noch eine Achtzigerjahre-Referenz!). Ansonsten geht es hier langsam aufwärts. Möglich, dass ab Anfang März wieder beinahe so etwas wie die neue Normalität beginnt, natürlich mit den üblichen Einschränkungen (Maske & Abstand) – ich habe über den Fahrplan hier geschrieben, damit ihr auf dem neuesten Stand seid.

Dogenpalast, die B-Seite: Wer das Zimmer hinter dieser Tür bezog, kam so schnell nicht mehr raus.

Das Foto ist übrigens im Dezember 2019 entstanden, also kurz nach dem verheerenden Hochwasser – in jenen wenigen Wochen nach der Flut, als man dachte, jetzt kann ja nichts Schlimmeres mehr kommen…

Und wenn ihr jetzt Lust auf Venedig, Frühling und Italien bekommen habt: Da hätte ich einen Buchtipp für euch.

Das Buch macht sich gut am Meer, in der Lagune und im Lesesessel.

Ein deutsch-italienisches Ermittlerteam trifft auf einen geheimnisvollen Maskenmacher, einen Waffennarren mit Rachegelüsten, einen gefährlichen Kunsthistoriker, den chinesischen Alain Delon, eine Geheimorganisation und einen Carabiniere, der so gut mit den Ohren wackeln kann, dass er das Orchester im Opernhaus La Fenice dirigieren könnte, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. 

Die nächste Mediterrane Wochenschau erscheint pünktlich am 26. Februar, bis dahin euch allen eine sonnige Woche!

Weil der Urlaub näher rückt: 33 verführerische Tipps zu Grado stehen hier und werden ständig aktualisiert. Tipps und Anregungen sind willkommen.

Und hier stehen alle meine Lieblingshotels in Italien aus fünfundzwanzig Jahren Reisejournalismus.

Zur vorigen Wochenschau mit einem unfassbar genialen Traumauto, einem geheimnisvollen Bild und einem Weinberg auf dem Dach? Hier entlang.

Aktuelle Reiseentwicklungen stehen hier.

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